NRZ-Serie: Aufwärts NRW

"Pottkinder"-Regisseur: Auf einmal Filmemacher

DassAlexander Waldhelm für unseren Fototermin in einer Kneipe sitzt, hat einen tieferen Sinn. Denn im „schrägen Eck“ in Mülheim  spielt er nicht nur regelmäßig Billard, das Lokal war auch einer der Drehorte für seinen Film „Pottkinder“.

DassAlexander Waldhelm für unseren Fototermin in einer Kneipe sitzt, hat einen tieferen Sinn. Denn im „schrägen Eck“ in Mülheim spielt er nicht nur regelmäßig Billard, das Lokal war auch einer der Drehorte für seinen Film „Pottkinder“.

Foto: Morris Willner

Mülheim.   Alexander Waldhelm hat einen guten Beruf, eine große Familie. Dann drehte er den Kinofilm „Pottkinder“. Nun sind die nächsten Projekte in Arbeit.

Nee, im Leben ist man nicht immer auf der Gewinnerseite. Muss man Alexander Waldhelm nicht erzählen. Erzählt er nämlich selbst. Zum Beispiel von seiner angefangenen und nicht beendeten Ausbildung zum Polizisten. Oder von den 160 Bewerbungen, die er vor 15 Jahren nach seinem Germanistik- und Medienwissenschafts-Studium geschrieben hat und auf die genau drei Einladungen zu Bewerbungsgesprächen folgten.

„Alle im Sande verlaufen.“ Oder von den Firmen, bei denen er schließlich Jobs gefunden hatte, und die ihre Marketingabteilungen auflösten, kurz nachdem er dort eine verheißungsvolle Karriere gestartet hatte. Doch dies wird keine Geschichte des ganz normalen Scheiterns. Sondern des Gewinnens.

Waldhelm, 43 Jahre, geboren in Oberhausen, aber in Mülheim zu Hause, ist längst angekommen im gut sortierten Leben. Er hat eine wunderbare Familie mit vier Kindern und eine Stelle als Presse- und Öffentlichkeitsredakteur für Elektromobilität am Forschungszentrum in Jülich.

Will man mehr? Ja, will man. Vor allem dann, wenn man schon seit vielen Jahren eine Leidenschaft hat: den Film. „Ich habe schon als Jugendlicher ganze Wochenenden zusammen mit einem Kumpel vorm Fernseher verbracht.“ Sein Traum: selbst ein Drehbuch zu schreiben. „Vor fünf Jahren habe ich dann damit begonnen, mir Notizen zu machen, zu Geschichten, die ich erlebt habe und die ich für filmreif hielt.“

Dass Waldhelm ein famoser und auch höchst amüsanter Geschichtenerzähler ist, der einen ohne Punkt und Komma problemlos zwei Stunden bestens zu unterhalten weiß, das dürfte wohl niemandem entgehen, der ihn trifft. Und man glaubt sofort, dass so jemand die Überzeugungskraft hat, auch Skeptiker für ein kühnes Projekt zu gewinnen. Der 43-Jährige setzte seinen Traum nämlich auf realem Boden auf. Er schrieb sein Drehbuch – ein halbes Jahr lang, jeden Morgen und jeden Abend, jeweils 25 Minuten im Regionalexpress von Mülheim zu seinem damaligen Arbeitsort in Düsseldorf.

Viele wollten bei „Pottkinder“ mitmachen

Und wenn man einmal dran ist an seinem Traumprojekt, warum soll man dann zögern und womöglich ewig warten, bis jemand das Drehbuch kauft? Waldhelm ist kein großer Zauderer und offenbar auch niemand, der Angst davor hat, sich an scheinbar Unmöglichem abzuarbeiten. Also machte er das Drehbuch zur Vorlage seines eigenen Films. Klingt nach einem ziemlich verrückten Einfall: Ein völlig unbekannter Filmfan ohne nennenswertes Kapital oder Kontakte in die deutsche Kinoszene wird zum Macher eines abendfüllenden Spielfilms.

Doch die Idee zündete bei vielen. Ein befreundeter Fotograf erklärte sich sofort bereit, die Kamera zu übernehmen, ein anderer Bekannter verantwortete die Musik und übernahm auch gleich eine Hauptrolle, Waldhelm lud zu Castings ein, suchte via Zeitung und Facebook nach Förderern, Helfern und Sponsoren, die mögliche Drehorte zur Verfügung stellten oder das Catering übernahmen.

Und ihm gelang es überdies, eine Reihe von prominenten Kabarettisten und Ruhrpottgrößen wie Gerburg Jahnke, Hennes Bender, Fritz Eckenga, Rene Steinberg und Wilfried Schmickler für Kurzauftritte zu gewinnen. Wie alle anderen auch, arbeiteten sie ohne Honorar.

Der Mülheimer nahm seinen Jahresurlaub und drehte „Pottkinder“ über eine Familie im Ruhrgebiet, den er einen „Heimatfilm“ nennt. Der heiter ist, aber eben nicht nur. „Ich fühlte mich moralisch verpflichtet, nicht nur eine Klamotte zu machen, sondern auch ernste Themen zu berühren, wie zum Beispiel die Depression, an der die weibliche Hauptfigur leidet,“ sagt der Regisseur.

Das Drehbuch für den nächsten Film ist fertig

2017 hatte der Film in der traditionsreichen Essener Lichtburg umjubelte Premiere. 30 weitere Kinos zeigten ihn deutschlandweit. „Im Vorspann auf der Leinwand zu lesen: ’Idee, Produktion, Drehbuch und Regie: Alexander Waldhelm’, das war für einen Cineasten wie mich das Allergrößte. Pure Gänsehaut.“

Traum erfüllt. Was will man mehr? Weitermachen, natürlich. Aktuell ist der Medienwissenschaftler an dem Film „Full Circle“ über den Rockmusiker Andy Brings beteiligt, der im September Premiere hat. Er hat inzwischen eine Produktions- und eine Filmverleihfirma gegründet.

Das Drehbuch für das nächste Kinoprojekt, ein Krimi mit dem Titel „Beziehungen. Kein schöner Land“, ist fertig, die Vorbereitungen für die Dreharbeiten, die im nächsten Jahr beginnen sollen, laufen. Und 2022 soll „Das Wunder von Bernd“ herauskommen.

Hauptsache gutes Zeitmanagement

Wie man so was schafft, neben einer Familie und einem anspruchsvollen Vollzeitberuf? Durch Leidenschaft, „eine Frau, die mich liebt und eine hohe Affinität zum Kino hat“ – und ein ziemlich effizientes Zeitmanagement. „Wenn ich etwas zwei Minuten in der Mikrowelle aufwärme, dann weiß ich, dass ich in diesen zwei Minuten ein Telefonat führen und die Bohnen im Kaffeeautomaten nachfüllen kann.“

Ziemlich wahrscheinlich, dass man in den nächsten Jahren noch einiges hören wird von dem Regisseur, Produzenten und Drehbuchautor Alexander Waldhelm. Und mehr kann man ja nicht wollen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben