Gesundheit

Präzisionsonkologie verbessert die Chancen auf Krebs-Heilung

Das Gehirn eines Patienten im radiologischen Scan. Bei der Präzisionsonkologie lassen sich Tumore behandeln, dabei ist es unwichtig, wo sie im Körper sind.

Das Gehirn eines Patienten im radiologischen Scan. Bei der Präzisionsonkologie lassen sich Tumore behandeln, dabei ist es unwichtig, wo sie im Körper sind.

Foto: gorodenkoff / Shutterstock / Gorodenkoff

Berlin.  Die Präzisionsonkologie ist aufwendig und individuell. Dabei ist es nicht wichtig, wo der Tumor sitzt, sondern wie er entstanden ist.

Es gibt ihn nicht, den einen Krebs. Nicht einmal den einen Lungenkrebs, den einen Magen- oder Darmkrebs. Jeder Tumor ist anders und beruht auf einem anderen Fehler im System der mehr als 20.000 Gene im menschlichen Körper.

Die Volkskrankheit Krebs mit jährlich rund 480.000 Neuerkrankungen ist also vor allem eins: eine individuelle Erkrankung, die eine individuelle Therapie benötigt. „Meine Wunschvorstellung ist es, den Tumor eines jeden Patienten so genau wie möglich zu charakterisieren“, sagt der Heidelberger Krebsmediziner Professor Stefan Fröhling.

In der sogenannten Präzisionsonkologie geschehe das bereits – doch bislang profitieren nur wenige Patienten, sagt Fröhling. Das bestätigt der Berliner Onkologe Professor Serge Leyvraz: „Wir stehen am Anfang von etwas Neuem.“

Die Präzisionsonkologie ist vielversprechen, ihr Prinzip einfach

Das Neue scheint vielversprechend. Überall auf der Welt wird dazu geforscht, immer neue Medikamente kommen auf den Markt, die Zulassungsbehörden haben ein eigenes Programm für das Gebiet der Präzisionsonkologie aufgelegt.

Die Idee hinter dieser neuen Hoffnung im Kampf gegen den Krebs klingt simpel: Finde den Fehler, der den ausgeklügelten Reparaturmechanismen des Körpers durchgerutscht ist und die bösen Zellen zur hemmungslosen Teilung verleitet, und sorge dafür, dass der Fehler aus der Welt geschafft wird.

„Die Krebszelle ist abhängig von einer bestimmten Veränderung in ihrem Genom“, erklärt Leyvraz, „sie braucht diese genetische Veränderung zum Überleben und um sich weiter teilen zu können.“ Dort müsse man ansetzen.

In der EU ist das Medikament Larotrectinib seit September zugelassen

Leyvraz leitet am Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC) in Berlin eine der Studien für ein präzisionsonkologisches Medikament mit dem Namen Larotrectinib. Es soll Patienten helfen, die aufgrund der seltenen NTRK-Genfusion erkrankt sind.

Diese Fusion ist zwar nur für etwa ein Prozent der jeweiligen Tumorerkrankungen verantwortlich – jedoch über ein breites Spektrum an Tumorarten und Altersgruppen hinweg. In den USA ist das Mittel seit November 2018 auf dem Markt, seit Mitte September hat das Unternehmen Bayer die Zulassung für die EU erhalten.

Es zählt nicht, wo im Körper der Tumor ist

Die Präzisionsonkologie habe die Fragestellung verändert, sagt Fröhling vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg: Es ist weniger relevant, wo im Körper der Tumor ist, sondern wie er entstanden ist.

Das Bayer-Medikament Larotrectinib ist das erste in Europa, das die Frage nach dem Wo ignoriert – es hat eine tumor-unabhängige Zulassung bekommen. Es geht also nicht um die Behandlung eines Brust-, Darm- oder Magenkrebses, sondern um eine bestimmte molekulargenetische Veränderung, die Krebs ausgelöst hat.

„Das hat große Vorteile“, sagt Fröhling. Denn immer wieder würden sie bei Tumoren Genveränderungen finden, die sie nur von anderen Tumorarten kennen. „Geben wir dem Patienten mit Lungenkrebs dann das Medikament, das für Darmkrebs zugelassen ist?“, fragt Fröhling. „Das können wir tun, aber das wird von den Kassen nicht unbedingt bezahlt. Also müssen wir kämpfen.“

Die Studienergebnisse zu Larotrectinib lesen sich trotz geringer Probandenzahl vielversprechend: Von 55 Patienten sprachen 81 Prozent auf die Behandlung an. Bei 17 Prozent ist der Tumor sogar ganz verschwunden – und das bei Erkrankten, bei denen die medizinischen Mittel zum Teil als erschöpft galten.

Niemand kennt die Nebenwirkungen auf lange Sicht

„Das ist ein Paradebeispiel der Präzisionsonkologie“, sagt Fröhling. Auch Nebenwirkungen gibt es laut Studien wenige. „Was wir allerdings nicht kennen, sind die Nebenwirkungen auf lange Sicht“, sagt Leyvraz. Auch die Frage, ob die Therapie beendet werden kann, wenn der Tumor verschwunden ist, bleibt unbeantwortet.

„Natürlich haben wir noch keine zehn Jahre Erfahrung“, sagt der Onkologe. „Aber dass sich bei Patienten, bei denen vorher keine der Standardtherapien gegriffen hat, der Tumor zurückbildet, ist ein großer Erfolg.“

Die Voraussetzung für Erfolge dieser Art ist die vorherige genetische Analyse des Tumors. „Als ich angefangen habe, als Arzt zu arbeiten, kannten wir drei oder vier Mutationen. Heute sind wir viel weiter“, sagt Leyvraz.

Trotzdem: Vieles wissen die Krebsforscher noch nicht. So ist zum Beispiel beim Lungenkarzinom bei etwa einem Drittel der Patienten die Mutation noch nicht entdeckt. „Oder wir finden bei solchen Analysen Dinge, die wir noch gar nicht zuordnen können“, sagt Fröhling.

Der Goldstandard der Tumorentschlüsselung: die molekulargenetische Analyse

Technisch ist eine solche molekulargenetische Analyse heute aber längst möglich. Der Goldstandard ist das sogenannte Next Generation Sequencing (NGS). „Optimal wäre gleich zu Beginn der Tumordiagnose eine molekulare Aufklärung. Aber da werden wir vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren sein“, sagt Leyvraz.

Im Moment sei ein solches Verfahren aber leider den Patienten vorbehalten, bei denen keine der Standardtherapien gewirkt hat, sagt auch Fröhling. „Das ist aus Kapazitätsgründen nicht anders möglich.“ Eine Sequenzierung dauere Wochen, binde Personal und finanzielle Ressourcen, die große Zentren wie in Heidelberg vielleicht noch hätten, kleinere Häuser aber nicht.

Doch auch wenn sie noch nicht Standard in der Krebstherapie sei, müsse sich zumindest das Wissen über die Präzisionsonkologie verbreiten, sagt Serge Leyvraz. In Spezialzentren wie der Charité in Berlin säßen die Ärzte mehrfach in der Woche zusammen und berieten über besonders schwere Fälle und die Frage, ob vielleicht die molekulargenetische Analyse neue Erkenntnisse bringen könnte. „Aber die Patienten sind nicht alle hier. Sie sind in kleinen Kliniken und im niedergelassenen Bereich. Aber auch dort sollten sie die gleiche Behandlung bekommen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben