Bildung

Precht fordert Totalumbau des Bildungssystems

Richard David Precht bei der Innogy-Stiftung im Essener Filmstudio Glückauf.

Richard David Precht bei der Innogy-Stiftung im Essener Filmstudio Glückauf.

Foto: Ralf Rottmann

Essen.   Philosoph Richard David Precht auf dem Jahresempfang der Essener Innogy-Stiftung: Weg vom Vorbild Militär, hin zum projektorientierten Lernen.

Der Universalphilosoph Richard Precht freut sich auf die vollautomatisierte Zukunft: „Was glauben Sie, wie schön die Stadt wird, wenn hier nicht mehr jeder mit seinem Auto fährt wie er will!“, ließ er die Gäste beim Jahresempfang der Innogy-Stiftung im Essener Glückauf-Filmstudio lächeln, „denn das sind natürlich alles E-Fahrzeuge...“

Allerdings ist auch dem smarten Nostradamus des 21. Jahrhunderts klar, dass der Fortschritt mehr Facetten hat: „Kfz-Versicherungen sind dann ein sterbendes Geschäftsmodell“, und allein in der Autoindustrie stünden zwei Millionen Arbeitsplätze auf der Kippe.

Die Jobs der Zukunft? Hochqualifiziertes Handwerk, sagt Precht, Sozial- und Empathieberufe („es wird Menschen geben, die sich nicht von einem Roboter pflegen lassen möchten“) und mathematisch-naturwissenschaftliche Berufe – für Hochqualifizierte: „Programmieren wird eine Maschine irgendwann besser können als der Mensch.“ Hinzu komme der „quartäre Sektor“ im Projektmanagement, „etwa einen Flughafen pünktlich fertig zu bauen.“

Es gehe aber nicht nur um berufliche Qualifikation, sondern auch darum, Menschen zu befähigen, ein erfülltes Leben mit weniger Berufsarbeit zu führen, sich aus sich selbst heraus zu motivieren und kreativ statt depressiv zu werden. Dafür brauche es ein anders Bildungssystem: „Unser jetziges“, polterte Precht, „stammt aus dem 19. Jahrhundert, errichtet nach dem Vorbild des Militärs. Deshalb sehen auch viele Schulen aus wie Kasernen.“

Sechs verschiedene große Aufgaben an einem Tag zu erledigen, würden die meisten Berufstätigen unzumutbar finden – genauso unsinnig seien sechs Schulfächer an einem Tag: „So, ohne Zusammenhang, geht Lernen nicht, das ist sogar das Gegenteil!“

Precht plädierte für Lernen in Projekten und dafür, den Lehrern Profis aus dem Berufsleben an die Seite zu stellen, damit Schüler auch andere Berufe kennen lernen außer denen von Eltern und Lehrern. Letztere sollten durchaus gecastet werden, also danach ausgesucht, wie gut sie vermitteln und mit Schülern umgehen kännen.

Vor allem aber müsse man Entwicklungspsychologen fragen, wie eine Schule mit Lernerfolg auszusehen hat. Seine Rolle, die der Philosophen überhaupt bei dem Ganzen, sei eher die des Veränderungsmanagements, zumal sich die Politik, gerade die Bildungspolitik, permanent im Überforderungszustand befinde.

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