Kino

Was zuvor geschah: Simon Jaquemets Film „Der Unschuldige“

Wiedersehen nach 20 Jahren: Judith Hofmann als Ruth, Thomas Schüpbach als Andreas.

Wiedersehen nach 20 Jahren: Judith Hofmann als Ruth, Thomas Schüpbach als Andreas.

Foto: Film Kino Text / Handout

Filmautor Simon Jaquemet zeigt mit „Der Unschuldige“ ein Kino der Extreme: Es geht um alles, sogar um Gott – und einen Raubmord vor 20 Jahren.

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Was vergangen, ist vergangen. Das ist unumstößlich und schmerzhaft für Ruth. Die Endvierzigerin wirkt nicht auffallend lebensfroh in ihrer Familie mit Ehemann und zwei halbwüchsigen Töchtern oder in ihrem Beruf als Wissenschaftlerin, wo sie an einer Forschungsreihe teilnimmt, bei der es um Kopftransplantation an Affen geht. Und auch die bislang trostspendende Mitgliedschaft in einer Freikirche verliert ihre Kraft, als sich etwas ereignet, das die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens aus der Kurve wirft.

Denn davor, damals, brach Andreas jeglichen Kontakt zu Ruth ab, als man ihn wegen vorgeblichen Raubmordes zu lebenslangem Gefängnis verurteilte. Aber jetzt, in dieser Nacht, als Ruth arglos nach Hause kommt, sitzt Andreas (Thomas Schüpbach) in ihrem Wohnzimmer. Und da sitzt sie nun in ihrer Lebensillusion eingeklemmt, und die eine nahe liegende Frage bleibt bis zuletzt unbeantwortet – wieso der Film überhaupt „Der Unschuldige“ heißt und wer damit wirklich gemeint sein könnte?

Judith Hofmann spielt Ruth als eine von Lebensgier getriebene Frau

Judith Hofmann verkörpert die Protagonistin fit und von rasender Lebensgier getrieben und doch fest bewehrt in ihrem Panzer von abweisend spröder Ausstrahlung. Eine Frau zwischen zwei Männern, zwei Lebensentwürfen, das hätte in Frankreich eine prächtige amour fou ergeben können.

Der Schweizer Filmautor Simon Jaquemet („Chrieg“) verschmäht in seiner zweiten Regiearbeit jedoch einfache Wege des Kinoglücks. Komplex muss es sein, und so werden in Nebenschauplätzen sexuelle Gewalt, Nahtoderfahrung, Wissenschaftskritik und sogar ein Exorzismus in die Waagschale des filmkünstlerischen Aufmerksamkeitsbedürfnisses geworfen. Und am Ende gar bezeugt Gott seine Existenz. Die Bilder dazu sind sehr hell oder sehr dunkel. Kino der Extreme – ratlos.

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