Winter 78/79

Als das Leben im Schnee stecken blieb

Foto: foto: Eberhard Kiel

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Essen. Es mag in diesen Tagen knackig kalt sein. Der Winter vor 30 Jahren war allerdings ungleich härter. Deutschland wurde von einer Schneekatastrophe heimgesucht. NRZ-Leser erinnern an ihre Erlebnisse in diesem Winter, in dem das Land im Schnee versank.

Gut, minus 20 Grad sind natürlich ein Wort, und die Schneemengen dieser Tage sind auch nicht von schlechten Eltern. Nichtsdestrotz ringt dieser Winter Meteorologen nur ein müdes Lächeln ab. Klar, es sei ein bisschen polare Luft eingesickert, weswegen es knackig kalt geworden sei, sagt Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst, aber nun ja, so was komme nunmal ebenso im Winter vor wie Schnee. „Für Meteorologen ist das nichts Besonderes.”

Etwas Besonderes, das war der Winter vor 30 Jahren. „Das war eine spannende, interessante Wetterlage”, schwärmt Lux. Anderen ist das, was zum Jahreswechsel 1978/79 geschah, als Schneekatastrophe in Erinnerung geblieben.

Panzer mussten Kranke in Kliniken transportieren

„Norddeutschland versank im Schnee”, titelte die NRZ am 30. Dezember 1978 und berichtete in den folgenden Tagen über einen Zusammenbruch des Verkehrs auch an Rhein und Ruhr, über eingeschneite Fahrzeuge auf unpassierbaren Autobahnen, über eingeschlossene Ortschaften in Schleswig-Holstein, den Zusammenbruch der Stromversorgung, Chaos bei der Bahn, Panzer der Bundeswehr, die Kranke in Kliniken transportierten. Und über insgesamt 17 Menschen, die in der Bundesrepublik diesem Jahrhundertwinter erfroren.

Noch an Weihnachten 1978 konnte niemand ahnen, wie bitter kalt und ungemütlich es nur wenige Tage später werden sollte. Es war ungewöhnlich warm, fast frühlingshaft, dazu regnete es in Strömen. Im Norden braute sich allerdings Unheil zusammen. Eine Eisfront zog von Schweden heran und prallte schließlich am 28. Dezember mit der Warmluftfront über Schleswig-Holstein zusammen, schob sich dann in den Tagen darauf langsam Richtung Süden. Mancherorts rauschte die Temperatur binnen weniger Stunden um mehr als zwanzig Grad in den Keller, der Regen verwandelte sich in einen Schneesturm.

Mit dem Strichachter in die Leitplanke

Trotz des Unwetters hatte sich Stefan Klahr aus Essen damals fest vorgenommen, gen Norden zu fahren. Er war damals 23 und wollte Silvester mit seiner damaligen Freundin und einem befreundeten Paar auf dem Kreuzfahrtschiff „Peter Pan” verbringen. Das lag in Kiel vor Anker. Sein Freund, ein nigerianischer Arzt, war nicht davon abzubringen, den sommerbereiften Mercedes, ein „Strichachter”, zu steuern, „der war völlig hin und weg von dem vielen Schnee”, erinnert sich Klahr. Es kam, wie es kommen musste, auf der völlig zugeschneiten A1 rutschten sie in die Leitplanken. Heftiger Blechschaden. Erst nach zwei Tagen erreichten sie Kiel. „In die ,Peter Pan' mussten wir über eine Lkw-Ladeluke einsteigen, alles andere war vereist.” Immerhin: In der Silvesternacht konnten sie entspannt feiern. „Jeder von uns hatte drei oder vier Kellner, weil so wenige Passagiere durchgekommen waren.”

Die Nachbarschaft im Wohnzimmer

Viel Besuch hatte Ulrich Meis aus Moers am Jahresbeginn 1979. Der heute 70-Jährige hatte damals einen Bauernhof im Kreis Borken und anders als viele seiner Nachbarn keine neumodische elektrische Speicherheizung, sondern einen alten Kachelofen. Die Elektrogeräte hielten der Kälte nicht stand, der Ofen schon - das Wohnzimmer von Meis war brechend voll.

