Pädagogik

Warum Freie Schulen bei Eltern und Schülern im Trend liegen

Offen für alternativen Unterricht: Dunja Tepel und Sebastian Krüger möchten in Winterberg eine Freie Schule gründen.

Offen für alternativen Unterricht: Dunja Tepel und Sebastian Krüger möchten in Winterberg eine Freie Schule gründen.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Winterberg.  Freie Schulen, in denen Kinder selbst entscheiden, wie sie lernen, liegen im Trend. Bald soll es eine solche Schule in Winterberg geben.

Keine Klasse, keine Noten, kein Gong: Wenn Jan-Malte keine Lust auf Mathematik hat, dann lässt er es einfach und lernt in der Schule das, wozu er Lust hat. Genau das entspricht dem Grundprinzip alternativer, freier Schulen. Immer mehr Eltern folgen dem. Sie sind davon überzeugt: Selbstbestimmte Kinder begreifen das Gelernte wesentlich besser.

Zu diesen Eltern gehören Dunja Tepel und Sebastian Krüger aus Winterberg. Sie sind mit dem Angebot der staatlichen Schulen (Regelschulen) unzufrieden und planen, eine eigene Grundschule zu gründen. „Wir wollen unsere Kinder nach unseren eigenen Vorstellungen unterrichten“, sagen beide unisono.

Ein Urlaub mit der Familie in Indonesien hat die Idee von einer „anderen Schule“ bei Dunja Tepel keimen lassen. Auf Bali besuchte sie eine Green School, wo Kinder im Wald unterrichtet werden. Die Winterbergerin empfand es als einen „Ort der Freude“. Zurück im Sauerland konnte sie weitere Eltern von der Gründung einer eigenen Grundschule begeistern. Mittlerweile sind es 20. Gemeinsam wird ein Schulkonzept erarbeitet. Gespräche mit potenziellen Lehrern folgten, ein Gebäude ist in Aussicht. Gibt die Bezirksregierung Arnsberg grünes Licht, dann soll die Schule noch vor 2023 in Winterberg eröffnet werden.

Lernen ohne Zeitdruck

Als Vorbild gilt die Freie Aktive Schule Wülfrath, die ihren Schülern unter anderem per Verbindungstunnel jederzeit eine Auszeit vom Unterricht und eine Flucht in einen Schatzraum voller Spiele ermöglicht. Haben die Kinder Interesse an einem bestimmen Thema, zum Beispiel Raumfahrt, dann werden ihnen dazu Materialien besorgt.

Dunja Tepel und Sebastian Krüger (44) ist ein freier Unterricht ohne Zeitdruck wichtig. „Wir wollen weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zum eigenverantwortlichen Lernen“, sagt der Sauerländer. Alles in „45 Minuten zu quetschen“ sei der falsche Ansatz. An ihrer Schule soll zudem jeder zu unterschiedlichen Zeiten sich das aneignen, was er für bedeutend hält, ergänzt die 37-Jährige, die seit Jahren Kinder mit Schulproblemen als „Lerncoach“ begleitet. Auch ihr Job, so Dunja Tepel, habe die Erkenntnis reifen lassen, dass sich etwas ändern muss: „Bauchschmerzen vor Klassenarbeiten, da kann doch etwas nicht stimmen.“

Außerschulisches Programm

Selbstverantwortlich seinen eigenen Lehrplan zu gestalten, Zeit zu finden, um seine Interessen in und mit der Gruppe zu entdecken und durch Lust am Lernen sein Selbstbewusstsein zu stärken, all das sind die Fundamente der alternativen Schulen. Dunja Tepel und Sebastian Krüger fügen diesem Konzept noch das altersübergreifende Lernen und ein umfangreiches außerschulisches Programm hinzu. „Dazu gehört zum Beispiel Honig zu produzieren oder der Besuch beim Bauern. Es geht um das ganzheitliche Angebot, dass Schülern in der Regelschule meist vorenthalten wird“, erklärt die Winterbergerin.

