Bühne

„Tartuffe“ in Düsseldorf: Heuchelei in Lack und Leder

Im hautengen Latex: Christian Erdmann (li.) als Tartuffe in einer Szene mit Minna Wündrich und Torben Kessler

Im hautengen Latex: Christian Erdmann (li.) als Tartuffe in einer Szene mit Minna Wündrich und Torben Kessler

Foto: Sandra Then

Düsseldorf.   Schlankes Zaubertheater aus Klamauk und Biss. Der Duisburger Robert Gerloff inszeniert „Tartuffe“ am Düsseldorfer Schauspielhaus

Das Stück kommt wie gerufen. Aufsteigen heißt blenden und lügen; der Titelheld ist sexgieriges Schwein und verlogener Moralapostel in Personalunion. Er sagt denen, die ihn groß gemacht haben, was sie hören wollen – und zieht sie zeitgleich aus bis aufs Hemd. Molières „Tartuffe“ scheint einem führenden Weltpolitiker wie aus dem Gesicht geschnitten. Ist vielleicht eben das der Grund für Robert Gerloff, die Heuchlerkomödie ohne platte Tagesschau-Parallele zu erzählen?

Der junge Duisburger Regisseur legt am Düsseldorfer Schauspielhaus einen starken Abend hin. Ein bisschen zu modisch – sicher. Ein bisschen zu sehr (bis in die Applausordnung samt Mitklatsch-Charakter) aufs Ankommen aus. Aber in zwei pausenlosen Stunden doch ein schlankes, von keiner Requisitenschlacht niedergeknüppeltes Zaubertheater, wie es rar ist in seiner Liebe zur Sprache und eine nachgerade puristischen Verneigung vor der Typenkomödie. Wie Gerloff und sein in den allermeisten Partien überragend hingebungsvolles Ensemble diesem Fossil von 350 Jahren heißen Theateratem einhauchen, das ist tatsächlich ein sehr kregler Bühnenwolpertinger aus Spaß, Einfallsreichtum, Hintersinn und durchaus dem nötig Vordergründigen, ohne das Molière nicht zu denken ist.

Knackig-körperlich erzählt

Und doch ist auch die Sehnsucht nach Erlösern ein leise durch den knackig-körperlich erzählten Abend mäanderndes Motiv. Schon beim Einlass sendet Cornelius Borgoltes Soundtrack zu diesem Party-Endspiel seine Chillout-Version von Wagners Rienzi. Später, wenn der Heuchler Tartuffe (weißes Latex, priesterlich unkeusch) naht, wird Lohengrin zu hören sein-- das Vorspiel, versteht sich.

Gerloffs Menschen-Entblößung setzt auf die Nacktheit des Raums. Maximilian Lindners Bühne ist nachtschwarz, unmöbliert öd. Das ist der Ort, den eine hinten rechts erbaute Drehscheibe ihre Figuren nach vorn schieben lässt. Und über allem: drei riesige Luftballons. Zwei sind eiförmig, der dritte von Gurkenart. Unsere Leser sind erwachsen genug, um das deuten zu können.

Von hier aus also – nennen wir es eine ausgehöhlte Partylandschaft – flirren Wolfgang Wiens immer noch charmante und weitgehend unangejahrt rotzfrech rumpelnde Verse durch den Saal. Gerloff lässt den Text mal im Ping-Pong vorbeisausen, mal heizt er ihn opernhaft auf, gibt den satt ausgesungenen Frivolitäten nicht weniger Fläche als einer politischen Sendung, die er ganz ohne Moraltrompete durchorchestriert.

Der Zwirn ist eine sexy Zumutung

Im Latex treffen wir nicht nur den an, der den hündisch treu verpeilten Herrn Orgon um Weib, Kind, Haus und Geld zu bringen versteht. Johanna Hlawica hat für diese Inszenierung, der man das Bonbonhafte vorwerfen könnte, eine schillernde Parade aus Lack und Leder schneidern lassen. Selbst Großmütterchen Pernelle (Karin Pfammatter in hochelastischem Zorn) liebt’s hauteng. Der Zwirn ist eine sexy Zumutung: Der Schweiß rinnt Torben Kesslers Orgon aus den Ärmeln, aber jeden Tropfen hat er sich porentief prachtvoll erspielt. Der Opferdepp vom Komödiendienst: Kessler – nicht zuletzt famos souverän in der Sprachbehandlung – schenkt dem Arglosen eine gefährliche Vitalität, etwas lauernd Sprungfederhaftes, das dem Stück einen eigenen Schwerpunkt schenkt.

Spiegel der Begehrlichkeiten

Tartuffe (magisch streng in der Guru-Präsenz: Christian Erdmann) ist kaum mehr als ein Spiegel individueller Begehrlichkeiten, die von Integrität bis Erotik reichen. Der gelegentlich zuckende Kontrollverlust (Choreographie: Barbora Briešková) erzählt davon, besonders rasant in Claudia Hübbeckers zappliger Zofe.

Schönes Theater, gutes Theater, etwas glatt womöglich. Dafür steht dann der Widerhaken am Schluss. Moliéres Versöhnungsfinale vertraut hier niemand. Das Arschloch siegt. Auf der Rückfahrt hört man die Nachrichten; es sind schlechte Zeiten für die Guten.

Moliéres Komödie „Tartuffe oder Der Betrüger“ ist am Düsseldorfer Schauspielhaus im Central zu sehen und dauert zwei Stunden.

Die nächsten Aufführungen: 18./23.4., 6./11./31.5., 3.6. Karten (14-44 €) sind erhältlich unter 0211/36 99 11 oder www.dhaus.de.

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