Merkel vs Schulz

Nette Plauderei – aber kein Duell

NRZ-Chefredakteur Manfred Lachniet Kommentarbild / Kommentarfoto zur Verwendung Online und Facebook / Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

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Foto: NRZ

Beim Boxen heißt es: Der Herausforderer muss häufiger treffen als der Titelverteidiger. Schwierig, wenn man in einer Koalition aneinanderklammert

Ob jetzt die vielen Unentschlossenen wissen, wo sie am 24. September ihr Kreuzchen setzen? Wohl kaum. Denn Kanzlerin und Herausforderer trafen sich gestern Abend nicht zum Duell, sondern zu einer eher freundlichen Plauderei. Mal lächelte Merkel zustimmend, wenn Schulz was sagte. Und auch Schulz nickte nicht selten, wenn die Kanzlerin sprach. Als Merkel überraschend die Rente mit 70 rundherum ablehnte, applaudierte er spontan. Das war Große Koalition zum Anfassen.

Dennoch war der Abend keine verlorene Zeit. Es war gut, dass eingangs lange über Flüchtlinge und Integration gesprochen wurde. Bei der heiklen Frage des Familiennachzuges wollte jedoch niemand konkret sein. Beide wissen, dass man mit diesem Thema in diesen Tagen nicht punkten kann. Gerade Merkel weiß nur zu gut, dass ihr hier Seehofer im Nacken sitzt.

Bei der Beurteilung Erdogans musste Schulz kurz schnauben; als Kanzler werde er die Beitrittsverhandlungen sofort abbrechen. Doch er musste schnell einlenken, als die Kanzlerin erwähnte, dass sie darüber eben mit dem Außenminister (SPD) gesprochen habe. Wie wollte Schulz da widersprechen?

Allein bei der Maut gab‘s ein wenig Emotion: Als Schulz sie an ihren Wortbruch vom letzten Wahlkampf erinnerte, wich sie kleinlich aus. Im Gegenzug versprach der Sozialdemokrat sogleich, dass es mit ihm als Kanzler keine Maut geben werde… - Wir werden es erleben.


Über dem Abend schwebte das Dilemma der Sozialdemokraten: Die lange Zeit der Kompromisse in der Großen Koalition hat ihre Konturen verwischt. Schulz tat sein Bestes, um eigene Positionen zu verdeutlichen. Etwa beim Schlusswort, wo er gefühlsbetont an „mehr Gerechtigkeit“ appellierte. Merkel ließ ihn sogleich mit Hinweis auf die Linken abblitzen. So blieb’s am Ende beim 0:0.

Schon deswegen sollten die Sozialdemokraten nach der Wahl keinen Gedanken mehr an einer weiteren Großen Koalition verschwenden. Im Klartext: Wenn Schulz nicht Kanzler wird, muss er mit seiner Partei in die Opposition gehen, wo sich die SPD erholen kann, wenn sie es klug anstellt.

Doch so weit ist es natürlich noch nicht. Knapp drei Wochen lang wird nun um jede Stimme gekämpft. Alles ist möglich, wie die letzten Wahlen gezeigt haben. Letztlich wird es vom Abschneiden der anderen Parteien abhängen, welche Koalition unser Land gestalten will. Es geht somit nicht allein um Merkel und Schulz allein, auch wenn nur sie gestern im Fernsehstudio standen.

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