Als der Hund im Fressnapf festfror

In einer Eiswüste, nämlich ihrem Mobilheim auf einem Campingplatz im Valmetal im Sauerland, erlebte Dagmar Korosel aus Kamp-Lintfort die kalten Tage nach Silvester mit ihren beiden Töchtern und Foxterrier „Sir”. Mit unvergesslichen Erlebnissen: Dem Hund fror bei minus 30 Grad trotz Heizung die Pfote in seinem Hundenapf ein. Die Eier für die Frikadellen musste sie mit einem Hammer aufschlagen, weil sie gefroren waren. Erst ein SOS-Ruf an Ehemann Hans, der in Kamp-Lintfort Dienst schieben musste, brachte nach zwei Tagen die Erlösung und die Befreiung aus der Eiswüste.

Ein Tannenbaum als Notbeleuchtung

Klaus Schröter aus Mülheim erlebte die eisigen Tage vor 30 Jahren als Elfjähriger in der damaligen DDR, in Thüringen. Seine Eltern und er hatten in Worbis eine befreundete Familie besucht. Silvesterabend fiel der Strom aus. Die Kerzen am Weihnachtsbaum dienten als Notbeleuchtung. „Den Count-down zum Neuen Jahr zählten wir mithilfe eines batteriebetriebenen Transistorradios herunter.” In der DDR starben damals mindestens fünf Menschen in der Kälte, die komplette Energieversorgung brach für zwei Tage zusammen.

Ein Mann kämpft sich durch zu seinem Kind

Für immer in Erinnerung wird auch Hildegard Würmser aus Oberhausen den Winter 78/79 behalten. Am 28. Dezember hatte sie ihre Tochter zur Welt gebracht. Als es an Silvester zu schneien anfing, „habe ich nur gehofft, dass mein Mann nicht kommt. Ich hatte Angst um ihn.” Er kam trotzdem, holte sogar Wickelauflage und Badewanne von einer Firma in Sterkrade ab, die sich geweigert hatte, die Utensilien auszuliefern.

Die Geburt eines Schneeprinzen

Mutter wurde in diesem Winter auch Ursula Köllges aus Kamp-Lintfort. Sie war noch einen Tag vor ihrer Niederkunft am 25. Januar mit ihrem Wagen in einen Graben geschliddert. Tage danach annoncierte sie stolz: „Unser Schneeprinz ist geboren”.

Das Tolle am Chaos - eisfrei für die Kinder

Für viele ältere Kinder war das 79er-Schneechaos höchst willkommen. Sie hatten viele Tage eisfrei, wie sich Andreas Bernhard aus Oberhausen und Isabel Uhlenhut-Marbes erinnern. „Kein Ferientag hat jemals so süß geschmeckt wie diese unerwartet freien Stunden”, schwärmt die 37-Jährige noch heute. Das Chaos hatte auch seine guten Seiten.

Gefangen im Baubüro

Eberhard Kiel aus Wesel war in diesem Winter als Bauleiter in Norddeutschland tätig, baute dort zwischen Bremerhaven und Cuxhaven eine Hochspannungsleitung. Im Baubüro in Nordholz-Wursterheide wurde sein Trupp vom Winter überrascht: "Wir konnten nicht auf unsere Baustelle, auch nicht nach Cuxhaven und auch nicht nach Bremerhaven. Unsere Baustellenfahrzeuge und Maschinen waren am Straßenrand eingeschneit." Bundeswehrsoldaten halfen und schippten die Straße per Hand frei. Der Bautrupp vertrieb sich die Zeit mit Grog und Kartenspiel.

Wehrübung mit Hindernissen

Jürgen Ernst aus Oberhausen war gerade im Wehrdienst, als der Winter einbrach. Mitte Januar sollte er zu einer Schießübung in den Harz fahren. „Die Straßen waren schon geräumt, wir sind wie durch einen Tunnel von Schnee gefahren”, erinnert sich der heute 49-Jährige. Auf beiden Seiten der Straße türmten sich die Schneemassen bis zu vier Metern in die Höhe, „das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen”, so Ernst. Zum Schießen kamen er und seine Kameraden dann auch nicht: „Statt zu schießen haben wir Schüppen in die Hand bekommen”, sagt Ernst. Bis zu -35 Grad fielen die Temperaturen an einigen Tagen, vor allem die Nachtwachen wurden dadurch zur Tortur. „Stehen bleiben konnte man gar nicht, wir mussten immer rund ums Munitionslager laufen”, erzählt Ernst, nach vier Stunden kam dann endlich die Ablösung.

