Wolf Hasso und die Hassfreundschaft

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LITERATUR. "Kiosk kaputt": Werner Streletz' Roman ist bis in den Stil hinein Ruhrgebiet.

Das verrußte Land der tausend Feuer von einst ist auch heute, in der Endzeit von Kohle und Stahl, keine Schönheit. Und vor Arbeit ganz grau, wie es Herbert Grönemeyer seinem Bochum andichtete, wäre man hier gern wieder, wenn es nur Arbeit gäbe. Aber es ist ja Strukturwandel im Ruhrgebiet, da kommt dann aus Hamburg von "Stern"- und "Spiegel"-Redakteuren die republikweite Order, das Revier cool zu finden. Im allgemeinen Industriekulturhauptstadtgesumse inklusive Philharmonie-Dissonanzen wird aber mitunter vergessen, dass es das hässliche, kantige, schrundige, vernarbte, grobmotorische Ruhrgebiet ja auch noch gibt. Ohne das ein schönes, begrüntes, kultiviertes und imagekampagnen-kompatibles Edelstahl-Revier ja nur noch ein Irgendwo in Deutschland wäre.

Literarisches Urgestein

Umso verdienstvoller, dass Werner Streletz einen durch und durch ehrlichen Roman über das Ruhrgebiet am Beginn des 21. Jahrhunderts geschrieben hat. Der Kulturjournalist aus Bochum, mit seinen vielen Hörspielen und Gedichten schon eine Art literarisches Urgestein im Revier, hat einen Projekt-Manager mit Ruhrgebietswurzeln erfunden, mit dem mehr als sprechenden Namen Wolf Hasso. Der hat anderswo Karriere gemacht und kehrt nun zurück in die Straßen, an die Orte seiner Jugend. Mittendrin sind die Brüder Peter und Paul Dani, an die Hasso Wolf früher in einer Hassfreundschaft gekettet war. Und deren Kiosk, der nach dem Niedergang der Industrie auf verlorenem Posten steht. Er bringt dem Roman nicht nur seinen Titel ein, sondern auch eine symbolträchtige Mitte: Der typischste, herzwärmendste Standort dieser Region, wenn man die Menschen fragt, die "Bude" dazu sagen oder "Trinkhalle".

Aber sie sagen nicht "Kiosk". Und da liegt die Problemzone dieses Romans: Streletz erzählt in einer Sprache, die ist wie das Revier und seine Kulissen. Nicht, dass er die Figuren mit dem örtlich verbreiteten Zungenschlag ausstattet - was er, in seinen Hörspielen etwa, hervorragend kann. Nein, das Revier ist hier Grammatik und Stil geworden, der aus einem widerborstigen Ineinander von Gegensätzen in Sätzen besteht. Die Sprache spiegelt die narbenreiche Gleichzeitigkeit von Gestern, Heute und Morgen im Revier, in einem Stakkato von Ellipsen, in verrenkten Sätzen und krumpeligen Wörtern. Da begegnen sich vergilbte Zeitungsphrasen und Neudeutsch-Floskeln, derber Jargon grüßt grazile Hochdeutsch-Konstruktionen, und blasse Floskeln rangeln mit hochpräzisen Genrebildern. Noch das manieristische Wiederholen von Namen zeugt vom enormen Stil-, Kunst- und Eigenwillen des Autors.

So ist denn auch die Lektüre dieses Romans, vielleicht nicht untypisch fürs Revier, zu einem guten Teil Arbeit. Die lässt am Ende erkennen, dass nicht alles, was kaputt geht im Revier, erhaltenswert wäre - und dass vieles, aber längst nicht alles von außen kaputt gemacht wird. (NRZ) Werner Streletz: Kiosk kaputt. Geschichte eines Irrtums. Verlag Henselowsky Boschmann, 255 S., 14,90 E.

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