Kommentar

Afghanistan - ein Land wird vergessen

Foto: Jan Jessen / funkegrafik nrw

Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban warten noch immer Tausende darauf, das Land verlassen zu können. Die Politik lässt sich zu viel Zeit.

Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban ist Afghanistan weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Ab und an blitzen Nachrichten-Fragmente auf. Die Lage für die Frauen verschlechtert sich. Tausend Menschen sterben bei einem Erdbeben. Eine Bombenexplosion zerfetzt Dutzende in einer Moschee in Kabul. Das Land, in das der Westen Demokratie und Menschenrechte exportieren wollte und dafür 20 Jahre lang Soldaten, Waffen und Entwicklungshilfe schickte, ist aber in einer katastrophalen Gesamtverfassung.

Auf der politischen Agenda steht es nicht mehr oben. Der Ukraine-Krieg überschattet auch die Situation dort, und möglicherweise ist das ganz im Sinne der neuen Bundesregierung. In dieser Regierung sitzen auch die Grünen, und sie waren es, die besonders empört den skandalösen Umgang der Großen Koalition mit denjenigen Menschen anprangerten, die den Verheißungen des Westens geglaubt und sich für ein anderes Afghanistan eingesetzt hatten.

Nun ist die Bundesregierung eigentlich gar keine neue mehr, sondern bereits seit mehr als zehn Monaten in der Verantwortung. Tausende Menschen warten dennoch in Afghanistan darauf, aus dem Land zu kommen. Zwar hat Berlin bereits rund 17.000 gefährdete Menschen und ihre Familien ausfliegen lassen; jedoch sind das nur drei Viertel derjenigen, die entsprechende Zusagen bekommen haben. Und bei weitem nicht jeder, der für die Bundeswehr oder deutsche Organisationen wie die GIZ gearbeitet oder sich in Menschenrechtsorganisationen oder den Medien engagiert hat, hat eine Aufnahmezusage bekommen.

Dass ausgerechnet ein grün geführtes Außenministerium nicht deutlich mehr Engagement für die gefährdeten Menschen an den Tag legt, lässt Zweifel an der tatsächlichen Wertegrundierung der „wertebasierten Außenpolitik“ aufkommen, die von Annalena Baerbock propagiert wird.

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