In der Not in einer Scheune untergekommen

Für Klaus Gülden aus Moers kam der Winter 78/79 besonders ungünstig. Der damals 28-Jährige hatte sich mit seinen Eltern gestritten, war von Zuhause ausgerissen und obdachlos - und das bei Temperaturen im zweistelligen Minusbereich. „Ich bin zum Glück bei einem Bauern in der Scheune untergekommen”, erinnert sich Gülden, „gemeinsam mit dessen Hund habe ich im Heu geschlafen.” Morgens habe er sich das Gesicht mit Schnee gewaschen und sich dann erst einmal den Weg freigeschaufelt. „Da ich auch beim Bauern vor der Tür Schnee geschippt habe, bekam ich dort meist eine warme Tasse Kaffee”, erzählt Gülden. Rund sechs Monate lebte er in der Scheune - die kalten Tage im Januar sind ihm aber am prägendsten in Erinnerung geblieben.

Helferin in der Not

Die damals 21-Jährige Gertrud Trawitzki aus Homberg arbeitete gerade in einer Futterkrippe in Rheinhausen, als sie und ihre Kollegen am Silvesterabend der Winter überraschte. „Das Auto meines Kollegen sprang nicht mehr an, deshalb habe ich ihn erstmal nach Hause gefahren”, erinnert sich Trawitzki. Auch die anderen Kollegen fuhr sie kreuz und quer durch Duisburg, weil öffentliche Verkehrmittel völlig ausgefallen waren. „Als ich schließlich alle weggebracht hatte und auf dem Heimweg war, sah ich einen Mann an einer Bushaltestelle stehen. Ich hielt an und fragte, ob ich ihn mitnehmen könnte, ein Bus fuhr schließlich nicht mehr. Blass wurde er allerdings, als ich auf die Frage, wie lange ich schon meinen Führerschein hätte antwortete: 3 Monate. Da hat er's mit der Angst zu tun bekommen.”

Sonderurlaub an der Ostsee

Eine unfreiwillige Verlängerung ihres Urlaubs musste die Familie Kirsch aus Essen zur Jahreswende 2008/2009 einlegen. Das Ehepaar war mit seiner damals 12-Jährigen Tochter in einem Hotel an der Ostsee, „ein Hochhaus mit 18 Etagen, das völlig eingeschneit war”, erinnert sich Sonja Kirsch. „Niemand kam aus dem Hochhaus raus, niemand rein. Schon nach kurzer Zeit hatte der Supermarkt im Haus keinen Krümel mehr zu essen, auch die Hotelküche war völlig verwaist. Also bekamen wir Notverpflegung.” Was bedeutete: Morgens um fünf Uhr mussten sich alle Urlauber zum Frühstück anstellen, jeder bekam rationiert zwei Scheiben Brot und zwei Scheiben Wurst. Mittags die gleiche Prozedur. „Ich selbst bin im Krieg aufgewachsen und weiß, was hungern ist”, so Kirsch, „aber meiner Tochter hätte ich das gerne erspart.” Ein paar schöne Eindrücke hat der Winter allerdings auch hinterlassen: „Als der Schnee eine bisschen geschmolzen war, haben alle gemeinsam begonnen. den Eingang des Hotels freizuräumen - der Zusammenhalt war immens.”

Sogar der Diesel fror ein

An den Silvesterabend 1978 kann sich Gisela Pfänder aus Essen noch gut erinnern. Ihr Schwager hatte ursprünglich angeboten, alle Gäste nach Hause zu fahren, doch als er um zwei Uhr nach draußen kam, war der Diesel in seinem Mercedesbus gefroren. Über eine Stunde lang bemühten sich mehrere Männer den Wagen zum laufen zu bringen - mit Erfolg. Zum Dank bekamen sie doch noch alle eine Heimfahrt spendiert.

Auch Dieter Moll aus Dinslaken machte eingefrorener Diesel beim Jahreswechsel 1978/79 zu schaffen. „Wir wollten mit unserer Clique bei meiner Schwester in Gahlen feiern. Die Anreise aus Duisburg war recht beschwerlich, denn es hatte so heftig geschneit, dass selbst Autobahnen kaum geräumt werden konnten.” Sie kamen aber wohbehalten an. Allerdings fehlte ein wichtiger Gast. Molls Schwester, die mit ihrem Mann kommen und ein Fass Bier mitbringen wollte. „So gegen 20 Uhr erreichte mich deren Hilferuf per Telefon aus einem kleinen Ort bei Kalkar. Ihr etwas betagter Diesel-Pkw versagte den Dienst, weil der Diesel eingefroren war. Also zögerte ich nicht lange und machte mich mit meinem wintertauglicheren, aber schon in die Jahre gekommenen VW 1600 auf den Weg. Es schneite noch immer dicke Flocken, und ich kam mir vor, als würde ich durch eine einsame Tundra dahinschleichen.” Moll pickte die beiden auf. „Etwa zehn Minuten vor dem Jahreswechsel erreichte ich mit meinen beiden Gästen und dem Fass Bier dann endlich wieder Gahlen und unsere Feier konnte beginnen.”

Eine kalte Nacht auf der Autobahn

Eine kalte Nacht erlebte Reinhard Mummer aus Essen im Winter 1978/1979: Der Kfz-Meister arbeitete in einem Speditionsbetrieb für Schwertransporte und bekam gegen 18 uhr die Nachricht, dass eins der Fahrzeuge auf der Sauerlandlinie „verreckt” sei. Bis zwei Uhr nachts werkelten er und zwei Kollegen daran, den Schwertransporter wieder flott zu machen - und mussten sich dafür am nächsten Tag auch noch Spott anhören: „Da habt ihr euch aber Zeit gelassen”, witzelte der Chef, als Mummer am nächsten Morgen pünktlich um sechs Uhr in der Werkstatt ankam.

Jung, Zeitsoldat und von der Bundeswehr gerettet

Er wollte zur Bundeswehr und musste sich dann von ihnen retten lassen: Mito Jahic aus Dinslaken war 18 Jahre alt und Zeitsoldat, als der eisige Winter über Deutschland hereinbrach. Von Büddel in Holland musste er nach Barnsdorf zu seiner neuen Kaserne - auf der Autobahn kurz vor Münster war die Reise allerdings zuende. 24 Stunden saß der Zeitsoldat in seinem Wagen fest, um nicht zu erfrieren, ließ er den Motor laufen, bis aller Sprit aufgebraucht war. Erst dann konnte ein Bergepanzer ihn und die anderen Autofahrer befreien.

Überstürzte Abreise

Ziemlich überstürzt abreisen mussten die Eltern von Ingeborg Heinemann aus Neukirchen-Vluyn in diesem Winter. „Mein Vater hatte von dem Wintereinbruch im Radio gehört - er litt unter Schlafstörungen und hörte auch nachts Radio. Plötzlich standen meine Eltern um vier Uhr morgens mit gepackten Koffern im Treppenhaus. 'Im Radio warnen sie vor einem Wintereinbruch' sagten sie zu mir und starteten sofort nach Münster.” Gerade noch rechtzeitig: „Als sie in ihrer Hofeinfahrt ankamen setzte das Blitzeis ein, kurze Zeit später kam auch der Schnee.”

Schmerzhafte Erfahrungen

Eine schmerzhafte Erfahrung machte Rolf Miltz aus Oberhausen in diesem bitter kalten Winter - er hatte sich mit seiner Zündapp C 50 Sport an Silvester auf den Weg zu seiner Freundin gemacht, die sechs Kilometer entfernt von ihm wohnte. Natürlich hatte sich der damals 18-Jährige warm eingepackt und Schutzkleidung angezogen. „Nur war am Zeigefinger der linken Handschuhhand an einer Verschleißstelle ein pfenniggroßes Loch entstanden - was sich als durchaus folgenschwer erwies: an eben dieser Stelle, an der Kuppe des linken Zeigefingers, bildete sich in kürzester Zeit eine respektable Frostbeule!”

Eine schmerzhafte Erfahrung musste auch Petra Golly aus Oberhausen machen. Sie war im Januar 1979 mit ihrem ersten Kind im siebten Monat schwanger, als sie auf einem Bürgersteig stürzte und sich eine Sprunggelenksfraktur zuzog. „Aufgrund meiner fortgeschrittenen Schwangerschaft wurde ich ohne Vollnarkose operiert.” Nach zwei Wochen Krankenhausaufenthalt mit Liegegips, ließ sie sich von ihrer Mutter zu Hause betreuen. Mitte Februar kam schließlich ihr Sohn zur Welt. „Die Sensation auf der Entbindungsstation war natürlich ich, da ich mein Kind mit einem Liegegips zur Welt brachte.”