Den alten Vorwurf der Kuschelpädagogik hören die Sauerländer öfters. Der Kritik, dass Schüler ohne Leistungsdruck nicht auf die reale Welt vorbereitet werden, kontert Krüger: „Die alternativen Entwürfe gelten als erfolgreich, sie waren und sind Impulsgeber für die Regelschulen.“

„Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, dann wünschte ich mir auch, ich hätte an einer freieren Schule fürs Leben gelernt“, verrät Irmtraud Hirte. Die 61-Jährige, die für die Bezirksregierung Arnsberg „Schulen in freier Trägerschaft“ betreut, bestätigt, dass die Gründung einer eigenen Schule kompliziert ist: „Die Hürden sind hoch.“ Unterm Strich müsse das Netto-Lernergebnis am Ende wie an öffentlichen Schulen sein. Die Bezirksregierung achte darauf, dass der Unterricht gleichwertig wie an einer Regelschule ist und die Lehrer entsprechend qualifiziert sind. Das lasse aber noch viel Freiraum.

Juristisches Tauziehen für die Genehmigung dauerte 20 Jahre

„Seit vier Jahren steigt die Zahl alternativer Schulen rasant an“, bestätigt Tilmann Kern, Geschäftsführer des Bundesverbands Freier Alternativschulen, der 106 Schulen vertritt. Die Gründe dafür seien unterschiedlich: „Die alternativen Schulen sind mittlerweile jenseits der Metropolen sichtbar.“ Immer mehr Eltern beobachteten außerdem, dass ihren Kindern die Lust am Lernen im Schulalltag abhanden kommt. „Sie fühlen sich bestätigt.“

In Wuppertal gibt es seit 19 Jahren die Freie Schule Bergisch Land. Sabine Stoske-Bertling leitet unter anderem die Grundschule mit 34 Schülern. 20 Jahre habe das juristische Tauziehen bis zur Genehmigung gedauert. „Wir hatten auf ein ausschließlich pädagogisches Konzept gesetzt und nicht auf ein konfessionelles beziehungsweise ein bestimmtes ideologisches. Das war ein Fehler“, berichtet die 61-Jährige. In den Jahren nach dem Start pickten sich die Gründungsmitglieder „das beste aus der Reformpädagogik“ heraus. Durchaus mit Erfolg, wie die Warteliste dokumentiert. 249 Euro inklusive Essensgeld zahlen die Eltern in der Wuppertaler Schule pro Kind und Schuljahr. In Regelschulen sind es maximal 170 Euro. Bis zu 93 Prozent wird dort vom Land bezuschusst. Aufnahmekriterien im eigentlichen Sinne gebe es nicht, sagt Sabine Stoske-Bertling. „Interessenten hospitieren mindestens einen Tag mit Kind und führen ein Gespräch mit einem Elternvertreter. Die Aufnahme erfolgt dann in Abstimmung mit dem Team.“

Freies Lernen funktioniert

Dass freies Lernen funktioniert, davon ist Professor Heiner Barz aus der Abteilung für Bildungsforschung der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf überzeugt. „Es kommt aber auf Rahmenbedingungen wie Personal und altersgerechtes Unterrichtsmaterial an.“ Allerdings kämen nicht alle Schüler mit der angebotenen Freiheit zurecht. Vor allem Kinder, die von einer Regel- auf eine Alternativschule wechselten und an Struktur und Ordnung gewohnt seien, hätten am Anfang oft Schwierigkeiten. „Das gibt sich aber meist nach einem Jahr.“ Für Schulprobleme, so Barz, gebe es keine Patentlösung. Es liege an den Eltern, die für ihr Kind am besten geeignete Schule zu finden. „Und Freie Schulen sind eine Alternative.“

Dunja Tepel und Sebastian Krüger haben sich bereits vor langer Zeit entschieden. Sie wollen nun ihren Traum von der eigenen Schule, in der ihre Kinder ihre individuellen Talente spielerisch ohne Druck frei entfalten können, umsetzen. „Die ganze Welt hat sich verändert, nur die Schulen nicht. Zeit, dass sich etwas ändert“, sagt Dunja Tepel.

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