Vorhautverengung

Neue Leitlinie: Ärzte raten von Jungen-Beschneidung ab

„95 Prozent der Jungen sind völlig gesund“ – ein Kinderchirurg hält einen Skalpell in der Hand, mit dem Beschneidungen durchgeführt werden.

„95 Prozent der Jungen sind völlig gesund“ – ein Kinderchirurg hält einen Skalpell in der Hand, mit dem Beschneidungen durchgeführt werden.

Foto: dpa Picture-Alliance / Oliver Berg / picture alliance / dpa

Berlin  Eine neue Leitlinie zu Vorhautverengungen hält viele Eingriffe für medizinisch unbegründet. Damit flammt eine alte Debatte wieder auf.

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„Zwei kleine Schnitte – das ist schnell vorbei und hat nur Vorteile!“ Das war über Generationen die gängige Vorstellung zur Jungenbeschneidung. Eltern glaubten Gutes zu tun, wenn sie ihre Jungen beschneiden ließen, selbst wenn es medizinisch nicht notwendig war. Schon seit Jahren warnen Mediziner und Betroffenenverbände vor möglichen Folgen einer Vorhautentfernung und fordern genitale Selbstbestimmung.

Nun haben sechs deutsche Ärzteverbände die aktuelle Forschung zusammengetragen und eine neue ärztliche Leitlinie zu Vorhautverengungen (Phimose) herausgebracht. Sie empfiehlt, dass eine Operation nicht voreilig oder vorbeugend durchgeführt werden sollte. Aus Sicht der Kritiker müsse damit das Jungenbeschneidungsgesetz, das seit Ende 2012 in Deutschland auch eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung erlaubt (§1631d Bürgerliches Gesetzbuch), hinterfragt werden.

Dass die männliche Vorhaut nur ein unbedeutendes, Probleme verursachendes Stück Haut sei, sieht man an einigen deutschen Kinderkliniken schon länger kritisch. Bei einem Symposium zur Jungenbeschneidung, das der Kinderchirurg Kolja Eckert 2015 am Elisabeth-Krankenhaus in Essen organisierte, erklärte er einleitend: „Mir wurde beigebracht, Vorhäute abzuschneiden. Ihre Bedeutung aber wurde nie vermittelt. Es gab dazu lang keine Forschung.“

„Wir behandeln nur noch bei Beschwerden“

Eckert und seine Kollegen haben daraus die Konsequenzen gezogen, die die neue Phimoseleitlinie jetzt in 18 Empfehlungen offiziell festgeschrieben hat: „Wir behandeln nur noch bei Beschwerden, etwa bei Entzündungen und Problemen beim Wasserlassen. Dann verschreiben wir Salben. Erst wenn die längerfristig nicht wirken, operieren wir möglichst vorhauterhaltend. Wir haben unsere Beschneidungsrate damit um 93 Prozent gesenkt“, berichtete Eckerts Chef Peter Liedgens im vergangenen Jahr auf einem Kongress zur Jungenbeschneidung an der Universität Düsseldorf über die neue Behandlungsstrategie.

Der Projektleiter der neuen Phimose­leitlinie, der Kinderurologe und -chirurg Professor Maximilian Stehr, toppt diese Zahl noch: „95 Prozent aller Jungen, die uns zur Beschneidung an die Cnopfsche Kinderklinik in Nürnberg überwiesen werden, schicken wir wieder heim. Sie haben einen ihrem Alter entsprechenden Entwicklungsstand, sind also völlig gesund.“

Weshalb viele Ärzte Jungen zur Beschneidung überweisen, liegt an einem Lehrbuch, das 1949 als Norm festlegte, bei Schuleintritt müsse die Vorhaut komplett zurückstreifbar sein. Die ist nach Ansicht der Autoren nun endgültig passé.

Gewaltsame Separierung kann zu Schäden führen

Die neue Leitlinie beschreibt Vorhautverengungen als natürlichen Zustand in der Entwicklung eines Jungen: „Die Schleimhaut der Vorhaut und das Gewebe der Eichel sind (…) während der Embryonalentwicklung ein Gewebe“. Deren Loslösung vollziehe sich individuell sehr unterschiedlich, vollständig oft erst bis zum Ende der Pubertät.

„Eine gewaltsame Separierung dieser natürlichen Verklebungen schädigt oder verletzt die Eichel und das innere Vorhautblatt“, warnen die Autoren, zu denen neben Urologen auch Kinder­psychotherapeuten und -analytiker gehören. Wenn man es trotzdem versuche, könnten Verletzungen entstehen, die sekundäre und somit erworbene Phimosen verursachen, bei denen Salben dann oft nicht mehr helfen würden.

Eine primäre Phimose liegt vor, wenn sich der natürliche Trennungsprozess nicht von selbst vollzieht. Das ist nur bei 0,6 bis 1,5 Prozent aller Jungen der Fall, heißt es in der Leitlinie.

Vorhaut schützt die Eichel wie das Lid das Auge

In der neuen Phimoseleitlinie betonen die Autoren die Funktion der ­Vorhaut. Laut einer Studie des US-Mediziners und Beschneidungskritikers Morris L. Sorrells ist sie der sensibelste Teil des Organs. Stark durchblutet spielt sie für das Erleben sexueller Empfindung eine wichtige Rolle und schützt die Eichel wie das Lid das Auge.

Wird sie entfernt, gingen Tastkörperchen, befeuchtende und vermutlich zur Immunabwehr wichtige Drüsen verloren, warnen Ärzte. Das führe zur Desensibilisierung eines Organs, dessen Ausdehnungsfähigkeit eine wichtige Eigenschaft ist, das bei dem Eingriff aber bis zu 50 Prozent seiner Hautre­serve verliert, führen die Ärzte aus.

Die neue Leitlinie warnt zudem vor Komplikationen durch Beschneidung, die selbst in kinderchirurgischen Zen­tren bei fünf Prozent der Behandlungen eintreten würden. Bei Neugeborenen sei die Zahl noch viel höher. So berichtete etwa der Kinderchirurg Christoph Zöllner 2014 beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie von 83 Patienten, die er zwischen 2005 und 2012 in der Klinik der medizinischen Hochschule Hannover aufnehmen musste. Deren Komplikationen reichten von „geringfügig bis lebensbedrohlich“. Einem seiner Patienten habe er nach versuchter ritueller Beschneidung den Penis amputieren müssen, um ihm das Leben zu retten.

Wie Zöllner nennt auch die Phimose­leitlinie Nachblutungen als häufigste Komplikation. Erwähnt werden auch Durchblutungsstörungen, Schrumpfungsprozesse, störende Vernarbungen, nachzuoperierende Harnröhrenverengungen. Letztere gehäuft bei Neugeborenen. Hinzu kämen mögliche Traumatisierungen körperlicher und seelischer Natur.

Nur noch in Vollnarkose und mit örtlicher Betäubung

So rät die Phimoseleitlinie nun auch von allen früher propagierten vorbeugenden Beschneidungen zur Verhinderung sexuell übertragbarer Krankheiten in Westeuropa ab. Und bei am Ende aus medizinischer Sicht doch noch erforderlichen Beschneidungen verlangt sie Vollnarkose und lokale Betäubung.

Die leicht betäubende Emla-Salbe, die traditionelle Beschneider oft einsetzen würden, sei keinesfalls ausreichend, schreiben die Autoren. Denn aus Sicht der Ärzte sei auch das inzwischen erforscht: Frühkindliche Schmerzerfahrungen würden die Vernetzung im Gehirn grundlegend verändern. Die späteren Erwachsenen seien dadurch empfind­licher und reagierten schlechter auf Schmerzmittel.

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