Krimi

Lisa McInerneys Krimi-Debüt „Glorreiche Ketzereien“

Platz 1 der Krimibestenliste im August 2018: Die Irin Lisa McInerney und ihr fulminanter erster Roman „Glorreiche Ketzereien“.

Die Firma Bailey aus Dublin rühmt sich als weltweite Marktführerin für „Lady’s drinks“, vor allem mit ihrem teuflisch süßen Sahne-Whiskey-Mix „Bailey’s Irish Cream“ (17% Alkohol). Aber sie sorgt auch sonst fürs ‚geistige’ Wohl der Damenwelt und hat einen Preis für den besten Debütroman englischsprachiger Autoren gestiftet. Den hatte Lisa McInerney aus Galway schon 2015 gewonnen; und jetzt ist es wieder mal der findige Liebeskind Verlag, der ihre „Glorreichen Ketzereien“ in einer feinen Übersetzung importiert hat. Den Spitzenplatz der Krimi-Bestenliste hat das Buch im Sturm erobert.

Es schmeckt aber keineswegs süßlich-cremig, eher herb, ja bitter wie ein Guinness. Und zwischen Alkohol, sonstigen Drogen, Prostitution, Kleinkriminalität und Knast treibt orientierungs- und ziellos auch eine Handvoll Figuren durch den Roman, prekäre Existenzen, die meisten noch jung, vom Erwachsenwerden überfordert und ohne familiäre Hilfe.

So gesehen ist dies schlicht und einfach ein Elendsroman, und ich habe mich ein paarmal gefragt, warum ich ihn immer noch nicht weggelegt habe … Das aber liegt ganz klar an der Erzählkunst dieser Newcomerin. Virtuos wechselt sie Sprach- und Stilebenen, handhabt den tückischen „Jugendsprech“ souverän, und imprägniert ihre Elendsgeschichte mit einem eigenen, aber auch typisch irischen Humor. Zugleich greift sie souverän in den Handwerkskasten der Moderne; hier und dort schimmert gar James Joyce, Übervater der irischen Literatur, mit seinem Jahrhundertroman „Ulysses“ durch ihre Prosa.

So locker wie bei ihm werden auch hier die Episoden mit wechselnden Figuren verknüpft, eingerahmt vom Schauplatz, diesmal Cork, der zweitgrößten irischen Stadt, halb Provinz, halb moderne Großstadt.

Heimliche Hauptfigur ist der junge Ryan, hochbegabt, von desolaten Familienverhältnissen schon gebrochen und früh in eine kriminelle Karriere samt Jugendknast gerutscht; daneben ist Maureen zu erwähnen, die sechzigjährige Mutter des örtlichen Gangsterchefs, nach dessen Geburt sie nur knapp dem katholischen Straflager für ledige Mütter entgeht. Ziemlich aus Versehen erschlägt sie nun einen jungen Mann, der in harmloser Absicht in ihr Haus geraten ist – und zwar mit einem schweren, der jungfräulichen Mutter Maria geweihten Holzkreuz! Die Entsorgung der Leiche durch den Gangstersohn – Krimikomödie pur! – setzt nun einen teuflischen Mechanismus in Gang, der immer mehr Figuren erfasst und schneller zur Tragödie wird, zu einer bitteren Abrechnung mit der repressiven irischen Vergangenheit und ihren Folgen. Bis hin zur nächtlichen Szene, in der Maureen den verzweifelten Ryan gerade noch vom Todessprung in den River Lee abhalten kann.

Noch ist also Hoffnung.

Ich vermute sogar, dass Ryan noch die Kurve zur erträumten Musikerkarriere kriegen wird, auf Englisch gibt es schon einen Folgeroman! Demnächst hoffentlich auch bei Liebeskind.

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