Vergabestellen

Bringen Servicestellen wirklich schnellere Arzttermine?

Grippeschutzimpfung: Fünf Mythen im Check

Um die Grippeimpfung rankten sich viele Legenden. Wir klären, welche davon wahr sind und welche nicht. Fünf Mythen im Check.

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Berlin  Seit zwei Jahren gibt es die Servicestellen, die Patient und Mediziner schneller zusammenbringen sollen. Dabei gibt es Beschränkungen.

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Vier Wochen – länger sollen gesetzlich Versicherte nicht mehr auf einen Termin warten müssen, wenn sie dringend eine Untersuchung beim Facharzt brauchen. Mit der Einrichtung der sogenannten Terminservicestellen bei den kassenärztlichen Vereinigungen hatte der Gesetzgeber auf die Kritik reagiert, dass Kassenpatienten teils monatelang nicht bis ins Wartezimmer vordrangen.

Doch bei dem seit Januar 2016 angebotenen Service gibt es gewichtige Einschränkungen. Die wohl wichtigste: Die Stellen sind nicht generell für die Vermittlung von Terminen zuständig, sondern nur dann, wenn es dringend ist. Benötigt wird also ein Dringlichkeitsvermerk des Hausarztes. Ohne Vermerk kein Anspruch. Ausgenommen sind hier nur Augenärzte und Gynäkologen.

Keine Garantie für Termin bei bestimmtem Arzt

Ebenso gilt, dass manche medizinischen Bereiche grundsätzlich vom neuen Vergabesystem ausgenommen sind, Zahnärzte und Kieferorthopäden ebenso wie Kinder- und Jugendärzte. Seit dem 1. April 2017 ist immerhin der Bereich Psychotherapie hinzugekommen, wo die Klagen über lange Wartezeiten besonders laut waren.

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Darüber hinaus ist eine Terminservicestelle keine Abkürzung, um bei einem bestimmten Arzt in die Sprechstunde zu kommen. Der Anspruch der Versicherten erstreckt sich nicht auf die Vermittlung beim Wunscharzt, sondern nur auf einen Arzt der entsprechenden Fachrichtung. Und auch was die Entfernung betrifft, kann es bei einem über die Vergabestelle erhaltenen Termin zu Schwierigkeiten kommen.

So unterschieden sich die Regleungen regionale

Denn die einzelnen regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen haben unterschiedliche Regelungen zur zumutbaren Distanz. In einem Flächenland wie Nordrhein-Westfalen zum Beispiel können die Distanzen groß ausfallen: In Westfalen-Lippe etwa gilt eine Grenze von 30 Kilometern, bei der sogenannten speziellen und gesonderten fachärztlichen Versorgung, zu der etwa Fachinternisten und Strahlentherapeuten gehören (siehe Infokasten), sind es sogar 60 Kilometer.

Schließlich wird vom Patienten auch eine große zeitliche Flexibilität erwartet. Auch wenn die Servicestellen versuchen, zeitliche Vorlieben oder Einschränkungen zu berücksichtigen, gibt es keinen Anspruch auf einen Wunschtermin. Rein rechtlich gesehen, erfolgt die Terminvergabe nach dem Prinzip Friss oder stirb: Wer nicht noch am selben Tag, sondern erst später den erhaltenen Termin absagt, verwirkt seinen Anspruch auf Vermittlung.

180.000 Vermittlungen in einem Jahr

Schaut man auf die Zahlen, ergibt sich in Sachen Nutzung der Servicestellen folgendes Bild: 2016 wurden bundesweit 120.000 Termine vermittelt, für 2017 waren es nach vorläufigen Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) 180.000.

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Nach Ansicht von KBV-Sprecher Roland Stahl sprechen die Größenordnungen dafür, dass das Terminsystem auch ohne Servicestellen gut funktioniert: „Um diese Zahlen in einen Vergleich zu bringen: In den Praxen der niedergelassenen Haus- und Fachärzte gab es im selben Zeitraum 580 Millionen ambulante Behandlungsfälle. Diese Relation zeigt, dass objektiv gesehen bundesweit kein Wartezeitenproblem besteht“, so Stahl.

Erklärung für steigende Nachfrage

Nun spricht ein Anstieg der Fallzahlen von 2016 auf 2017 um 50 Prozent auf den ersten Blick aber doch dafür, dass erhöhter Bedarf besteht. Allerdings beruht der Anstieg auch darauf, dass inzwischen mehr Versicherte von den Terminvergabestellen wissen und so die Nachfrage steigt.

Außerdem kam durch die neue Zuständigkeit für Psychotherapien ein Einmaleffekt hinzu. Roland Stahl erklärt: „Psychotherapeutische Sprechstunde und Akutbehandlung haben zu einer deutlichen Steigerung der Nachfrage geführt. Im zweiten Quartal 2017 stammten gemittelt rund 40 Prozent der Vermittlungen aus dem Bereich Psychotherapie, die damit aus dem Stand zur meistvermittelten Gruppe aufgestiegen ist.“

Patienten legen Wert auf bestimmten Arzt

Das zeigt zweierlei: Ohne Psychotherapie wären die Zahlen nahezu stabil geblieben; in diesem Bereich besteht aber offensichtlich doch ein Wartezeitproblem.

Aber auch in den Facharztgruppen, in denen die Lage weniger dramatisch ist, bleibt der Knackpunkt: Das Ausschalten der freien Arztwahl für den Patienten macht die Terminservicestellen unattraktiv. Nach einer aktuellen Erhebung legen 80 Prozent der Patienten besonderen Wert darauf, von einem ganz bestimmten Arzt behandelt zu werden, dem sie vertrauen. Folglich sind die Servicestellen oft nur die zweite Wahl – und Patienten nehmen doch die längere Wartezeit bei „ihrem“ Arzt in Kauf.

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