Volkskrankheit

Kreidezähne häufiger als Karies: Ärzte stehen vor Rätsel

Bemerken Eltern bei ihrem Kind erste Symptome wie bräunlich-milchige Flecken auf den Zähnen, sollten sie zum Arzt gehen..

Bemerken Eltern bei ihrem Kind erste Symptome wie bräunlich-milchige Flecken auf den Zähnen, sollten sie zum Arzt gehen..

Foto: xavierarnau / iStock

Witten.  Braun-gelbe Flecken, bröckelnder Zahnschmelz: Fast jeder dritte Zwölfjährige ist betroffen, sagen Ärzte. Die Ursache ist noch unbekannt.

Seit den ersten Milchzähnen achtet sie bei ihrer Tochter sehr genau auf die Mundhygiene. Umso mehr wundert sich die Mutter über die gelblichen Flecken, die plötzlich auf den Backenzähnen der Siebenjährigen auftauchen. Die bleibenden Zähne haben gerade erst die Milchzähne ersetzt. Das Mädchen klagt außerdem über große Schmerzen beim Putzen und Essen. Der Gang zum Zahnarzt bringt Klarheit: Das Kind leidet unter Kreidezähnen, im Fachjargon bekannt als Molar-Inzisive-Hypomineralisation (MIH).

Das Phänomen der teils porösen Zähne tauchte erstmals Ende der 1980er-Jahre auf und verbreitet sich seither rasant: Mittlerweile ist im Schnitt jedes dritte zwölfjährige Kind von MIH betroffen – und niemand weiß, woher die Krankheit kommt.

Auch Professor Stefan Zimmer, der an der Universität Witten/Herdecke den Lehrstuhl für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin innehat, behandelt immer häufiger MIH. „Mittlerweile gehen mehr Zähne durch MIH als durch Karies verloren“, warnt der Experte.

Kreidezähne: Ärzte haben mehrere Theorien, was zur Erkrankung führt

Die Ursachenforschung stellt die Fachwelt dabei vor ein Rätsel: „Es gibt mehrere Theorien, was MIH auslöst. Belegt ist davon bislang aber keine“, sagt Zimmer, der aktuell eine Doktorarbeit zum Thema betreut. Darin geht es um den Zusammenhang zwischen MIH und Vitamin-D-Mangel. „Vitamin D wird durch Sonnenlicht von der Haut gebildet. Da Eltern ihre Kinder immer besser vor UV-Strahlen schützen, gibt es Vermutungen, dass Vitamin-D-Mangel MIH auslösen könnte“, sagt Zimmer.

Er selbst und viele Kollegen vermuten jedoch eher einen Zusammenhang zwischen MIH und der massenhaften Verbreitung von Plastikflaschen und den darin enthaltenen Weichmachern. Seine eigene Tochter habe er deswegen nicht aus Plastikflaschen trinken lassen: „Wenn wir uns fragen, was sich seit Ende der 1980er-Jahre gravierend bei der Ernährung geändert hat, dann ist es vor allem die Verbreitung von Plastikflaschen. Das ist natürlich kein Beweis, aber die Theorie, die für mich schlüssig ist“, sagt Zimmer.

Wissenschaftlich valide sei das aber nicht. Es müsse noch erforscht werden: „Das Problem betrifft ja nicht nur Deutschland, sondern ist international verbreitet“, weiß Zimmer. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält den Zusammenhang nach der Bewertung einer Studie jedoch für unwahrscheinlich.

Flecken tauchen nur auf den Backen- oder unteren Schneidezähnen auf

Auch über die Zahl der betroffenen Kinder beziehungsweise über ihre Interpretation sind sich die Experten uneinig. Gibt es wirklich mehr Fälle von Kreidezähnen? Oder fallen sie nur mehr auf? Der Gedanke dahinter: „MIH ist an Zähnen nur dann gut zu erkennen, wenn sie kariesfrei sind“, erklärt Professor Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Und während die Zahl der Kreidezähne deutlich gestiegen ist, geht die Zahl der Kariesfälle bei Kindern und Jugendlichen seit Jahren massiv zurück. Mancher Experte vermutet deshalb, dass die Krankheit schon existierte – nur unerkannt.

Erste Anzeichen für MIH sind bräunlich-milchige Flecken, die ausschließlich auf den bleibenden Backen- oder den unteren Schneidezähnen auftauchen. Verfärbt sich ein anderer Zahn, steckt also meistens keine MIH dahinter. „Die Zähne werden zeitgleich im Kiefer angelegt – und das schon im Mutterleib. Daher glaube ich auch, dass die Grundlage für MIH bereits in diesem frühen Stadion gelegt wird“, sagt Stefan Zimmer.

Ein Schmelzeinbruch lässt die Schmerzempfindlichkeit steigen

Wer erste Symptome bei seinem Kind bemerkt, sollte einen Termin beim Zahnarzt machen, raten die Experten. Ein Spezialist müsse es aber nicht sein: „MIH ist Bestandteil der Ausbildung für Zahnärzte“, sagt Oesterreich. „Jeder Zahnarzt ist heute in der Lage, die Krankheit zu erkennen und zu behandeln.“

Dabei muss MIH gar nicht in jedem Fall behandelt werden. Nur bei etwa fünf Prozent der betroffenen Zwölfjährigen sei die Krankheit so ausgeprägt, dass man tatsächlich etwas tun müsse, erklärt Oesterreich. Die anderen hätten zwar Verfärbungen, aber daraus folge nicht unbedingt eine Therapie. Behandlungswürdig ist MIH vor allem dann, wenn neben den Verfärbungen ein sogenannter Schmelzeinbruch auftritt. Denn damit steigt auch die Schmerzempfindlichkeit der Zähne – und damit das Kariesrisiko. „Da es sehr schmerzhaft ist, sie zu putzen, sparen Kinder den Zahn häufig aus. Dadurch entstehen auf dem ohnehin anfälligen Zahn noch mehr Beläge“, sagt Zimmer. Werde die Krankheit früh bemerkt, erklärt Zimmer, könne der Zahn beispielsweise mit einem Fluoridlack überzogen und so auch besser vor Karies geschützt werden.

Betroffene Kinder sollten alle drei Monate zum Zahnarzt

In seltenen Fällen jedoch, etwa bei jedem 100. Kind, ist der Zahn so schwer beschädigt, dass er rausmuss. Bei Kindern und Jugendlichen geht das in der Regel noch ganz gut, erklärt Dietmar Oesterreich: „Man hat heute auch die Möglichkeit, das kieferorthopädisch zu behandeln – die Zähne also zu entfernen und die entstandene Lücke durch kieferorthopädische Maßnahmen mit anderen bleibenden Zähnen zu schließen.“

Doch nicht nur medizinisch sind Kreidezähne ein Problem. Auch optisch leiden viele Kinder unter den Folgen von MIH – besonders dann, wenn die Schneidezähne betroffen sind. „Je nachdem, wie schwer der Zahn befallen ist, kann ein Zahnarzt mit Füllungen und Kronen gegensteuern“, sagt Stefan Zimmer. Neben einer guten Mundhygiene empfiehlt der Fachmann eine engmaschige Überwachung: „Betroffene Kinder sollten etwa alle drei Monate zum Zahnarzt.“

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