Haldern Pop-Serie Teil 2

Guter Zeitpunkt für Gisbert zu Knyphausen beim Haldern Pop

Gisbert zu Knyphausen 2017 Gisbert zu Knyphausen - Sänger/Bands - Haldern Pop Festival 2018

Foto: Dennis Williamson Dennis Williamson

Gisbert zu Knyphausen 2017 Gisbert zu Knyphausen - Sänger/Bands - Haldern Pop Festival 2018

Haldern.   Wir stellen weitere Bands fürs Haldern Pop Festival vor. Mit Jake Bugg kommt auch ein großer Name. Das Timing für Gisbert zu Knyphausen ist gut.

Das Haldern Pop Festival steigt vom 9. bis zum 11. August, präsentiert von der NRZ. Hier stellen wir weitere Bands und Künstler vor, die diesmal gastieren werden.

Zur Erklärung: Für jede Band haben wir ein Erlebnispotenzial bewertet. Über Geschmack lässt sich streiten, deshalb versuchen wir gar nicht erst die Qualität der Musik zu bewerten. Das soll jeder Zuhörer für sich selbst tun. Wir versuchen mit dieser Wertung einzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass dieses Konzert für Sie zum Erlebnis werden kann.

Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Ist die Musik leicht zugänglich? Gibt’s Ohrwürmer? Ist es eher eine Nischenband? Inwieweit kann die Band am jeweiligen Spielort gut funktionieren? Wir haben es uns nicht leicht gemacht und trotzdem werden wir sicher nicht immer recht haben. Es ist eine bescheidene Entscheidungshilfe.

Gisbert zu Knyphausen (Sa, Hauptbühne): Es ist ein spannender Zeitpunkt, um den Hessen fürs Haldern Pop zu buchen. Auf dem jüngsten Album „Das Licht dieser Welt“ – schaffte es auf Platz 10 der deutschen Albumcharts – zeigt sich der poetische Liedermacher kompositorisch aufgewertet.

Geniale Texte konnte zu Knyphausen schon immer. Aber nun sind die Lieder schlichtweg musikalisch spannender. Mehr Höhen und Tiefen, mehr Finessen in den Tempi-Wechsel, ja, einige euphorische Exzesse sind zu feiern. Auch instrumental meistern zu Knyphausen und seine Musiker dies hervorragend. So ist der deutsche Barde, der diesmal auch ein paar englische Zeilen trällert, ein Hauptact. Musik für: alle ein bisschen und viele ganz viel. Erlebnispotenzial: 5/5 Sterne.

Hörproben: „Cigarettes & Citylights“, „Stadt Land Flucht“

Jake Bugg tritt in der Kirche auf. Foto: Haldern Pop Jake Bugg (Do, Kirche): Der englische Pop-Musiker hat in seiner jungen Karriere schon viel erreicht. Die Fachpresse feierte ihn, sein Gesicht zierte das Cover der Gazetten, etliche Preise zieren seine Vitrine. Seine Alben erzielten internationale Charterfolge. Songs wie „Two Fingers“ oder „Lightning Bolt“ hat der geneigte Radiohörer sicher schon mal wahrgenommen.

Doch dann gönnte sich Jake Bugg einen Tapetenwechsel. Nashville, das Epizentrum des Country, sollte es sein. Nicht ohne Folgen. Die Musik wurde ernster, lässt seine neue Heimat nicht leugnen. Sein Country, auch Folk-Pop wird angereichert mit hymnischen Streichern, tiefgründigen Bläsern und verträumten Klavier-Tönen, wie etwa der Song „The Man on Stage“.

Der Mann aus Nottingham hätte sicher auch Hauptbühnen-Potenzial, Haldern Pop hat ihn aber für die Kirche gebucht. Solo! Es dürfte also eine spannende Erfahrung sein, Jake Bugg in diesem Ambiente zu hören. Musik für: die „Ach, das kann der auch“-Momente. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

John Maus (Do, Spiegelzelt): Mit seinem 80er-Gothic-Synthie-Sound schafft es der US-Musiker wie ein Retrofuturist zu klingen – so hat es die Musik-Seite Pitchfork sehr treffend formuliert. Live bringt der Philosoph, der übrigens Klassenkamerad von Ariel Pink war (ebenfalls dieses Jahr beim Festival dabei), seine durchs Weltall tänzelnden Synthie-Klänge mit mehr Elan vor, was die Musik tanzbar macht. Sein dunkler Bariton-Gesang wirkt eher begleitend.

