Buch- und Nobelpreis 2019

Saša Stanišić: Handke schrieb in den 90ern tendenziös

Saša Stanišić bei der Eröffnungsgala zur Lit.Ruhr in der Essener Philharmonie.

Saša Stanišić bei der Eröffnungsgala zur Lit.Ruhr in der Essener Philharmonie.

Foto: Julia Tillmann

Frankfurt/M.  Buchpreisträger Buchpreisträger Saša Stanišić erneuert die Kritik an Peter Handke: Er habe in den 90ern „bewusst tendenziöse Literatur“ verfasst.

Am Montagabend, als Saša Stanišić (41) den Deutschen Buchpreis entgegengenommen hat, veranlasste ihn seine heftige Halsentzündung, vor allzu herzlichen Glückwünschen zu warnen – Ansteckungsgefahr! Zwei Tage später, mitten im Trubel der Frankfurter Buchmesse, wirkt er wieder fit. Und ist so freundlich, jedem Wunsch nach einen Autogramm, einem Selfie strahlend nachzukommen. Mit Britta Heidemann sprach der in Višegrad, Bosnien-Herzegowina geborene Schriftsteller über sein neues Buch „Herkunft“ und über seine Attacke gegen Peter Handke.

Herr Stanišić, was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Saša Stanišić: Sehr viel. Das Buch bekommt jetzt noch einmal mehr Aufmerksamkeit. Die Themen darin – die migrantischen Erfahrungen, das Prekäre, die Scham – haben über meine Person hinaus eine Bedeutung und erzählen davon, was wir heute in Europa erleben. Das Buch legt eine mögliche Perspektive auf bestimmte Dinge im migrantischen Zusammenhang noch einmal offen.

In einer Szene beschreiben Sie, wie Sie als freier Schriftsteller versuchen, bei der Ausländerbehörde eine Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken. Ist dies die Scham, die Sie meinen?

Da war ich schon eher selbstbewusst. Es gab davor Momente bei den Behörden, wo die noch nicht vorhandene Sprache – sowohl bei mir, aber vor allem bei meinen Eltern – dazu geführt hat, dass man behandelt wurde, als wäre man dumm. Später, als es um meine Aufenthaltsgenehmigung ging, hing einfach sehr viel von dieser einen Beamtin ab. Das sind Momente im Leben, die jeder Geflüchtete kennt. Ämter! Da gibt es wahnsinnige Geschichten und eine davon erzähle ich.

Ihre Eltern wurden damals beinahe abgeschoben, wie war das für Sie?

Ich war neunzehn. Die Zeit des Abschieds vom Elternhaus wäre ohnehin gekommen, aber nun war der Abschied erzwungen. Für meine Eltern war es sicher noch härter als für mich – ich bin ihr einziger Sohn, und sie mussten in den USA noch einmal ganz von vorne anfangen. Aber auch für mich war es eine krasse Situation. Der Abschied am Flughafen war wahrscheinlich das Schmerzvollste, was ich je erlebt habe. Es war klar, dass sie nicht bald noch einmal einreisen durften und ich sie besuchen müsste. Aber irgendwann wurden sie amerikanische Staatsbürger, und dann durften sie auch wieder nach Europa reisen.

Sie klingen gar nicht wütend.

Ich habe schon Gründe für die Wut. Aber ich möchte diese Gründe beschreiben, nicht ausleben. Und ich möchte beschreiben, was gut war, wo Menschen uns geholfen haben. Ich merke, wenn ich zornig bin, ist es wichtig, von dem Warum zu erzählen. Ich bin manchmal selbst über mich erstaunt, aber ich brauche diese Ruhe auch, um klar denken zu können.

In welchem Moment hatten Sie das Gefühl, in Deutschland angekommen zu sein?

Nach zwei, drei Jahren, als das Selbstbewusstsein durch die Sprache da war und mir Sicherheit im Sozialen gab. Sehr wichtig war auch meine erste Freundin in Deutschland. Ihr war das Prekäre bei uns zu Hause egal, auch die Schwierigkeiten, die wir mit Behörden hatten. Sie wollte mit mir sein, ich wollte mit ihr sein. Da kam etwas extrem Kraftvolles in mein Leben und hat alles schön gefärbt.

Sie haben gerade die Sprache angesprochen: Sie schreiben auf Deutsch, obwohl es nicht ihre Muttersprache ist.

Ich kann meine Muttersprache schon noch bedienen, wenn ich über den jugoslawischen Raum schreibe; dann kann ich prüfen, ob die Sätze stimmig sind. Aber das Deutsche gibt mir die Möglichkeit, sehr flexibel zu sein, man kann mit einfachen Mitteln leichte Bedeutungsverschiebungen erreichen, es gibt eine starke Fülle von Synonymen. Viele Dinge, die man als Autor sehr gut für den Text benutzen kann.

Fast bin ich neidisch: Als jemand, dessen Muttersprache Deutsch ist, weiß man oft viel weniger über die eigene Sprache, die Strukturen.

Ich habe die Sprache gelernt, tatsächlich. Ich benutze sie bewusster. Im Studium habe ich gelernt, wenn man das Passiv benutzt, dann entwertet das die Aktion des Moments. Das sind Kleinigkeiten, die man wunderbar einsetzen kann. Wenn mir ein Passivsatz reinrutscht, dann drehe ich ihn um, weil der Leser so eine größere Nähe bekommt zu der Szene, die ich gerade baue. Auf der Mikro-Ebene des Satzes gibt es vieles, was ich gelernt habe und was ich nun sehr gut sprachlich lösen kann.

