Fotografie

New York, Dublin, Schweiz – die Bilderwelt der Evelyn Hofer

„Arterien“ nennt Evelyn Hofer dieses Bild von New York aus dem Jahre 1964

„Arterien“ nennt Evelyn Hofer dieses Bild von New York aus dem Jahre 1964

Foto: Evelyn Hofer

Kleve.   Das Museum Kurhaus in Kleve präsentiert die umfangreichste Werkschau der Fotokünstlerin Evelyn Hofer: eine Entdeckungsreise durch fünf Jahrzehnte.

Nanu?! Eine Fotografin, die über ihre eigene Kunst sagt: „Es ist eine Schande, dass die Fotografie erfunden wurde.“ Der Ausspruch stammt von Evelyn Hofer. Doch dass ihr fotografisches Lebenswerk durchaus der Betrachtung wert ist, beweist das Museum Kurhaus Kleve mit einer beeindruckenden Schau. Über 200 Bilder aus fünf Jahrzehnten fotografischen Schaffens entlarven jedoch durchaus, dass Evelyn Hofer die Malerei vermisst hat – und sie vielfach in Stil und Form nachzuahmen trachtet.

Als eine der ersten arbeitete sie mit Farbbildern

Wobei ihr die Fotografie ermöglichte, fast alle Stilformen auszuprobieren. In ihren Bildern finden sich Street- und Architekturfotografie, Fotoreportagen, Stillleben und vor allem immer wieder Porträts. Und wie eine Malerin forderte sie von sich, ihren Auftraggebern und den von ihr porträtierten Menschen Geduld ab.

Ihre Arbeiten sind das Gegenteil von Schnappschüssen, sie sind sorgfältig komponiert, geschult am Bildaufbau klassischer Maler. Am allernächsten jedoch kommt sie der Malerei in ihren Stillleben.

Die Vielfalt ihres Schaffens macht die Evelyn-Hofer-Ausstellung in Kleve, der bislang größten Werkschau, attraktiv – weil fast jeder einen Anknüpfungspunkt zu seinen Interessen finden wird. Dass ihre Arbeiten so zugänglich sind, liegt gewiss auch an den Auftraggebern.

Zu denen vor allem in den 50er- und 60er-Jahren auch die Magazine der New York Times und der Sunday Times gehörten, sowie Life, Geo, Vanity Fair oder die Vogue. Denn: Mag ihre Arbeitsweise durchaus zeitfordernd gewesen sein, ging sie in Sachen Technik mit der Zeit und gehörte zu den ersten Künstlern, die sich auf die Farbfotografie stürzten.

Entstanden sind dabei vor allem die Städteporträts von New York, Washington und Dublin. Besonders die Arbeiten aus dem Washington von 1965 werden dabei in bemerkenswerter Weise zur Zeitdiagnose: Wer die Gruppenporträts studiert, entdeckt: die Chauffeure sind alle dunkelhäutig, die Bediensteten weiß und die Sekretärinnen sehen alle aus wie Jackie Kennedy. Die fünf Generäle in Uniform und mit Orden vor dem Besprechungstisch mit militärisch ausgerichteten Schreibblöcken – sie stehen vor ihr stramm und gleichzeitig rauben ihre Befehle den USA in Vietnam jene Unschuld, die Hofer in ihren New-York-Bildern noch einfing.

New York war Lebensmittelpunkt der gebürtigen Marburgerin (1922-2009). Weil ihre Eltern Deutschland 1933 verließen und auf der Seite der Republik Spanien gegen Franco kämpften. Ihr Weg führte über die Schweiz nach Spanien und Marokko nach Mexiko. Dort versuchte sie sich als Modefotografin und machte sich dann in New York einen Namen.

Porträts gelingen ihr auch in Abwesenheit der Person: Der Nachlass der Dietrich, das Atelier von Georg Baselitz, die Wohnung von Warhol – Hofers zeitlose Inszenierung des Ortes hält in den Momenten auch den Geist des meist abwesenden Künstlers fest.

Die Hängung im Klever Kurhaus offenbart zudem hier und da einen stillen Witz: Neben der Reportagen-Serie über Gefängnisse in England hängt ein Bild aus dem New Yorker Zoo: Der König der Tiere, der Löwe, ebenfalls eingepfercht hinter Gitterstäben.

Mit der Wahrheit grundiertes Porträt des Jahrhunderts

Andere vermeintliche Irrtümer eröffnen den Blick auf einen Wesenskern der Arbeiten von Evelyn Hofer: Zunächst scheint die biblisch anmutende Frau auf dem Esel irrtümlich von der Libanon-Bilderreihe in jene aus Wales geraten zu sein. Erst die genaue Betrachtung des Bildhintergrundes zeigt: Das Bild entstand tatsächlich in Wales. Die Bilder aus dem Tessin und dem Baskenland im selben Kabinett zeigen: Da war eine Malerin mit der Kamera Zeit ihres Lebens unterwegs, das Verbindende aller Menschen zu finden.

So offenbart die Werkschau der Evelyn Hofer ein mit der Wahrheit grundiertes Porträt der Menschheit in der zweiten Hälfte des 20. ahrhunderts.

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