Glück im jugendlichen Leichtsinn

Helga Wiesenhöfer wollte den Jahreswechsel damals bei ihrer Cousine in Hannover verbringen. „Morgens beim Frühstück erfuhr ich aus dem Radio, dass in Schleswig-Holstein Eisregen eingesetzt hatte.” Sie rechnete sich aus, dass sie vor dem Eisregen in Hannover eintreffen würde und fuhr „in meinem damals noch jugendlichen Leichtsinn los”. Sie schaffte es vor dem Einsetzen des Regens, erlebte dann den Schneesturm über Hannover. „Am 2. Januar wollte ich die Rückfahrt antreten. Nachdem ich mein Auto von den Schneebergen befreit hatte, merkte sich, dass das ganze Auto von einer drei bis vier Zentimeter dicken Eisschicht wie von Gelatine überzogen war.” Ein Eiskratzer half nicht viel, da er immer wieder abrutschte. „Ich brauchte mehrere Stunden, um mit viel heißem Wasser endlich mein Auto zu öffnen und die Scheiben frei zu bekommen.”

Die Fahrt in den Kreißsaal als Himmelfahrtskommando

Als das „einschneidendste Erlebnis, dass ich je hatte”, bezeichnet Renate Hechel aus Moers den Winter vor dreißig Jahren. Sie brachte damals am 12. Januar ihre Tochter zur Welt. Die Fahrt von Alpen, wo sie damals wohnte, ins Krankenhaus nach Kamp-Lintfort, wird ihr wohl immer in Erinnerung bleiben: „Das war ein Himmelfahrtskommando.” Ihr Mann und sie seien kaum vom Hof gekommen, für die Fahrtstrecke hätten sie über eine Stunde gebraucht. Normal sind 15 Minuten. „Wir mussten ständig aufpassen, dass wir nicht stecken bleiben.” Das Kind kam ohne Hebamme zur Welt. Die Frau war wegen des Schnees zu spät gekommen.

Mit Verspätung zum Standesamt

Auch Rosa Szmata war in diesem Winter in Umständen, ihr Sohn wurde am 19. Januar, einem Freitag geboren. Am Montag wollte ihr Mann den Jungen beim Standesamt anmelden, kam aber gerade bis zum Nachbarhaus – er hatte sich lang gelegt, weil es so glatt war. Öffentliche Verkehrsmittel und Taxen fuhren nicht, weil es so kalt – minus 20 Grad - war. „Mein Mann konnte die Geburt unseres Kindes somit erst eine Woche später beim Standesamt anmelden.”

Keine schöne Ankunft in heimischen Gefilden

Rita vom Hoff aus Essen kam in diesem Winter aus warmen Gefilden in die Heimat zurück - sie war vier Monate in Chile gewesen. „Es war schön und es war warm in Südamerika.” Zuhause angekommen, erwartetee sie eine böse Überraschun. „Das erste, was mein Mann zu mir sagte, war, dass die Heizung ausgefallen war.” Bis Mitte Januar saß die damals 40-Jährige mit ihrer Familie im Kalten.

Als Soldat an der Schneefront

Bei der Bundeswehr leistete Thomas Fleckenstein aus Hanau damals seinen Dienst. Er war in Eckernförde stationiert. Am Neujahrsmorgen musste er sich zunächst von einer Silvesterparty zu Fuß fünf Kilometer durch den Schnee nach Hause kämpfen. Dann ging es mit dem Zug nach Kiel. Danach fuhr keine Bahn mehr. „Wir wurden mit einem Lkw abgeholt, dessen Plane hinten offen war. Auf der Strecke von Kiel bis Eckernförde waren wir durchgefroren. Das Kasernengelände war im Schneechaos versunken, auf dem Exerzierplatz thronte eine fünf Meter hohe Schneeverwehung.” In den nächsten Tagen war Schneeschaufeln angesagt. In der Kaserne, aber auch in der Umgebung. „Eingeschlossene bauern freuten sich, dass es wieder einen Zugang zu ihrem Gehöft gab.”

