Kino

Wim Wenders neuer Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ zeigt Träume in 3D

Szene aus „Die schönen Tage von Aranjuez“

Szene aus „Die schönen Tage von Aranjuez“

.   Wim Wenders neuer Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ ist ein stilles Meisterwerk. Wieder stützt der Regisseur sich auf ein Werk Peter Handkes.

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Eine Scheu vor allem Konkreten erfüllt „Die schönen Tage von Aranjuez“, Peter Handkes „Sommerdialog“ aus dem Jahr 2012. Selbst „Die Frau“ und „Der Mann“, die beiden namenlos bleibenden Figuren dieses Zwei-Personen-Stücks, sind, wie es in den kurzen Regieanweisungen heißt, „mehr Ahnung als Gegenwart“. Alles soll so ätherisch und wolkig sein wie Handkes Sprache. Theaterregisseure können immerhin mit Andeutungen arbeiten. Die Sprache und die Schauspieler können Bilder in den Köpfen der Zuschauer heraufbeschwören.

Das Kino aber muss einen anderen Weg gehen. Seine Bilder sind immer konkret und schaffen eine Realität, die im besten Fall Fragen inspiriert, Spekulationen auslöst. So können sich die Bilder in den Köpfen der Zuschauer auflösen. Was Gegenwart war, wird im Nachhinein zur Ahnung, die über das Gesehene hinausgeht, ihm vielleicht sogar widerspricht. Darin liegt die Magie des Kinos, der Wim Wenders in seiner radikalen, spielerischen Verfilmung der „Schönen Tage in Aranjuez“ huldigt.

Menschenleeres Paris wird zum Ausgangspunkt für einen Film magischer Bilder

Zu den Klängen von „You Keep Me Hanging On“ montiert Wenders zunächst eine Reihe von frühmorgendlichen Pariser Straßenansichten. Nicht ein einziger Mensch ist zu sehen. Die Stadt liegt ruhig da im Licht der gerade aufgegangenen Sonne und wirkt so idyllisch wie noch nie zuvor im Kino. Wenders erschafft in diesen ersten Augenblicken des Films die Welt noch einmal neu und lenkt neben dem Blick auch die Gedanken des Betrachters. Erst die Abwesenheit der Menschen offenbart die wahre Schönheit der von ihnen erbauten Stadt.

Nach und nach lässt die Kamera Paris hinter sich und kommt schließlich im Garten eines riesigen Hauses an. Auch das ist zunächst noch menschenleer, bis plötzlich ein einzelner Mann auftaucht. Er setzt sich an einen Tisch, auf dem eine alte Schreibmaschine steht, und blickt durch die offene Terrassentür ins Freie. Erst in dem Moment, in dem er mit dem Schreiben beginnt, treten die Frau (Sophie Semin) und der deutlich jüngere Mann (Reda Kateb) in Erscheinung. Die Worte auf dem Papier werden in einem fast schon mystischen Akt Fleisch.

Wim Wenders’ „Die schönen Tage von Aranjuez“ sind ein komplexes filmisches Meisterwerk

Den von Jens Harzer gespielten Schriftsteller, der etwas Verträumtes hat und immer wieder mit seinen Gedanken wie mit seinen Geschöpfen zu ringen scheint, gibt es in Peter Handkes Stück nicht. Wenders hat ihn erfunden und so das Stück verwandelt. Der „Sommerdialog“, der schon bei Handke kein Gespräch ist (die Frau und der Mann reden eher nebeneinander her als miteinander), wird zum Schöpfungsakt. Handkes dahinfließende Monologe und Dialoge, die vieles andeuten und sich konsequent dem Verstehen entziehen, treten in den Hintergrund. Sie sind nur mehr Teil eines komplexen Film-Poems, das seine lyrische Kraft aus seinen Bildern zieht. Der Klang der Worte, ihre Melodie, schiebt sich vor ihre Bedeutung.

Wie schon „Everything Will Be Fine“, seinen letzten Spielfilm, hat Wim Wenders auch „Die schönen Tagen von Aranjuez“ in 3D gedreht. Und wie seinen Vorgänger sollte man auch ihn unbedingt in 3D sehen. Diese Technik, die von so vielen Filmemachern einfach als Gimmick genutzt wird, ermöglicht es Wenders, einzigartige Bilder zu kreieren, die Sprache des Kinos zu erweitern und zu bereichern.

Studien im Sonnenlicht schenken dem 3D-Film eine Grenzenlosigkeit der besonderen Art

Das (Sonnen-)Licht, das den Film durchflutet, hat eine ganz eigene, flirrende Qualität. Es verleiht dem Garten eine überwältigende Plastizität. Zugleich verschieben die 3D-Bilder Relationen zwischen den Menschen und der sie umgebenden Natur. „Die schönen Tage von Aranjuez“ feiern die Kreativität des Menschen. Einmal erklingt Nick Caves „Into My Arms“, und plötzlich sitzt Cave selbst am Klavier im Haus des Schriftstellers. Die Albumaufnahme des Songs geht in eine Live-Version über. Auch das ist möglich, schließlich sind der Fantasie in der Kunst keine Grenzen gesetzt. Wunder, die einen berauschen und träumen lassen.

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