Die Flucht in den All-Tag

Warum das Kino die kleine Schwester des Weltraumflugs ist

Im Bild Laura Winterling. Wie ist es, Astronaut zu werden? Laura Winterling, Physikerin, ehemalige Astronauten Instruktorin und Unternehmerin stellt gemeinsam mit Regisseurin Shelaigh McLeod den Film "Astronaut" vor - und erklärt, was man mitbringen muss, um ins All zu kommen. Interview vor der Premiere im Kino Rex in Köln am Donnerstag den 15.10.2020. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Im Bild Laura Winterling. Wie ist es, Astronaut zu werden? Laura Winterling, Physikerin, ehemalige Astronauten Instruktorin und Unternehmerin stellt gemeinsam mit Regisseurin Shelaigh McLeod den Film "Astronaut" vor - und erklärt, was man mitbringen muss, um ins All zu kommen. Interview vor der Premiere im Kino Rex in Köln am Donnerstag den 15.10.2020. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Zwischen Himmel und Erde.  Eine Begegnung mit der Astronauten-Ausbilderin Laura Winterling – sie stellte jetzt den Film „Der Astronaut“ vor. Und will selbst ins All.

Man könnte die These wagen: Je bedrohter die Welt, desto belebter das All: mit unseren Träumen und Wünschen. Nun brechen innerhalb weniger Monate gleich zwei Filme zu den Sternen auf. Gendergerecht. Erst der „Astronaut“ - ein alter Mann in einem amerikanischen Spielfilm, dann - für Januar geplant - „Proxima - die Astronautin“, wo es um den Weg einer Mutter ins All geht, die dafür ihre Tochter zurücklässt.

Der Traum vom Weg zu den Sternen - er erlebt (mal wieder) eine Renaissance. Wie aber wird man Astronautin? In Shelagh McLeods Film geht es über die Lotterie, die ein reicher Unternehmer auslobt, Fernsehshow inklusive. Laura Winterling indes hat eher den Weg der Astronautin gewählt: sich mehrfach beworben, bei der Europäischen Weltraumagentur ESA. Und ist eigentlich sogar eine Stufe zu weit gekommen: Sie hat die geschult, die geflogen sind - hier auf Erden, ziemlich profan in den Hallen des Trainingscamp der Euro-Astronauten in Köln.

Der einfachste Weg ins All: Viel Geld haben

Und, Frau Winterling, wie kommt nun ein alter Mann ins All? „Der einfachste Weg wäre, viel Geld zu haben“, sagt sie. Oder gute Sprachkenntnisse in Chinesisch, Indisch, Arabisch - aufstrebende Nationen mit All-üren. Kommerzielle Weltraumflüge gibt es ja schon für etliche zig Millionen, Starttermine buchbar mutmaßlich ab 2021.

Hilfreich, neben einem gewissen Level körperlicher, geistiger und seelischer Fitness wären Sprachkenntnisse. Englisch? Naja, sagt sie. Die ESA spricht französisch. Jedenfalls: Wer schon bei der Orientierung im Kölner Straßendschungel die Karte immer in Laufrichtung drehen muss, wird im schwerkraftlosen Raum die Orientierung verlieren. Was sonst zählt sei: Neugier. „Ich wollte eigentlich Archäologin werden. Dann habe ich Physik studiert und dann gedacht: Ich mache noch einmal etwas ganz anderes.“

Aber wann und wo kann man sich denn nun bewerben? Laura Winterling zögert aus ganz persönlichen Motiven: Sie will sich wieder bewerben, 2008 gab es schon weit über 8.000 Bewerber, jetzt, so fürchtet sie, im Social-Media-Zeitalter, könne man da locker eine Null dranmachen.

Die Schwerkraft überwinden - vor allem die anderer Menschen

Wohl auch ein Grund dafür, warum sie sich mittlerweile ein zweites Standbein gesucht hat. Motivationstrainerin geworden ist, Vorträge hält. Eine Kernbotschaft: „Ich will nicht die Menschen überzeugen, dass es wichtig ist Astronaut zu werden. Ich will Menschen dazu überreden, dass sie in sich hineinhören und ihr Leben nicht von anderen bestimmen lassen.“ Und der Schwerkraft anderer Menschen zu entkommen - das ist manchmal schwieriger als das Schwerefeld der Erde zu überwinden.

Aber sei es drum: Würde sie eine Einweg-Flugkarte zum Mars buchen, so wie es das Projekt „Mars One“ aus den Niederlanden vorsieht? „Nein“, sagt sie. „Wir sind doch seit 30 Jahren auf dem Mars. Mit Raumsonden und Robotern. Was würde es ändern, wenn wir - mit 20-minütiger Verzögerung - Fragen und Antworten mit den Astronauten dort austauschen?“

Entscheidend ist die Wiederkehr - und die Erzählung

Für sie ist wichtiger, dass man von jeder Reise auch wiederkehrt und den Menschen von den Erfahrungen erzählen kann. So, wie es viele Astronauten tun. Denn: „Weniger der Flug ins All ist wichtig als die Erzählung davon“, sagt Laura Winterling. Was allerdings wenig daran ändert, dass sie hochmotiviert ist, in der dritten Bewerbung beim nächsten Mal doch bitte die Erzählerin zu sein.

Der Mensch lebt von der Möglichkeit des Reisens. Corona lässt uns das gerade spüren: Der abgesagte Urlaub ist vielleicht weniger schlimm als die Erkenntnis, dass unsere Welt plötzlich gerade wieder sehr viel beschränkter und kleiner wird. Was uns bleibt - gerade noch - ist die kleine Schwester des Raumflugs: Sich für zwei Stunden in die relative Einsamkeit eines dunklen Kinosaals zurückzuziehen, in fremde Welten und zu den Sternen zu fliehen. Und wiederkommen, um davon zu erzählen.

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