Im Mai ist sein Album „Addendum“ erschienen. Hier sind Stücke zu hören, die ursprünglich als Zugabe zum 2017 erschienenen, sehr gelungenen Album „Screen Memories“ geplant waren. Entsprechend wirkt es etwas wie ein B-Seiten-Album, setzt keine neuen Duftmarken. Es sind also eher die älteren Stücke, die John Maus zum Erlebnis machen. Musik für: Synthie-Punks. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörprobe: „Keep Pushing On“, „The Combine“

Deerhoof kommen zum Haldern Pop. Foto: Haldern Pop Deerhoof (Sa, Spiegelzelt): Die Indie-Rock-Formation aus San Francisco gründete sich bereits 1994. Entsprechend groß ist ihr Repertoire. Die Besetzung der Gruppe änderte sich im Laufe der Jahre. Sängerin ist seit 1996 die Japanerin Satomi Matsuzaki, die ihren Akzent zum Teil geradezu zelebriert. Vielleicht unterstreicht das auch das Experimentelle und Alternative ihrer Musik. Mal driftet ihr Sound zum Noise-Rock, mal fallen die satten Beats auf. Aber nach über 20 Tonträgern sind Schlenker in diverse verwandte Stilrichtungen keine große Überraschung.

2017 ist mit „Mountain Moves“ ihr jüngstes Album erschienen. Die Erfahrung zahlt sich aus, was an der Vielseitigkeit und am Ideenreichtum der Kompositionen herauszuhören ist. So unterschiedlich die Stücke auch klingen, ein gemeinsamer Nenner bleibt doch.

Dass die Band beim Haldern Pop spielt, erklärt Festival-Chef Stefan Reichmann so: „Es geht um Beziehungen. Da gibt es eine besondere Freundschaft zwischen der Band und André de Ridder.“ Und der Kopf des Ensembles Stargaze ist bekanntlich wiederum dem Haldern Pop eng verbunden. Musik für: Anti-Mainstream-Querdenker. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Ay That’s Me“, „Criminals of the Dream“

Philipp Poisel (Do, Hauptbühne): Der Ludwigsburger Liedermacher hat in Haldern schon beeindruckende Resonanz erzeugt. Noch vor dem ganz großen Durchbruch standen rund 120 Gäste vor der Pop Bar, die hoffnungslos überfüllt war. Auch einen Überraschungs-Gig beim Festival gab es schon. Im Radio ist er inzwischen Stammgast.

Doch der Sänger, den man in Haldern einst als klassischen Singer-Songwriter kennenlernte, ist gereift, hat sich weiter entwickelt. Die Lieder für das 2017 veröffentlichte Album „Mein Amerika“ haben Poisel und seine Band in Nashville aufgenommen. Die autobiografischen Stücke behalten die Intimität der älteren Stücke. Die filigrane Instrumentierung bietet neue Spektren. Eine Besonderheit: „Wilhelm Hauffs Schwarzwald-Märchen ‘Das kalte Herz’ wird mit Streichern und Chor in einen exzellenten Klassik-Popsong verwandelt“, schreibt Haldern Pop. Für manch einen Rock’n’Roller wird der Stil aber immer noch zu glatt sein. Musik für: Freunde emotionaler Pop-Hymnen. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Als gäb’s kein Morgen mehr“, „Erklär mir die Liebe“

Astronautalis bringt den HipHop zum Haldern Pop. Foto: Vsevolod Ledovski Astronautalis (Fr, Spiegelzelt): Worte im Sprechgesang mit Rhythmus versehen – ja, rappen – können viele. Charles Andrew Bothwell aus Minneapolis, USA, gelingt es auch, ein Publikum in Bewegung zu bringen. Aber besonders macht seine Musik, dass nicht nur satte Beats, sondern auch mal ein geniales Gitarrenspiel, starke Bläser-Passagen oder berührende Piano-Klänge ihren Raum finden. Astronautalis wird als Alternative HipHopper gesehen. Und er ist schon über 20 Jahre im Business, bestens vernetzt und immer für Experimente zu haben.

