Roman

Wenn ein Überfall ein ganzes Leben ruiniert

Hauptprotagonistin Carolien flüchtet aus dem Alltag nach Shanghai.

Hauptprotagonistin Carolien flüchtet aus dem Alltag nach Shanghai.

Foto: Istock/chuyu

Berlin.   In ihrem Roman „Denn es will Abend werden“ erzählt Anna Enquist von Verlust, Trauer und dem Wiederentdecken von Glück.

Nach einem gewaltsamen Überfall auf das Streich- und Freundesquartett ist nichts mehr, wie es war. Körperlich und seelisch demoliert, kapseln sie sich voneinander ab und versuchen, irgendwie mit ihrem Trauma klarzukommen. Sie musizieren nicht mehr, die Freundschaft ist hin, und jeder pflegt seine Neurosen ganz für sich alleine.

Gegen den Verlust

Das Ehepaar Carolien und Jochem steht im besonderen Fokus von Anna Enquists aufwühlendem Roman. Carolien hat einen Finger verloren, sie rührt ihr Cello nicht mehr an und gibt ihren Beruf als Hausärztin auf. Jochem dagegen stürzt sich in seine Arbeit und verbarrikadiert sich in einer Art Hochsicherheitstrakt, immer getrieben von der Angst, erneut zum Opfer zu werden. Die Grobschlächtigkeit, mit der er seine Frau wieder zum Musizieren und Arbeiten drängen will, pariert sie mit völligem Rückzug, die Ehe bröckelt auseinander wie altes, nicht mehr tragendes Gemäuer. Den Grund, warum die beiden so besonders stark an dem Vorfall zu knapsen haben, flicht Anna Enquist kunstvoll ein.

Für Carolien und Jochem ist dieser Überfall das zweite große Trauma: Bei einem Unfall einige Jahre zuvor haben sie ihre beiden Söhne verloren. Das Musizieren mit ihren Freunden war da ihr Heilmittel gewesen, ihr Halt nach der wohl fundamentalsten Verletzung, die das Leben so zu bieten hat. Dass nun auch dieser Trost hin ist, trifft sie beide schwer.

Entsprechend schwermütig geht es vor allem im ersten Teil des Romans zu. Gemeinsam mit Carolien taucht der Leser in brackig-unschöne Bereiche des Empfindens ab – um dann umso faszinierter festzustellen, wie plastisch Gefühle wie Schuld und Scham, Lethargie und Verdruss hier gezeichnet werden.

Tatsächlich behauptet Anna Enquist nichts, was sie nicht versteht. Sie hat lange als Psychoanalytikerin praktiziert und ist ausgebildete Konzertpianistin. Und welchen Trost die Musik spenden kann, weiß sie, seit sie 2001 ihr eigenes Kind bei einem Verkehrsunfall verlor. Die Autorin, die verhältnismäßig spät mit dem Schreiben begann, gehört heute zu den wichtigsten literarischen Stimmen der Niederlande. Durch viele ihrer Bücher zieht sich das Motiv der Musik, die ihren Romanfiguren Halt und sogar Heilung gibt. Ihr 2015 erschienener Roman „Streichquartett“ etwa endet genau da, wo „Denn es will Abend werden“ beginnt. Obwohl man sie als Fortsetzung lesen könnte, sind es zwei völlig eigenständige Romane.

Endlich wieder Gefühle

Recht unvermittelt fliegt Carolien nach China – wissend, dass sie in ihrem Vakuum aus Traumata irgendwann ganz verkümmern würde. Und da kommt, natürlich, Bewegung in die verfahrene Situation: Glücksgefühle werden wiederbelebt, Interesse an der äußeren Welt erwacht, es wird sogar wieder miteinander geschlafen – wenn auch nicht mit dem eigenen Ehemann. Natürlich ist jetzt nicht wieder alles gut, das weiß Carolien ebenso wie ihre Schöpferin, und so kehrt sie schließlich wieder zurück nach Holland. Und die Reise, die Heilung bedeutet, geht hier langsam weiter. Bis zum Ende des Tunnels.

Denn es will Abend werden von Anna Enquist
Luchterhand, 288 S., 22 €, Wertung: 4 / 5 Punkten

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