Kunst

Kunstzensur vom Oberbürgermeister

Eine frühere Tunnel-Skulptur von Gregor Schneider: "Kinderzimmer (No.2)". Das Kunstwerk, welches er in Duisburg errichten wollte, wurde nicht genehmigt.

Eine frühere Tunnel-Skulptur von Gregor Schneider: "Kinderzimmer (No.2)". Das Kunstwerk, welches er in Duisburg errichten wollte, wurde nicht genehmigt.

Foto: dpa

Duisburg.  Duisburg, die Stadt in der kaum noch etwas gelingt. Diesen nicht gerade erstrebenswerten Ruf festigt Oberbürgermeister Sören Link mit seiner Entscheidung, Gregor Schneiders Kunstwerk "totlast" zu verbieten. Diesen Kunst-Skandal hat der Oberbürgermeister allein zu verantworten. Ein Kommentar.

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Duisburg festigt mit dem Verbot von Gregor Schneiders Kunstwerk „totlast“ seinen Ruf als Stadt, in der kaum noch etwas gelingt. Die hochfliegenden Ausbaupläne für das Museum Küppersmühle sind kläglich gescheitert, das Landesarchiv im Innenhafen ist nicht nur Betrug am Steuerzahler, sondern auch optisch ein Pfahl im Fleisch. Doch während auf diesen und anderen Baustellen der Stadt auch ein gewisses Maß an Pech im Spiel war, hat den Kunst-Skandal der Oberbürgermeister allein zu verantworten. Er war frühzeitig in die Planungen eingeweiht, und das Projekt im ersten Planungsstadium zu stoppen, hätte nicht halb so viel Empörung und bundesweite Aufmerksamkeit ausgelöst wie der jetzige Fall von Kunstzensur.

Der Vorgang ist weithin einmalig: Ein Oberbürgermeister verbietet ein Kunstwerk, weil er seine Stadt als „noch nicht reif dafür“ empfindet. Schon die Diktion offenbart ein undemokratisches Denken, das so tut, als sei der Oberbürgermeister der Vater einer Stadt und die Bürger auf dem intellektuellen Horizont von Kindern, die zu ihrem eigenen Wohl bevormundet werden müssen.

Dieser Zensur-Fall legt aber auch ein sozialdemokratisches Kunstverständnis bloß, das sich längst von der Vorstellung von „Kunst für alle“ gelöst hat: Kunst ist spätestens seit dem Kulturhauptstadt-Jahr 2010 der SPD nur noch dann genehm, wenn sie entweder dem Stadtmarketing und der touristischen Vermarktung dient – oder aber zur Bildung von Kindern und Jugendlichen beiträgt. Dass Kunst ihren Sinn in sich hat und schon deshalb respektiert werden muss, dass sie eigentlich das letzte Reservat ist, in dem Menschen sinnlich-geistige Erfahrungen machen können, ohne dass sie einem vorherbestimmten Zweck folgen würden, ist ihnen zunehmend fremd.

Und selbst von der Sache her ist Links Einschätzung grob fehlerhaft: Man beseitigt ein Trauma nicht, indem man es verdrängt, verleugnet, nicht zu Kenntnis nimmt. Erst die mittelbare Auseinandersetzung damit kann dazu befähigen, mit dem Auslöser des Traumas allmählich rational umzugehen. Es wäre ja niemand gezwungen gewesen, sich den Erfahrungen in Gregor Schneiders Kunstwerk auszusetzen. Es zu verbieten, nimmt der Stadt hingegen eine Chance, die sie bitter nötig hat. Und sie fügt den ohnehin schon vorhandenen Image-Schäden der Stadt auch noch den von kunstfeindlichem Hinterwäldlertum hinzu.

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