Kino

„Leichtes Mädchen“ – vom Glamour zur Gesellschaftsanalyse

Sommer an der Côte d’Azur: Mina Farid (li.) als Naïma und Zahia Dehar als Sofia im Film „Ein leichtes Mädchen“.

Sommer an der Côte d’Azur: Mina Farid (li.) als Naïma und Zahia Dehar als Sofia im Film „Ein leichtes Mädchen“.

Foto: Julian Torres/Les Films Velvet/Wild Bunch /dpa

Essen.  „Ein leichtes Mädchen“, der neue Film von Regisseurin Rebecca Zlotowski, zeigt das Ende einer Jugend in einer von Geld und Macht bestimmten Welt.

Genau so stellt man sich den Sommer an der Côte d’Azur vor. Kleine Buchten und riesige Yachten. Junge, nur leicht bekleidete Frauen, die über die Promenade von Cannes flanieren, und reiche ältere Männer, die sie mit taxierenden Blicken verfolgen. Der verschwenderische Luxus des Jetsets, der in Cannes, Nizza oder Antibes Station macht, auf der einen Seite – und auf der anderen die überhaupt nicht glamouröse Wirklichkeit der unsichtbar bleibenden Einheimischen, die in den Luxushotels und -Geschäften arbeiten.

So gesehen erfüllt Rebecca Zlotowski mit ihrem Kinofilm „Ein leichtes Mädchen“ alle Erwartungen an eine Geschichte vom Ende einer Jugend in Cannes. Sie scheut sich nicht, all diese Klischees, die natürlich einen Kern Wahrheit in sich tragen, ausgiebig zu bedienen. Aber das magische südfranzösische Sonnenlicht, das den Strand und das Meer glitzern lässt, erweist sich als trügerisch. Es mag die Körper wärmen, innerlich scheinen die Menschen nach und nach verdorrt.

Ankommen in der Welt der Reichen und Schönen

Dieses Schicksal droht auch der jungen Naïma (Mina Farid), deren Mutter in einem der Luxushotels als Zimmermädchen arbeitet. Die 16-Jährige weiß weder wohin mit ihrem Leben noch wohin mit ihrem Körper. Das macht sie verführbar. Bisher war es Dodo, ihr bester Freund aus der Schule, der sie immer mitgezogen hat. Doch nun ist ihre 22-jährige Cousine Sofia (Zahia Dehar) aus Paris zu Besuch und führt sie ein in die Welt der Reichen und Schönen. Eines Abends fallen die beiden jungen Frauen dem brasilianischen Multimillionär Andres Monteiro (Nuno Lopes) auf, dessen Yacht für ein paar Tage im Hafen von Cannes liegt. Während sich Sofia, eine Kurtisane des 21. Jahrhunderts, von An­dres mit Geschenken umwerben lässt, wacht Philippe (Benoît Magimel), der für den Millionär arbeitet, ein wenig über Naïma.

Die Tage und Wochen mit Sofia markieren für Naïma den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein. Es ist eine aufregende und unvergessliche Zeit der Versuchungen und der Erkenntnisse. Die unsichere Teenagerin, die sich bisher treiben ließ, bekommt durch Andres und Philippe einen Einblick in die Mechanismen einer allein von Geld und Macht bestimmten Welt. So weitet Rebecca Zlotowski geschickt die Perspektive. Ihr Film beginnt als klassisches Drama des Erwachsenwerdens, um sich als brillante, von keinerlei Illusionen getrübte Analyse heutiger Gesellschaftsverhältnisse zu entpuppen.

Naïma lässt sich nicht auf die Spielregeln der Superreichen ein

Naïma verliert im Lauf dieses Sommers ihre Unschuld, nur nicht so, wie man es in diesem Genre eigentlich erwartet. Anders als Sofia, die genau weiß, was sie von Männern wie Andres erwarten kann, lässt sie sich nicht auf die Spielregeln der Superreichen ein. Sie bleibt auf Distanz und begreift mit der Zeit, dass sich abgesehen von einigen wenigen Privilegierten jeder Mensch verkaufen muss. Eine bittere Erkenntnis, die Rebecca Zlotowski mit jeder ihrer inszenatorischen Entscheidungen unterstreicht, ohne dabei in Schwarz-weiß-Denken zu verfallen. Sie verurteilt niemanden. Naïmas Mutter verkauft ihre Arbeitskraft, Philippe seine Integrität und Sofia ihre Schönheit. So funktioniert die Welt, und irgendwann müssen alle den Preis für die Wahl bezahlen, die sie getroffen haben.

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