Freizeit

Skriptfrei und Spaß dabei: Faszination ImprovisationstheaterSkriptfrei und Spaß dabei: Faszination Improvisationstheater

Schauspieler Norbert Frieling, Vera Passy und Gilly Alfeo (von links) gehören zum Ensemble der „Springmaus“

Schauspieler Norbert Frieling, Vera Passy und Gilly Alfeo (von links) gehören zum Ensemble der „Springmaus“

Foto: André Hirtz

Waltrop.   Seit den 80er-Jahren gibt es in Deutschland Theatergruppen, die quasi auf Zuruf des Publikums spielen. Wir besuchten eine Show der „Springmaus“.

Dunkel ist’s im Majestic-Theater in Waltrop. Plötzlich erklingen beschwingte Klaviertöne im 90er-Jahre-Spielshow-Stil. Das Intro, es kommt vom Band, vorab programmiert. Und ist damit am heutigen Abend eine Ausnahme von der Regel. Drei Mitglieder des Ensembles der „Springmaus“, Deutschlands populärstem Improvisationstheater, stellen ihr aktuelles Programm „Total kollegial“ vor – und freuen sich passend dazu über ganz viele freiwillige Mitarbeiter.

Denn die Sitzreihen sind bestens mit denen gefüllt, die mit ihren Zwischenrufen für die Show mitverantwortlich sind. Drei Viertel der Anwesenden waren noch nie im Improvisationstheater, wie sie auf Nachfrage zeigen. „Ihr sagt was, wir machen was – und am Ende tun wir alle lachen“, erklärt Vera Bassy locker-flockig die einzige Regel. Heißt aber auch: „Wenn Ihr nix reinruft, sind wir am Arsch!“

Hänger gehören im Improvisationstheater dazu

Dazu kommt es natürlich nicht. Im „Mitarbeitergespräch“ entlocken Bassy und ihre Kollegen Gilly Alfeo und Norbert Frieling den Besuchern ein paar private Infos, aus denen sie später ihre Bühnen-Sketche zusammenstellen, „Wo kommter her?“, fragt Bassy. Nottuln, Seppenrade und Grünberg im Landkreis Gießen lauten die Antworten, die sich so sicher nicht planen lassen. Gut so, findet Frieling: „Wir dürfen nichts vorbereiten. Dann käme das, was wir machen, nicht richtig rüber. Und Routine kann ich sowieso nicht ertragen.“

Gibt’s bei der so rasanten wie kreativ-spontanen Witzefindung doch mal einen Hänger, wird dieser halt mit Mimik überspielt – oder die Darsteller müssen selbst lachen. Vera Bassy gibt offen zu: „Das gehört mit dazu. Wir spielen ja ohne vierte Wand, dürfen also auch mal aus der Rolle rausfallen.“ (siehe „Schon gewusst?“) Gilly Alfeo ergänzt: „Um hier auf der Bühne zu stehen, muss man eine Rampensau sein. Und Spaß am Scheitern haben.“

Publikum auf der Bühne

Besonders viel Spaß haben die Springmäuse, wenn die Besucher nicht nur einzelne Wortfetzen in den Raum rufen, sondern gleich mit auf die Bühne kommen. So erzählt das Ehepaar Ingrid und Klaus im „Team-Meeting“ seine Lebensgeschichte – Gilly, Vera und Norbert kreieren aus den Angaben ruckzuck das wohl erste Musical der Geschichte, das sich mit dem Leben zweier Versicherungsfachangestellter aus Bochum beschäftigt, die sich in Heidelberg auf einem Seminar kennenlernten und heute in Nottuln (schon wieder Nottuln!) ihr Rentner-Leben genießen.

Klingt abstrus. Noch bekloppter wird’s nur, als das „Springmaus“-Trio nach einem Stichwort zur Kategorie „Bürosituation“ fragt. Ein Gast ruft „Geiselnahme!“ rein. Kein Problem für Gilly Alfeo, der flugs den kaltblütigen Kidnapper mimt: „Eigentlich will ich sie ja gar nicht als Geisel nehmen. Wirklich. Aber wenn ich Sie jetzt auch noch gehen lasse, ziehen Sie womöglich auch noch nach Nottuln ...“

Nächste „Springmaus“-Termine: 7.11. Attendorn (Stadthalle), 14.11. Oberhausen (Ebertbad), 29.11. Köln (Taborsaal), 1.12. Duisburg (Steinhof), 11.12. Düsseldorf (Freizeitstätte Garath), 13.12., Kevelaer (Konzert- und Bühnenhaus). Karten ab ca. 27 €.

Weitere Improtheater in der Region:

Die IG Heimspiel spielt regelmäßig Shows mit wechselnden Themen. Morgen Abend sollen Besucher bei der „Bring-dein-Ding-Show“ Gegenstände mitbringen, die dann die Handlung vorgeben.

„Improtheater ist wie Jazz – lebhaft, energiegeladen, spritzig.“ So charakterisiert das Ensemble Emscherblut, das seit mehr als 30 Jahren aktiv ist, seine Kunst. Anfang Dezember gibt’s vier Weihnachtsshows.

Am ersten Montag eines jeden Monats trifft sich das Ensemble Schwammdrueber aus Unna zu einer offenen Probe in der Lindenbrauerei. Jeder kann zuschauen – oder sogar spontan mit auf die Bühne gehen.

Vorrangig am Niederrhein aktiv ist das Ensemble Spontaneitäten. Jeden dritten Sonntag im Monat wird eine offene Tagesprobe angeboten. Eingeladen sind erfahrene Improtheater-Spieler wie Anfänger.

Schon gewusst?

Ursprung. Die 1955 in Chicago gegründete Schauspielgruppe „The Compass“ gilt als erstes Improvisationstheater-Ensemble der Welt. Inspiriert war die Gruppe um Gründer Paul Sills nach eigenen Angaben vor allem von Bertolt Brecht. Nach nur drei Jahren löste sich die Gruppe aber schon wieder auf.


Vierte Wand. Fällt ein Schauspieler aus seiner Rolle, indem er auf Publikumsreaktionen eingeht, spricht man vom „Durchbrechen der vierten Wand“ – der zum Publikum offenen Seite einer Bühne, also einer imaginären Wand.

Programm. So spontan Improtheater auch ist: Die meisten Vorstellungen haben trotzdem eine Art roten Faden. Gilly Alfeo erklärt: „Das macht die Shows unterscheidbar. Es ist auch leichter für das Publikum, das dadurch geleitet wird und uns dann besser folgen kann.“

Sprungbrett. Bei der 1982 von „Lindenstraßen“-Star Bill Mockridge gegründeten „Springmaus“ starteten unter anderem Dirk Bach, Ralf Schmitz und die „Switch“-Darsteller Susanne Pätzold, Bernhard Hoëcker und Michael Müller ihre Karrieren.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben