Pandemie

Coronavirus: So weit ist die Suche nach dem Heilmittel

Zahl der Corona-Toten in Wuhan deutlich nach oben korrigiert

In der chinesischen Metropole Wuhan sind offenbar weitaus mehr Menschen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben als bislang angegeben. Die Behörden erhöhten die Zahl um fast 1300 Fälle auf 3869.

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Berlin.  Es gibt kein Heilmittel gegen Covid-19, aber viele Tests. Was von ersten Erfolgsmeldungen und angeblichen „Gamechangern“ zu halten ist.

Im Kampf gegen Covid-19 wird überall auf der Welt intensiv geforscht. Fest steht: Die Shutdown-Maßnahmen werden weltweit während der Corona-Krise lange andauern, wenn die Pandemie nicht durch ein Medikament oder einen Impfstoff gestoppt werden kann. Doch wie weit ist die Suche nach dem Heilmittel?

Die Region um Wuhan, in dem Sars-CoV-2 erstmals Menschen infizierte und tötete, war binnen der ersten Wochen der Pandemie zum Versuchslabor der Welt geworden. Immer wieder kamen Hoffnungsschimmer auf, noch aber ist kein wirksames Mittel gefunden worden. Im Netz kursierte schon vor einigen Wochen die Meldung, das japanische Grippemedikament Favipiravir sei „eindeutig wirksam“ bei der Behandlung von Infizierten in China.

Ärzte in Japan verwenden das Medikament in klinischen Studien bei Coronavirus-Patienten mit leichten bis mittelschweren Symptomen. In Tokio machte das Gesundheitsministerium einen Vorbehalt: Das Medikament sei bei Menschen mit schweren Symptomen nicht so wirksam. Man habe die Arznei, die auch unter dem Namen Avigan bekannt ist, 70 bis 80 Personen gegeben, „aber es scheint nicht so gut zu funktionieren, wenn sich das Virus bereits vermehrt hat“.

„Es besitzt ein hohes Maß an Sicherheit und ist eindeutig wirksam in der Behandlung“, wird Zhang Xinmin zitiert, ein Vertreter des chinesischen Wissenschafts- und Technologieministeriums. Patienten, denen das Medikament in Shenzhen verabreicht wurde, wurden im Schnitt vier Tage danach negativ getestet.

Coronavirus: Pharma-Konzerne halten sich mit Erfolgsmeldungen zurück

Anfang März hatten chinesische Mediziner eine Studie veröffentlicht, die ebenfalls Anlass zu Hoffnung zu geben schien. Sie betraf das Medikament Actemra. Es reguliert das körpereigene Abwehrsystem. Von 20 behandelten Patienten sollen sich sich 19 so gut erholt haben, dass sie nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten.

Der Hersteller, die Schweizer Forma Roche, vermied es – ebenso wie die Japaner – in der Öffentlichkeit Erwartungen zu wecken. Denn die Studie genügt nicht, um wissenschaftlich verlässliche Aussagen zu machen, berichtete die „Neue Züricher Zeitung“. Nach geltenden Gesetzen wäre es ein schwerer Verstoß, zum Einsatz des Medikaments gegen eine Krankheit aufzufordern, für die es nicht zugelassen ist. Vor allem in den USA ziehe das hohe Strafen nach sich.

Am Osterwochenende sagte der Präsident Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Karl Broich, dass es Experten zufolge noch in diesem Jahr eine Zulassung für Covid-19-Medikamente geben könnte. Er sei zuversichtlich, dass bis zum Spätsommer erste belastbare Ergebnisse aus derzeit laufenden Studien da seien, so Broich gegenüber dem Bonner „General-Anzeiger“.

Weiterentwicklung eines Tuberkulose-Wirkstoff

Ein sehr alter Impfstoff könnte dem menschlichen Immunsystem helfen, sich gegen eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus zu wappnen. Der Wirkstoff mit dem Namen VPM1002 wird in ähnlicher Form in vielen Ländern zur Bekämpfung von Tuberkulose eingesetzt. Forscher vermuten, dass der Impfstoff dem Körper auch helfen könnte, den neuen Erreger Sars-CoV-2 abzuwehren und so eine Covid-19-Erkrankung zu verhindern.

Das vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie entwickelte Impfstoff-Kandidat VPM1002 ist eine Weiterentwicklung eines Tuberkulose-Wirkstoffs, den es bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Im Mäuseversuch hatte sich gezeigt, dass der Impfstoff nicht nur gegen Tuberkulose sondern auch vor Viruserkrankungen der Atemwege schützen kann.

Das Präparat wirkt also nicht nur gegen das Tuberkulose-Bakterium, sondern versetzt das Immunsystem generell in Alarmbereitschaft – womöglich auch gegen das Coronavirus. Ob sich diese Vermutung bestätigt, wollen Wissenschaftler an der Medizinischen Hochschule Hannover untersuchen. In einer Studie soll VPM1002 an 1000 Probanden getestet werden, die beruflich mit dem Corona-Virus in Kontakt kommen, etwa Mediziner und Pflegepersonal.