Mal sehen, ob es in Haldern auch neue Lieder zu hören gibt. Seit 2016 ist kein Tonträger mehr erschienen. Er ist auch gerne mal für spontane Freestyle-Raps zu haben. Musik für: jene, die dem Rap mehr als Beats und Wörter zutrauen. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „This Is Our Science“, „Running Away From God“

Rival Consoles (Do, Spiegelzelt): Der Brite Ryan Lee West ist ein studierter Musikproduzent. Mit „Persona“ hat er im Frühjahr seinen bereits elften Tonträger aufgelegt – der Titel ist eine Reminiszenz an Ingmar Bergmans gleichnamigen Film. Die instrumentalen Ambient-/Elektro-Klänge verbreiten zum Teil Club-Atmosphäre, nämlich dann, wenn die Beats Oberhand gewinnen. Andere Melodien kommen eher chillig daher, könnten auch in einer Lounge laufen. Einzelne Klangelemente sind interessant, als Ganzes sind die Lieder eingeschränkt konsumierbar. Haldern Pop sieht Rival Consoles als „Klangmanufaktur“. Musik für: die Ambient-Nische. Erlebnispotenzial: 2/5 Sterne.

Hörproben: „Untravel“, „Hidden“

Terra Profonda (Kirche, Donnerstag): Diese Stimme wird der Zuhörer so schnell nicht vergessen. Die gewaltige Stimme Vincenzo Lo Buglios mit ihrem extrem rauen Klang hat in Haldern schon einige Fans gewonnen. Außer dem inbrünstigem Gesang ist ihr Stil von Folklore, Blues, ein bisschen Jazz beeinflusst. Die Multiinstrumentalisten Krisztián Kiss (Saxophon, Koboz-Gitarre oder an einer irischen Bouzouki-Gitarre) und Mátyás Szabó (Bass, Akustik-Gitarre) spielen voller Hingabe und mit genialen Soli. Jüngst ist das selbstbetitelte Debütalbum endlich erschienen. Der Song „Buried Kingdom“ sticht heraus. Musik für: Entdecker neuer Welten. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Take Me to the Rain“

Das Paradies (Sa, Jugendheim): Der Leipziger Indie-Künstler Florian Sievers war mit der Formation Talking To Turtles schon in der Haldern Pop Bar zu hören. Die Band existiert weiterhin, aber jetzt kommt er mit seinem Solo-Projekt zum Festival. Diesmal mit poetisch-deutschen Texten. Die erste EP aus dem Frühjahr heißt „Die Giraffe streckt sich“ und ist auf dem Label Grönlandrecords erschienen. Die warme Stimme wird von sanften Gitarren-Melodien begleitet. Kleine Spitzfindigkeiten ergänzen den leichtfüßigen Sound. Der Stil erinnert an manche Band früherer Haldern Pop Tage. Musik für: die ganz unkomplizierten Träumereien. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörprobe: „Die Giraffe streckt sich“, „Discoscooter“

Stefan Florian: Wer im weltweiten Netz nach dem Mann sucht, wird kaum fündig werden. Der Südtiroler ist der Wirt des Lokals Zum lustigen Krokodil in Kaltern am See, wo Haldern Pop das Kaltern Pop kuratiert. Dort steigt Florian regelmäßig und spontan auf die Theke und trällert in bester Entertainer-Manier seine Versionen bekannter Hits. Etwa von Udo Jürgens. Beim Haldern Pop wird Florian für überraschende Momente sorgen. Die Festivalmacher sehen ihn als Barden, „der sich mit Größen wie Elvis Presley, Roy Black, Udo Jürgens oder Frank Sinatra messen kann“. Schlager und Chansons werden voller Enthusiasmus dargeboten. Bewertung nicht möglich.