Herkunft, so schreiben Sie in Ihrem Buch, bringe keine Eigenschaften mit sich. Wussten Sie das schon, als Sie anfingen zu schreiben?

Nein. Ich hatte kein Gefühl dafür, wohin das Buch mich führen wird. Ich wollte auf jene Momente in meiner Biografie schauen, in denen sich die Dinge entschieden haben: den Moment der Flucht, den Moment des Ankommens, des Spracherwerbs. Ich habe mich mit der Geschichte meiner Familie beschäftigt, mit meinen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Für mich beantwortet sich die Zugehörigkeitsfrage durch Orte, an denen etwas Markantes passiert ist und Menschen, die eine Rolle gespielt haben. Das ist bei mir zum Beispiel auch ein Busfahrer, der uns mitten in der Nacht über die Grenze fuhr. Ich weiß noch nicht einmal, wie der heißt. Aber er hat eine große Verbindung zu dem, was ich heute bin.

Ihr Vater ist Serbe, Ihre Mutter stammt aus Bosnien. Wann haben Sie zum ersten Mal darüber nachgedacht, was Sie sind?

Das kam erst durch die Schule. Ich habe es als Kind für selbstverständlich gehalten, dass eine Großmutter ein Kopftuch trug, es da ein anderes Essen gab als bei der anderen. Erst später kamen die Begriffe dazu.

In Ihrer Dankesrede zum Buchpreis habe Sie Ihrem Ärger darüber Luft gemacht, dass Peter Handke den Literaturnobelpreis erhalten hat...

Ich war in den Tagen zuvor erschüttert und habe mir überlegt, dass die Jury offenbar seine literarischen Leistungen, die vor den 90er-Jahren lagen, höher bewertet hat als das, was danach kam. Aber eigentlich hatte ich mich schon wieder beruhigt und wollte nur einmal sagen, was ich literarisch fragwürdig finde.

Peter Handke hat Ihre eigene Geschichte, hat Ihre Fluchtgründe infrage gestellt.

In dem Moment, in dem man als Schriftsteller erfindet, ist man sich dessen bewusst. Man entscheidet sich für eine Verwandlung der Wirklichkeit in die Fiktion. Diese Entscheidung finde ich manchmal schwerer und manchmal weniger schwer. Ich muss mich aber immer fragen, warum mache ich es. Die Antworten können vielfältig sein: ich weiß es nicht besser, ich möchte gerne das, was ich für Wahrheit halte, in meinen Text einbauen, oder ich handele in böser Absicht. Ich kann nicht in den Kopf eines anderen Menschen schauen. In diesem Fall weiß ich nur, das, was Handke geschrieben hat, stimmt nicht überein mit den historischen Tatsachen, mit den Gerichtsurteilen, mit den Zeugenaussagen. Das ist eine tendenziöse Literatur. Ich frage mich, warum er das macht und habe darauf keine Antwort.

Sie haben als Kind Ihre Heimat verloren, aber im Buch schreiben Sie nun, Heimat sei immer der Ort, wo Sie gerade sind. Das ist ein bemerkenswerter Satz.

Es ist ein extremes Privileg, so einen Satz sagen zu können. Dahinter stehen freie Entscheidungen, das Gefühl, ich kann mir jeden Ort aneignen. Das kann die Uckermark sein, das kann Heidelberg sein. Ich begegne Orten, Menschen, ich gebe meine eigene Geschichte dort hinein, das ist auch ein Austausch.

Wo ist im Moment Ihre Heimat?

Vor allem Hamburg, meine Familie. Auch dort engagiere ich mich. Ich schaue, was ist dies für ein Viertel, was leben hier für Menschen, was können wir hier machen. Für mich ist es selbstverständlich, dass man sich einbringt, dass man versucht, den Ort nicht nur für sich zu einem guten Ort zu machen, sondern auch für andere.

Sie haben einen Sohn, wie alt ist er?

Viereinhalb. Ein waschechter Hamburger, wahrscheinlich wird er so ein Schnösel. Wir sind jetzt das erste Mal als Eltern ohne ihn und schauen uns abends im Bett Videos von ihm an.

Sie selbst haben extreme Erfahrungen gemacht. Gibt es darin auch etwas Gutes, etwas, das Sie Ihrem Sohn weitergeben können?

Das Wichtigste, was man lernt: sich auf Menschen zu verlassen und selber verlässlich sein. Man lernt, was es bedeutet, wenn jemand nicht nur wohlgesonnen ist, sondern den Willen in Taten umsetzt. Mein Sohn und ich haben ein Ritual: Wir gehen fast jeden Freitag zusammen irgendwohin, wo es etwas zu tun gibt. Das kann ein Altersheim sein, die Feuerwehr, eine Autowerkstatt. Damit er sieht, dass die Welt aus Tätigen besteht. Welche Bandbreite von Möglichkeiten es gibt, die Gesellschaft zu gestalten.

Würden Sie Deutschland als Heimat bezeichnen?

Ich denke gar nicht in solchen Kategorien. Deutschland oder auch Europa sind sehr komplexe Gebilde, die ich gar nicht in Gänze durchdringen kann. Das Bekenntnis zu einer Nation, die mir so riesig über dem Kopf schwebt, zeugt von einem extremen Selbstbewusstsein, das ich niemals aufbringen könnte. Mein Heimatgefühl ist viel lokaler.

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