In eine weitere Studie sollen dann 1800 ältere Menschen eingeschlossen werden, wie die MHH mitteilte. Sollte sich herausstellen, dass die Probanden tatsächlich vor einer Covid-19-Erkrankung geschützt sind oder zumindest vor einem schweren Verlauf, könnten laut MHH in wenigen Monaten Risikogruppen geimpft werden.

Coronavirus: Drosten hält Antivirenmittel Remdesivir „beste Option“

Als Hoffnungsträger gilt das Antiviren-Mittel Remdesivir des US-Biotechkonzerns Gilead. Da sehe er „die beste Option“, bekannte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. Die „interessante Substanz“ eigne sich freilich nur für Patienten, „die schon Sauerstoff brauchen, aber noch keine kreislaufunterstützenden Medikamente“.

Remdesivir wurde ursprünglich gegen Ebola entwickelt. Aktuell laufen laut Drosten Studien, aber im Moment erlaube der Hersteller die Benutzung nur unter einem besonderen Protokoll bei Menschen, die schon recht schwer krank sind, und nur in einem kleinen Zeitfenster. Drosten: „Eigentlich möchte man es den Menschen schon eher geben, und dafür müsste es in einem viel größeren Maßstab verfügbar sein. Man muss jetzt abwarten, wie die ersten Ergebnisse sind.“

Am Donnerstag titelte nun eine US-amerikanische Webseite, erste Einblicke in die Studienerhebungen ließen erkennen, dass Remdesivir bei einer Gruppe von Patienten tatsächlich geholfen hätte. Es habe eine rasche Linderung von Fieber und Atemwegssymptomen gegeben.

Gilead erklärte jedoch, die Daten seien noch nicht analysiert worden, demnach seien keinerlei Rückschlüsse möglich. Es handele sich lediglich um Teildaten, die aus einem internen Forum für Wissenschaftler unerlaubt veröffentlicht worden seien. Die ersten richtigen Ergebnisse aus der laufenden Studie werde der Pharmakonzern voraussichtlich erst Ende des Monats bekannt geben.

• Ausblick: Das erwartet Experte Christian Drosten in den nächsten Pandemie-Wochen

Coronavirus: Trump preist „Gamechanger“ an

In Deutschland meldeten Forscher vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, dass sie mit Unterstützung der Charité in Berlin ein Medikament auf seine Wirksamkeit bei Covid-19 testen, das in Japan bei Entzündungen der Bauchspeicheldrüse eingesetzt wird.

Auch Chloroquin, ein älteres Malariamedikament von Novartis, wird als mögliche Therapie erprobt. Novartis will bis Ende Mai 130 Millionen Dosen spenden, sollte es Wirkung zeigen.

Es wird in Amerika hoch gehandelt, nachdem US-Präsident Donald Trump eine Kombinationstherapie mit dem Medikament mehrfach per Tweet als möglichen „Gamechanger“ angepriesen hatte. Experte Drosten winkt ab: Das Mittel werde in klinischen Studien untersucht, „aber die Ergebnisse sind nicht überzeugend“.

Anfang der Woche hatte der Pharmakonzern Bayer Deutschland acht Millionen Chloroquin-Tabletten zur Verfügung gestellt. In den vergangenen Wochen hätten andere Länder, darunter China, Italien und die USA, bereits mehrere Millionen Tabletten kostenlos erhalten.

Coronavirus: Hilft Vitamin C in hohen Dosen?

Ebenso wenig zum „Gamechanger“ dürfte ein Stoff werden, der im Netz zum Teil als erfolgversprechend angepriesen wird: Vitamin C. Der Virologe Stephan Günther vom Bernhard-Nocht-Institut zeigt sich skeptisch: Ihm lägen keinerlei Belege vor, dass Vitamin C das Coronavirus abtöten könne.

Allerdings könnte Vitamin C in sehr hohen Dosen zumindest einigen Studien zufolge helfen, den Zustand von Intensivpatienten zu verbessern, etwa bei einer Blutvergiftung. Solche Patienten haben zum Teil einen sehr hohen Vitamin-C-Bedarf. In anderen Studien konnten Forscher diese Wirkung jedoch nicht belegen.

In der chinesischen Stadt Wuhan, die besonders stark von Covid-19 betroffen war, wird derzeit eine klinische Studie zum Einsatz von äußerst hoch dosiertem Vitamin C bei Lungenentzündungen durchgeführt. Dabei wird den schwer kranken Patientinnen und Patienten zweimal am Tag je 12 Gramm Vitamin C injiziert - also in einer Dosierung, die etwa dem 240-fachen der empfohlenen Tagesmenge entspricht. Bis die Ergebnisse vorliegen, wird es jedoch noch eine Weile dauern. (san/ba/reba)

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