Literatur

Margaret Atwood setzt „Report der Magd“ fort

Elisabeth Moss als Magd in der Serie „The Handmaids Tale“, die 2017 startete.

Elisabeth Moss als Magd in der Serie „The Handmaids Tale“, die 2017 startete.

Foto: Handout

1985 veröffentlichte Margaret Atwood ihren Roman „Der Report der Magd“. Nun legt sie mit „Die Zeuginnen“ eine überraschende Fortsetzung vor.

Als Margaret Atwood 1985 ihren schaurigen „Report der Magd“ veröffentlichte, schien ein Amerika, in dem Frauenrechte der Willkür obliegen und irre Machthaber das Volk ungestraft in die kollektive Verdummung hinein quatschen konnten, in sehr weiter Ferne. Am Ende des Romans wagte die als Gebärmaschine missbrauchte Magd einen Fluchtversuch aus der totalitären Republik Gilead – ob in den Tod oder in Sicherheit, das blieb offen. Nun, über drei Jahrzehnte später, reist Atwood mit dem Roman „Die Zeuginnen“ einmal mehr ins Lande Gilead. Die größte Überraschung dieses an Überraschungen nicht armen Werkes ist: Es geht gut aus.

Was keinesfalls bedeutet, dass die Grande Dame der kanadischen Literatur mit ihren im November auch schon 80 Jahren altersmilde geworden wäre. Im Gegenteil: Der gute Ausgang ist eine schlechte Nachricht. Denn offenbar meint Margaret Atwood, ihre gegenwärtige Leserschaft hätte Trost nötig: „Aus Möglichkeiten wurden Aktualitäten“, schreibt sie im Nachwort zur Fortsetzung: „Die Bürger vieler Länder, die USA eingeschlossen, stehen heutzutage unter mehr und vielfältigerem Stress als vor drei Jahrzehnten.“

Im „Report“ hatte Margaret Atwood die Tötungspraxis der „Partizikution“ erdacht

Atwood erzählt ihre Geschichte in Dokumenten, die – wie einst der „Report“ – historische Wahrheit suggerieren; diesmal handelt es sich um die Zeugenaussagen von einer Agnes und einer Daisy sowie um die geheimen Aufzeichnungen einer der Gründerinnen von Gilead: Tante Lydia, die als Leitung von Haus Ardua junge Mädchen zu „Tanten“, also neuen Führungspersönlichkeiten, ausbildet. Die letztgültige Auflösung ihrer Schicksale kommt dem „Dreizehnten Symposion über Gileadstudien“ aus dem Jahre 2197 zu (und soll an dieser Stelle keinesfalls gespoilert werden).

Schon im „Report“ hatte Atwood die grausame Tötungspraxis der „Partizikution“ erdacht, in der die Mädge gemeinschaftlich die jeweils verurteilten Männer buchstäblich in Stücke reißen. Das konnte man noch deuten als die hässliche Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Nun aber widerlegt Atwood mit ihrer Figur der Tante Lydia die Grundannahme weiblicher Unschuld auf subtilere und gleichzeitig grausamere Weise. Einst Richterin in jenem Amerika, das wir kennen, musste sie sich beim Staatsstreich der fundamentalischen „Söhne Jakobs“ entscheiden: Will sie tatsächlich mitwirken am Aufbau einer Gesellschaft, die Frauen in Abhängigkeit hält, ihnen das Lesen, Schreiben und Denken verwehrt?

Der Roman „Die Zeuginnen“ ist Gesellschaftskritik und gut gemachte Spannungslektüre

Ja, die Richterin wurde in Einzelhaft gehalten, gefoltert, misshandelt. Ja, sie musste um ihr Leben fürchten. Mehr aber als die Angst scheint Wut ihr Antrieb – der Wunsch, die Kontrolle zu behalten. Atwood gelingt eine zutiefst ambivalente Figur, der ihre eigene Anfälligkeit für die Verlockungen der Macht nur allzu bewusst ist. „Ich hadere mit mir“, schreibt Lydia. Ein Aspekt, der in allen #metoo-Debatten gerne außer Acht gelassen wurde und immer wieder für dieses unfassbare Erstaunen darüber sorgt, dass es tatsächlich RAF-Terroristinnen, Neonazistinnen, IS-Kämpferinnen geben könnte.

Daneben ist „Die Zeuginnen“ gut gemachte Spannungslektüre, die das Schicksal der in Gilead aufgewachsenen Agnes verwebt mit dem Mord an Daisys Eltern in Kanada – die gar nicht Daisys Eltern waren, sondern „Mayday“-Agenten, die Frauen aus Gilead die Flucht ermöglichten. Souverän führt Atwood die Fäden zusammen, bis hin zum dramatischen Ende.

Am Ende bleibt ein Kratzer in der demokratischen Selbstgewissheit

Was bleibt? Ein großer Kratzer in der demokratischen Selbstgewissheit. „Wie unendlich blöd war ich gewesen, an den ganzen Quatsch zu glauben – Leben, Freiheit, Demokratie und die individuellen Rechte…“, sagt die Ex-Richterin: „Ich hatte mich darauf verlassen wie auf einen Zauber.“ Margaret Atwood malt uns aus, was wir zu verlieren haben, welches Dasein auch möglich wäre – mehr kann Literatur kaum leisten.

Margaret Atwood: Die Zeuginnen. Berlin Verlag, 576 S., 25 €

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