Cantus Domus, der junge Chor aus Berlin. Foto:Joanna Scheffel Cantus Domus (Fr, Kirche): Der junge Berliner Chor, geleitet von Ralf Sochaczewsky, wird als Chor in Residence bezeichnet. Neben dem eigenen Auftritt sorgt der Chor für besondere Momente in Kollaborationen mit anderen Künstlern. Teils angekündigt, teils als Überraschung. Dadurch werden Auftritte einzigartig, Bekanntes bekommt einen neuen Rahmen. Der Chor hat bewiesen, dass er trotz Dauerpräsenz nie langweilig wird. „Wer live miterlebt hat, wie das Ensemble Musik meisterhaft und wagemutig auf eine neue Stufe hebt, wird von diesem ergreifenden Erlebnis nicht mehr losgelassen“, so Haldern Pop. Musik wie: die Sahne auf dem Kuchen. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Sediments We Move“ (mit Charlotte Greve)

Alabaster Deplume (Fr, Pop Bar): Der Engländer Angus Fairbairn ist als Alabester Deplume ein Gesamtkunstwerk. Er hat zwar im Mai das vierte Album „The Corner of a Sphere“ veröffentlicht, aber vermutlich muss man ihn live erleben, um seine poetische Bühnenperformance zu erfassen. Sie zu verstehen, wäre vielleicht zu viel verlangt. Seinen theatralen Sprechgesang ummantelt der Saxofonist reichlich experimentell. Tatsächlich sorgt das Saxophon-Spiel für einen willkommenen Magneten, ansonsten wabert die Musik nämlich eher schwer zugänglich in den Wolken. Musik für: jene, die Radio-Musik komplett ablehnen. Erlebnispotenzial: 2/5 Sterne.

Hörproben: „Be Nice to People“, „They Put the Stars far Away“

Tristan Brusch (Do, Haldern Pop Bar): Ein glühender Hildegard Knef-Fan ist der in Berlin lebende Musiker. „Wenn Du dich traust, verschütte ich mich dir“, heißt es zum Beispiel im Song „Zuckerwatte“. Diese Zeile wie viele weitere könnten auch von der Knef sein. „Zwischen Reinhard Mey und wuseliger Electro-Pop-Hipstesse“ ordnet Haldern Pop den gebürtigen Gelsenkirchener ein. Im Juni dieses Jahres ist das erste Album „Das Paradies“ erschienen. Es bietet verspielte Pop-Hymnen voller Melodrama wie etwa „Nicht mehr Zuhaus“. Die Worte hallen nach. Die Stimme ist markant und bleibt in Erinnerung. Musik für: Mitdenker und -fühler. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hatis Noit. Foto: Özge Cöne Hatis Noit (Sa, Tonstudio): Die Japanerin von der Insel Hokkaido ist eine Stimmkünstlerin. Ihre Stimmbänder funktionieren wie ein Instrument. Etliche Stile hat sie sich in jungen Jahren autodidaktisch beigebracht. Das in der Summe erwachsene Klangabenteuer erreicht eine enorme Bandbreite von gregorianischen Chorklängen über japanische Gagaku bis zu modernen Loop-Zaubereien. Dank der Technik wird sie zum Ein-Frau-Chor. Das intime Tonstudio Keusgen ist ideal für ihren Auftritt. Hatis Noit bedeutet übrigens: Stängel der Lotusblume. Musik als: das etwas andere Konzerterlebnis. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Illogical Lullaby“, „Untitled No. 1“

Adam French (Fr, Kirche): Das bleibt im Ohr. Der Liedermacher aus dem Nordwesten Englands, der sich das Spielen etlicher Instrumente autodidaktisch beigebracht hat, hat nicht nur eine atemberaubende, sanft-rauchige Stimme, er hat auch ein Gespür für herrlich schmachtende Melodien.

Dieser melancholischen Musik, die er gerne in einem modernen Pop-Gewand präsentiert, kann man als geneigter Haldern Pop-Fan schnell verfallen. Auch Freunde des Indie-Stils werden von seinem Saitenspiel sehr angetan sein. Haldern Pop urteilt: „Die Kunst, an den richtigen Stellen das Tempo zu drosseln, sich der Spärlichkeit für Momente hingebend, um im Refrain die ergreifenden, geradezu emporsteigenden Gefühlsregungen zu beanspruchen, beherrscht French vollkommen.“ Spannend wird sein, wie sich French in die besondere Atmosphäre der Kirche einfühlt. Musik für: den Spagat zwischen Mainstream und Indie. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörprobe: „More to Life“, „Weightless“

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