Parookaville

Westbam in Parookaville: "Da beiße ich mir auf die Zunge"

Westbam hatte seine Premiere bei Parookaville.

Westbam hatte seine Premiere bei Parookaville.

Foto: Imago

Weeze.  Techno-Legende Westbam stieß in Parookaville erstmals auf die moderne EDM-Welt. Was er von der heutigen DJ-Kultur hält, verrät er im Interview.

Westbam hat die Elektronische Musik-Szene in den 1990er und 2000er Jahren wie wenig andere DJs geprägt. Er gilt als einer der Gründerväter der DJ-Kultur und hat für den modernen EDM-Trend eigentlich nicht so viel übrig: "EDM könnte ich nicht machen. Für solche Leute könnte ich nicht auflegen. Wenn ich auf einem Festival spielen müsste, wo die sowas hören wollen, würde ich zuhause bleiben“, sagte er noch im März in einem Interview mit laut.de.

Umso überraschender war für viele Musik-Interessierte, dass Maximilian Lenz im Line up des klassischen Showkonzept-Festivals Parookaville in Weeze auftauchte. Die Redaktion sprach mit dem 54-Jährigen über seine Beweggründe und bekam offene Antworten:

Wie stehst Du zu Show-Konzept-Festivals wie Parookaville, die weltweit aber auch in Deutschland seit einigen Jahren einen ungeheuren Hype bekommen haben?

Westbam: "Erstmal muss ich vorweg sagen, dass ich vielleicht gar nicht der Kompetenteste bin, um das zu bewerten. Deshalb bin auch hier, um mir das mal anzugucken. Im weitesten Sinne denke ich schon, dass das der Stuff ist, der auf unseren Pfaden wandelt. Diese Weiterentwicklung ist sehr ins Gastronomische gegangen. Das war damals der Moment, wo es für mich weniger spannend wurde."

Welche Konsequenzen hast Du daraus gezogen?

Westbam: "Ich bin damals in das Veranstalter-Gewerbe hereingekommen, weil es für unsere Events schlicht keine Veranstalter gab. Und rausgegangen bin ich zu einem Zeitpunkt, wo ich merkte, dass ich viel gastronomischer denken musste. Wir kamen mit Ideen aus dem künstlerischen Konzept und mussten dann mit den steigenden Gagen ganz anders anfangen zu kalkulieren. Da denkt man auf einmal in Paletten von Getränken und wieviele Bars man irgendwo hinstellen kann. Ich will gar nicht meckern, das ist halt ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. Mir fällt es aber schwer zu sagen, dass ich da ein totaler Fan von bin."

Du hast in einem Interview gesagt, dass Du auf einem Festival, wo EDM gespielt wird, eigentlich nicht auflegen willst...

Westbam: "Für mich ist das ein zweischneidiges Schwert. Ich spiele dann lieber wie hier in Parookaville auf einer Oldschool-Stage als auf einer anderen Bühne. Für so Kinder zu spielen, die EDM-sozialisiert sind, macht es für mich einfach nicht mehr viel Sinn".

Du bist ein Verfechter der DJ-Kunst...

Westbam: "Das ist ein komplexes Thema. Wir waren ja auch die ersten, die mit Techno ganz groß in den Charts waren. Da will ich mich auch gar nicht hinstellen und sagen, das Kommerzielle sei ablehnungswert. Für mich ist eine musikalische Entwicklung dann spannend, wenn sie noch nicht ihre Form gefunden hat, sondern wenn sie sich gerade eine Bahn bricht und wo etwas Neues passiert. Das gab es bei den frühen Berliner Techno-Partys aber auch in der Pop-Kultur. Als beim Rave ganz klar war, wo der Hase langläuft, war es mir irgendwann langweilig. Da wechsele ich immer meinen Stil - auch wenn mich das einen Teil meiner Karriere gekostet hat. Maximalen Erfolg hat man nur, wenn man eine Sache sein Leben lang durchprügelt."

Parallel zu Deinem Auftritt steht Steve Aoki auf der Bühne und schmeißt Torten ins Publikum...

Westbam: "Ich muss mir da schon auf die Zunge beißen, wenn der glückliche Gewinner des Abends derjenige ist, der die Torte ins Gesicht bekommt.“

Wer ist denn bei Dir der Gewinner des Abends?

Westbam: "In der Pop-Kultur geht es darum, ein begeisterndes Erlebnis zu haben - aber nicht durch Abfüttern, sondern durch etwas, das einen reizt. Wo man immer noch ein bisschen erleuchtet rausgeht und wo man was erlebt hat, was den Horizont hat. Wenn ich mir das hier in Parookaville so ansehe, habe ich meine Zweifel, ob das immer funktioniert."

Woran machst du den Unterschied fest?

Westbam: "Rammstein bieten zum Beispiel eine tolle Show, aber letztlich ist es perfektes Entertainment. Ich bin ein Freund des menschlichen Entertainments wie bei James Brown, The Doors, Sex Pistols, Westbam..." (lacht) "In der Riege möchte ich mich gerne sehen - wo auch mal was schief gehen kann, wo man mal stolpert und nicht alles ganz klar ist, sondern wo die Leute auch herausgefordert werden."

Welchen Ratschlag würdest Du jungen Künstlern geben, die ihren Weg noch nicht gefunden haben?

Westbam: "Ich saß neulich auf einem Panel mit jungen Künstlern. Da sagte einer, dass er vieles nicht so gut kann. Aber er möchte den Menschen ein perfektes Produkt abfliefern. Deshalb habe er jeweils einen Menschen für die Melodie, für die Abmischung, für die Beats, einen Textschreiber und einer Sänger... Was soll ich so einem raten? Das ist komplett das Gegenteil von dem, was ich denke."

Was meinst Du?

Westbam: "Ich möchte einen echten Menschen spüren und kein perfektes Produkt. Ich male mir zum Beispiel noch das Cover selber, weil ich es nicht besonders gut kann. Jemandem, der nur ultimative Plastik sein will und nichts von sich selbst rüberbringen möchte, kann ich nicht weiterhelfen."

Du hast dieses Jahr selbst ein neues Album mit dem Titel "Risky Sets" veröffentlicht und dabei mit Künstlern wie Drake und Kendrick Lamar zusammengearbeitet. Welchen künstlerischen Ansatz hast Du dabei verfolgt?

Westbam: "Das war klassische DJ-Musikproduktion wie früher. Da saß ich nicht mit den Künstlern im Studio. Da wird ein Beat hin- und hergeschickt, dann singt da einer was drauf und dann betrachte ich das wieder. Ich habe ja früher auch viele HipHop-Platten, wovon ich Fan war, gesampelt. Deshalb ist das kein klassisches Songwriting, ich sehe das eher in der Tradition von Beatboxrocker im weitesten Sinne."

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