Literatur

Takis Würgers „Stella“ und die Lüge in der Literatur

Stella Goldschlag 1957 vor Gericht mit ihrem Verteidiger

Stella Goldschlag 1957 vor Gericht mit ihrem Verteidiger

Foto: imago

Essen.   Die Debatte um Takis Würgers Roman „Stella“ zeigt, wie groß die Sehnsucht nach Echtheit ist, zielt aber mit Kritikerkanonen auf Literaturspatzen.

Es ist ein eigentümlicher junger Mann, der 1942 nach Berlin reist, um dort „die Wahrheit“ zu finden. Aufgewachsen in einer Villa nahe Genf, vernachlässigt von der trinkenden Mutter und dem handlungsreisenden Vater, sucht er im Nazi-Deutschland das Abenteuer – ein Naivling, der im Adlon lebt, Malstunden nimmt, sich alsbald in Nachtklub-Sängerin verliebt, mit ihr und dem schneidigen Tristan die Nächte durchfeiert. Der Krieg? Ach – war da was?

Takis Würgers Roman „Stella“ nähert sich einer historischen Figur: Stella Goldschlag hat als Jüdin Juden an die Gestapo verraten, hunderte vermutlich. Zwei Jahre hat der 33-jährige Würger, im Hauptberuf Spiegel-Reporter, recherchiert, ist nach Israel gereist, hat mit Holocaust-Überlebenden gesprochen. Dennoch blieben ihm Goldschlags Taten so fern, sagte er in einem Interview, dass er sich nur über die fiktive Figur des Schweizers Friedrich annähern konnte.

Im Roman zeugen eingestreute Gerichtsprotokolle früh von Stellas Taten, noch bevor die Sängerin verhaftet wird und erst Tage später wieder, schwer misshandelt, vor Friedrichs Tür steht. „Hitler habe sie zur Jüdin gemacht“, sagt Stella, dabei sei sie doch „ganz arisch“ – glaube nicht an Gott, spreche kein Jiddisch. Aber nun hält die Gestapo ihre Eltern gefangen. Und um diese zu retten, begeht Stella tödlichen Verrat.

Hart am Rande des Kitsches

Ihre Taten aber streift Würger weiterhin nur am Rande, bleibt ganz bei Friedrichs Perspektive. Diese naive Sicht, der einfache, knappe und zuweilen doch hart am Rande des Kitsches schrammende Stil („Vielleicht war es schön, weil wir wussten, dass es nie wieder so sein würde“) haben Takis Würger in den Feuilletons harsche Kritik beschert. Ein „Ärgernis, eine Beleidigung“, rief die „Süddeutsche“. Die FAZ titelte gar „Relotius reloaded“ – dabei hatte Würgers Spiegel-Kollege Relotius doch Reportagen gefälscht. Und Würger hat kaum mehr Schaffenskraft im Fiktionalen bewiesen als andere Gegenwartsautoren: Auch Daniel Kehlmanns gefeierter Roman „Tyll“ über den Dreißigjährigen Krieg jonglierte munter mit Fakten und Fiktionen (der Autor ist voller „Bewunderung“ für Würgers Werk), auch Karen Duves „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist weitgehend eine Mutmaßung über das Liebesleidensleben der Annette von Droste-Hülshoff.

Natürlich: Wenn Schuldfragen des Holocaust fiktional verhandelt werden, sehen wir historischen Erfindergeist kritischer. Auch Bernhard Schlink wurde einst vorgeworfen, sein Romanerfolg „Der Vorleser“ – der sich ebenfalls aus der Perspektive eines naiven jungen Mannes den Taten der Geliebten nähert – vereinfache Geschichte, verwässere Fragen der Schuld, relativiere.

Gleichwohl scheint diese Debatte mit Kanonen auf Literaturspatzen zu zielen; „Stella“ ist zwar in weiten Teilen banal und etwas zu sehr mit Blick aufs Unterhaltsame erzählt, aber doch kein Angriff auf die Geschichtsschreibung. Ob der Roman Stella Goldschlag tatsächlich gerecht wird, bleibt dahingestellt, das ist immer die Gefahr biografischer Fiktionen. Wieso aber gab es keinen Aufschrei, als Gerhard Richter sein filmisches Porträt „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck „verzerrend“ fand? Weil Kunst sich Freiheiten herausnehmen darf, darum.

Das Überschreiten der Kunst-Freiheit

Die Heftigkeit der Angriffe auf Takis Würger zeigt jedoch, wie groß die Sehnsucht nach Echtheit, nach Authentizität ist: in einer Welt, in der jeder alles behaupten kann, in der Gerüchte sekundenschnell um die Welt gehen und unterwegs zu (alternativen) Fakten werden. In einer Welt, in der ein Schriftsteller wie Robert Menasse jahrelang falsche Politiker-Zitate verwenden kann, bis es endlich mal jemandem auffällt und er sich entschuldigen muss. Menasse hat die Kunst-Freiheit deutlich überschritten, weil er die Zitate auch in Reden und Essays einstreute, ebenso wie der Reporter Relotius.

Literatur aber sollte der Wahrheit verpflichtet sein – und nicht die blanken Fakten aufzählen. Auch Würgers Wahrheit kündet vom Schrecken einer totalitären Herrschaft, die selbst ihre Opfer zu Tätern machte. Dass „Stella“ zum Nachdenken darüber anregt, rechtfertigt die stilistischen Mittel.

Takis Würger: Stella. Hanser, 224 S., 22 €.

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