Theater

Loveparade: Moers macht Duisburgs Katastrophe zu Theater

Gegen das Vergessen: Im Schlosstheater Moers hatte das Stück "Parade 24/7" Premiere. Es bringt das Geschehen der Loveparade-Katastrophe von Duisburg auf die Bühne.

Gegen das Vergessen: Im Schlosstheater Moers hatte das Stück "Parade 24/7" Premiere. Es bringt das Geschehen der Loveparade-Katastrophe von Duisburg auf die Bühne.

Foto: Jakob Studnar

Moers.  Darf die Loveparade-Katastrophe Theaterstoff sein? Moers‘ Schlosstheater traut sich. Zur Premiere am Mittwoch kamen sogar Angehörige der Opfer.

Taugt eine Katastrophe fürs Theater? Sie tut es - seit seiner Erfindung. Von Aischylos bis Peter Weiss legten seine Dichter Weltenbrände unters Brennglas. Freilich ergibt sich im Fall der Duisburger Loveparade ein zentraler Unterschied: Anders als in Kriegen und Vernichtungsfeldzügen gebar hier ohne jeden Vorsatz ein munter wummerndes Entertainment den Tod.

Umso auffälliger, dass das Vokabular dafür der Bühne entlehnt war, lange bevor Moers‘ Schlosstheater das Thema theatralisch erkundete. Von „Tragödie“ sprachen Politiker. Das „Drama“ einer Techno-Party analysierten Leitartikel. Selbst als die Trauer der Wut über all das Weglügen und Verantwortungsgeschacher wich, blieben Theater-Gleichnisse: Sie nannten es eine „Farce“, manche Politiker-Peinlichkeit wurde „Posse“, „absurdes Theater“ auch.

Loveparade-Katastrophe: Keine Zeile im Stück ist Dichtung

Ulrich Greb, Intendant am kleinsten Theater der Region, greift zur schneidend-schlichten Waffe des Protokolls. „Parade 24/7“ ist das erste Stück zum Unglück der Duisburger Loveparade – und keine Zeile darin ist Dichtung.

Diese druckvollen 90 Minuten sind Archiv-Material, sind Polizeiprotokoll und das Gestammel Adolf Sauerlands, sind Gerichtsaussagen und von miesen Funkverbindungen zerfressene Notrufe, sind haarsträubendes Behördendeutsch („Befüllungsgrad“, „Vereinzelungsanlage“), locker-flockige Radiomoderationen („Das wird ne feine Sause heute“) und Pathologie-Bericht.

So wäre also die Wirkmacht des Theaters allein die Wucht des Protokolls? Nein. Greb sucht in radikaler Reduktion eine szenische Entgegnung. Dem strahlenden Duisburger Himmelblau vom 24. Juli 2010 setzt er von Beginn an tiefe Tunnelschwärze entgegen. Kein einziger der sechs Spieler trägt weder Farbe noch Freude des Fetenpersonals am Leib: Graue Herren (auch die Damen) allesamt.

Nichts Glückliches füllt den Raum

Zwar tanzen auch sie, pausenlos die ersten 30 Minuten, physisch monströs gefordert. Nichts grenzenlos Glückliches aber füllt den Raum, stattdessen: zuckende Unmündigkeit, freiwillig gleichgeschaltet, gespenstisch verwechselbar, schon bereit für das Danach - die seifigen Statements und Aussagen im Zeugenstand.

Das Klaustrophobische der Katastrophe findet in Birgit Angeles Bühne eine grausig-geniale Entsprechung: Es füllen mehr und mehr gewaltige schwarze Ballons die Fläche, Menschen verschwinden, es bleibt kaum Luft zum Atmen. Der kleine Zuschauerraum: er wird erdrückt von einer Ahnung, was Menschen damals widerfahren ist.

„Parade 24/7“: Mosaik aus Zufall, Dummheit, Gier nach Geltung

So sachlich die Textfassung das Unfassbare als Mosaik aus Zufall, Dummheit, Gier nach Geltung, Versagen, Überforderung, Opportunismus und Event-Geilheit zusammenfügt, so kreativ zeigen sich die Mittel der Regie. Nicht einmal galligen Humor und kaltschnäuzige Revue scheut Greb, um das Abgeschmackte von Veranstaltern, Politik und Behörde zu illustrieren. Und so werden zeitgleich die feschen Einstecktücher gezückt für einen listig zelebrierten Zaubertrick, alle Schuld im Nu verschwinden zu lassen. Klar, dass ein Stinkefinger dieses Abrakadabra vollbringt.

Diese 90 Minuten sind kein Coup neuer Erkenntnisse. Von der unkontrollierbaren Katastrophe bis zur Bankrotterklärung der Justiz werden aufmerksame Menschen all das noch im Bewusstsein haben. Dennoch: Die Addition der Verfehlungen und Dreistigkeiten bombardiert uns an diesem Abend massiv, Täterprofile im Telegrammstil gewissermaßen.

Ein Schauspiel gegen das Vergessen

Gerade weil einen dieser Fall bis heute sprachlos machen kann, tut es gut, dass Theater nicht dazu schweigt. Am Ende, der reiche Schlussapplaus war schon fast verklungen, standen Mittwoch bei der Premiere zwei Angehörige der Opfer auf der Bühne – mit Rosen für die Toten und für die, die an diesem Abend gegen das Vergessen angespielt haben.

>>>Info: Parade 24/7. Schlosstheater Moers. Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause. Karten 19,50€, erm. 7€. Tel. 0 28 41 - 88 34110. Nächste Termine: 23., 28., 29. Februar. 13., 15. März

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben