Elektromobilität

Tuning von E-Bikes: Schneller als die Polizei erlaubt

Ein normales Pedelec erreicht bis zu 25 Stundenkilometer.

Ein normales Pedelec erreicht bis zu 25 Stundenkilometer.

Foto: dpa Picture-Alliance / Zacharie Scheurer

Berlin.  Elektrofahrräder werden immer beliebter. Weil sie so langsam sind, frisieren viele Käufer ihre Bikes. Das ist illegal und gefährlich.

Auf den ersten Blick wirken die kleinen Teile wie Schnäppchen. Im Internet finden sich zahlreiche Portale, über die Händler Aufsteckgeräte für den Geschwindig­keits­sensor vertreiben. Die gibt es schon ab 89 Euro und machen aus einem gemächlich dahinrollenden Elektrofahrrad nach wenigen Handgriffen einen zweirädrigen Flitzer. Doch das Risiko ist groß.

Früher frisierte man Mofas, heute Elektroräder. „Die getunten Pedelecs sind illegal und gar nicht dafür ausgelegt, dass man ohne Weiteres 50 Stundenkilometer und mehr damit fahren kann“, mahnt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV). Denn normalerweise haben E-Bikes eine eingebaute Geschwindigkeitsbegrenzung von 25 Stundenkilometern – danach wird der Motor gedrosselt.

Illegales Tuning bei E-Bikes: Locker doppelt und dreimal so schnell

Mit einem der aufsteckbaren, streichholzschachtelgroßen Tuning-Bauteile aus dem Netz fährt so ein verstromtes Fahrrad locker doppelt und dreimal so schnell. Experten erkennen darin ein rasant wachsendes Problem. Lesen Sie auch:

E-Bikes erleben einen Boom, 2019 wurden laut ZIV 1,36 Millionen Stück verkauft – zwei Jahre zuvor waren es noch rund 700.000. Belastbare Zahlen über die Verbreitung von getunten E-Bikes existieren zwar noch nicht, doch die Unfallstatistiken sprechen eine eindeutige Sprache: Zwischen Januar und November 2019 gab es auf deutschen Straßen 28 E-Bike-Tote mehr als im Jahr davor.

Fahrradlobbyisten und Verkehrsforscher: „Kein Kavaliersdelikt

Seit 2017 stieg die Zahl laut Statistischem Bundesamt um 60 Prozent. Kein Wunder, dass Fahrradlobbyisten und Verkehrsforscher vor den Gefahren durch Tuner warnen. Die Manipulation sei „kein Kavaliersdelikt, sondern verboten“, stellt ein Sprecher der Gewerkschaft der Polizei klar.

Das interessiert die Online-Händler allerdings wenig. Die greifen zu einem juristischen Trick: Sie weisen darauf hin, dass die Geräte nicht im öffentlichen Verkehr genutzt werden dürfen, sondern nur auf Privatgrundstücken. Lesen Sie auch:

Gefahr: Lenker und Bremsen können plötzlich brechen

„Ich halte das allerdings für ein Schutzargument der Hersteller, um sich rechtlich abzusichern“, sagt Constantin Hack vom Auto Club Europa (ACE). Die Bausätze könnten „im Prinzip von jedem technisch versierten Laien eingebaut werden“.

Gefährlich ist das Tuning vor allem deshalb, weil Lenker und Bremsen für ein bestimmtes Tempo ausgelegt sind. Fährt das Rad schneller, können die Komponenten ermüden und plötzlich brechen.

Problem: S-Pedelecs gelten als Kleinkrafträder

Zwar gibt es Pedelec-Modelle, die ganz legal und ohne Manipulationen auf 45 Stundenkilometer beschleunigen können – sogenannte S-Pedelecs. Das Problem: Sie gelten laut Gesetz als Kleinkrafträder und dürfen deshalb nicht auf Radwegen fahren, was viele Käufer abschreckt. Lesen Sie auch: E-Mobilität steht in Deutschland vor dem Durchbruch

Soll der Gesetzgeber die Aufsteckgeräte also verbieten, um das Risiko zu minimieren? Das ist keine Lösung, findet Heiner Strothmann von der Verkehrswacht Deutschland: „Sonst müssten wir auch Alkohol verbieten, um Alkoholunfälle zu vermeiden.“ Die Unfallzahlen werden also womöglich weiter steigen.

Wie funktioniert das Tunen beim E-Bike?

Die Bauteile aus dem Internet manipulieren die Geschwindigkeitsmessung am Hinterrad: Ab einem bestimmten Tempo wird nur der halbe Wert an den Controller weitergemeldet – die Tuninggeräte gaukeln dem Motor vor, er fahre 25, obwohl das Rad tatsächlich mit 50 Stundenkilometern unterwegs ist.

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