Unwort des Jahres

Auch Worte können Waffen sein

NRZ-Redakteur Simon Gerich kommentiert

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Foto: NRZ

„Klimahysterie“ ist zum Unwort des Jahres ernannt worden. Klimaleugner diskreditieren damit Klimaaktivisten und Wissenschaftler.

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Gänzlich neu ist er nicht, der Begriff „Klimahysterie“. Schon seit Mitte der 2000er-Jahre taucht er in politischen Debatten auf, zuerst in den USA, spätestens 2007 auch in Deutschland. Dass „Klimahysterie“ nun in diesem Jahr zum Unwort des Jahres gekürt wurde, liegt an zwei Faktoren.

Zum einen an der „Fridays for Future“-Bewegung, die das Thema Klima- und Umweltschutz im Frühjahr in den politischen Fokus gerückt hat. Es waren die vielen großen und kleinen Proteste in Städten auf der ganzen Welt, die gezeigt haben, wie groß die Angst vieler Kinder und Jugendlicher um ihre Zukunft auf dem Planeten Erde ist. Aber auch die eindringlichen Warnungen vieler Experten, dass die Menschheit nicht mehr so achtlos mit ihrer Umwelt umgehen darf.

Zum anderen an einer lauten Stimme derer, die nicht an den menschengemachten Klimawandel glauben – in Form der AfD. Alexander Gauland war es, der im Sommer den anderen Parteien im Bundestag „Klimahysterie“ vorwarf und sagte, seine Partei werde den aktuellen „Klimahype“ abwarten. Er tat damit genau das, was die Jury aus Sprachwissenschaftlern der Technischen Universität Darmstadt zur Begründung ihrer Wahl erklärte – diffamieren und diskreditieren.

Begriff wirft vieles in einen Topf

Und das macht „Klimahysterie“ mit erschreckender Präzision. Hier werden Wissenschaftler und ihre Forschung, protestierende Schüler, die emotionale Rede einer junge Schwedin vor dem Klimagipfel und Umweltschützer, die sich für den Umstieg vom Auto aufs Rad stark machen, in einen Topf geworfen und ihnen kollektiv eine „Hysterie“ vorgeworfen. Eine alte psychiatrische Diagnose als Kampfbegriff der Klimaleugner.

Wie stark die öffentliche Debatte mittlerweile durch rechte Schreihälse und Brandstifter bestimmt wird, zeigt ein Blick in die „Unwörter“ vergangener Jahre: „Anti-Abschiebe-Industrie“, „Alternative Fakten“, „Volksverräter“, „Gutmensch“ oder „Lügenpresse“. Durch das Schaffen solcher Begriffe sollen Diskussionen beeinflusst und angeheizt werden. Auch Worte können zu Waffen werden. Deshalb sollte jeder genau überlegen, ob er solche Worte verwenden will. Auch wir Journalisten.

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