Schippen statt Karpfen

Eigentlich hatte Gerhard Dümmler aus Langenfeld auf eine gemütliche Silvesternacht eingestellt. Besonders auf den traditionellen Karpfen am Neujahrstag hatte er sich gefreut. Sein Pech: Der damals 50-Jährige war Bezirksmeister der Düsseldorfer Rheinbahn und wurde mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt. Zu Fuß musste er sich auf den Weg Betriebshof machen - ihn erwarteten eine arbeitsreiche Nacht und ein hektischer Neujahrstag, an dem er damit beschäftigt war, die Strecken frei zu machen. Erst gegen fünf Uhr nachmittags war er wieder zu Hause, wo seine Frau ein wenig missmutig noch immer mit dem Karpfen wartete.

Einkäufe mit dem Schlitten

Regina Beuth aus Düsseldorf lebte damals mit ihren Eltern im niedersächsischen Oldenburg. Sie war damals zwölf Jahre alt und erinnert sich daran, dass es beständig schneite und ein kalter Ostwind blies. „Der Schnee, der durch die Luft gewirbelt wurde, war ganz fein, so dass er sogar zwischen Fenster- und Türrahmen am Haus mogelte und meine Mama von innen auf den Fensterbänken große Tücher auslegen musste, um Wärme im Haus und Nässe außer Haus zu halten.” Einkäufe musste die Mutter mit dem Schlitten erledigen, Straßenrand und Bürgersteige waren unter großen Schneeverwehungen begraben. Die Stadt war autofrei. „Alles war dumpf - Geräusche wurden durch die Schneedecke geschluckt, alles lief viel langsamer und besonnener ab, als bisher.” Regina Beuth erinnert sich auch daran, dass Kinder in Panzern geboren wurden, weil die werdenden Mütter nicht rechtzeitig in die Klinik gebracht werden konnten - und daran, dass sie schulfrei hatte. „Durch diesen Winter hatten wir an einem Stück 14 Tage zusätzliche Ferien, die wir grenzenlos im Schnee genossen.”

Ein trauriger Geburtstag

Ihren zehnten Geburtstag feierte Astrid Wagner aus Wesel im Winter vor dreißig Jahren. „Diesen Geburtstag werde ich vermutlich nie vergessen, da nicht zur Schule musste, die wegen Glatteis ausfiel. Leider kamen auch die meisten meiner Geburtstagsgäste nicht, was mich damals sehr enttäuschte und traurig machte.” immerhin war ihre Freundin Janice aus England da und feierte mit ihr, ihren Geschwistern und Eltern. „Wir hätten es jedoch fast nicht geschafft, sie wieder rechtzeitig nach Düsseldorf zu bringen, damit sie ihren Heimflug antreten konnte, da überall Glatteis war.”

Auto allein im Schnee

Michael Lofi aus aus Essen hatte damals gerade den Führerschein bestanden. „Dann bin ich am 27. Dezember nach Langscheid im Sauerland gefahren und wollte am Neujahrstag zurückfahren.” Dort überraschte ihn der Schnee. „Aufgrund der damals nicht vorhandenen Winterrreifen sowie der nicht vorhandenen Erfahrung mit winterlichen Verhältnissen war ich gezwungen, mein Auto dort stehen zu lassen und mich anderweitig mitnehmen zu lassen.” Erst Ende Januar konnte er das geliebte Vehikel wieder ins Ruhrgebiet holen.

Streikposten im Schnee

Walter Prosswitz aus Voerde hat den Winter vor dreißig Jahren als Streikzeit in erinnerung. „Damals, beginnend am 11. November 1978, gab es einen sechswöchigen Streik in der Eisen- und Stahlindustrie.” Er gehörte der Streikleitung der Thyssen Gießerei im Werk Meiderich an. „Selbst als wir arbeitgeberseitig ausgesperrt wurden, gab es tägliche Präsenz. Viel war zu organisieren, die Einteilung der Streikposten, die Auszahlung der Streikunterstützung, bei der herrschenden ständigen Eiseskälte mussten Heizmaterial und heiße Getränke beschafft werden. Absoluter Höhepunkt, erinnert sich Prosswitz, sei aber der Jahreswechsel gewesen. „In einem leerstehenden Gebäude vor dem Werkstor wurde die Silvesterfeier organisiert. Bei minus 15 Grad ging dann die Post ab. Das Inhalieren von Hochprozentigem war aber nicht in der Lage, die kalten Füße zu wärmen.” Aber es sei ein nachhaltiges Erlebnis gewesen - auch wenn das Streikziel, die 35-Stunden-Woche, damals nicht erreicht wurde.

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