Gewalt

Amateurfußball wird zum sozialen Brennpunkt

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Essen. Der Amateurfußball mutiert zum sozialen Brennpunkt. Gesellschaftliche Konflikte werden zunehmend gewaltsam ausgetragen. Besonders häufig knallt es in den Ballungsgebieten mit hoher Zuwanderungsrate. Brennpunkte sind Oberhausen, Duisburg, Remscheid, Solingen oder Essens Nordwesten.

Eine der Meldungen über Gewalt im Amateurfußball kommt diesmal aus Wermelskirchen. Dort, in der Nähe von Remscheid, sah sich ein Schiedsrichter am Wochenende genötigt, ein Meisterschaftsspiel der Kreisliga B abzubrechen. Die Polizei, die mit mehreren Streifenwagen anrücken musste, teilte später mit, dass es bei der Begegnung zwischen Tura Pohlhausen und Türkgücü Remscheid „zu körperlichen Auseinandersetzungen" gekommen ist. Konkret hätten „zwei 31-jährige und ein 29-jähriger Remscheider einen am Boden liegenden 19-Jährigen mehrfach mit dem Fuß in den Rücken getreten." Obendrein sei ein 53-jähriger Ordner, „der sich schützend zwischen die Spieler" gestellt habe, ebenfalls „zu Boden gebracht und mehrfach mit Fußballschuhen in die Rippen getreten" worden.

Nimmt die Gewalt im Amateurfußball zu?

Gewalt im Amateurfußball ist seit vielen Jahren ein ernstes Thema. Die Frage ist, ob diese Gewalt zunimmt? Heinz Croonenbroeck, der Fairplay-Beauftragte im Fußball-Verband Niederrhein, will sich nicht genau festlegen. Sein persönlicher Eindruck ist allerdings, das gibt er freimütig zu, dass es vermehrt Probleme in den Stadtkreisen mit „hoher Zuwanderungsrate" gebe. „Da knallt es sehr häufig", bestätigt Croonebroeck und nennt die „Ballungsgebiete in Oberhausen, Duisburg, Remscheid, Solingen oder in Essens Nordwesten" als Brennpunkte.

Gibt es Zahlenmaterial?

Guido Danek, damals Sprecher des Fußballverbandes Niederrhein, wurde vor zwei Jahren von „Spiegel online" mit folgendem Satz zitiert: „Bei gefühlten 90 Prozent aller Fälle sind Migranten beteiligt." Frank Westerbeek, Ansprechpartner in Essen, Kreis 13 des FVN, schätzt, dass „70 bis 80 Prozent der Fälle", die vor der Spruchkammer des Kreises 13 in Essen verhandelt werden, „einen Migrationshintergrund haben." Tatsächlich ging es im vergangenen Jahr bei den 52 in Essen verhandelten Vorfällen 38-mal um Spieler mit Migrationshintergrund. Das Thema ist heikel. „Vielleicht haben wir zu lange weggeschaut, um nicht als ausländerfeindlich zu gelten", spekulierte Rainer Lehmann, Geschäftsführer des Verbandes Niederrhein, bereits vor einigen Wochen.

Welche Gründe gibt es für die Gewalt bei Spielen von Vereinen mit Migrationshintergrund?

Auf die Frage nach den Ursachen gibt es viele Antwortversuche. Ausländische Spieler, so ein häufig zu hörender Erklärungsversuch, würden oft gezielt provoziert. So behauptet Gunter A. Pilz, Professor für Sportwissenschaft in Hannover und Deutschlands bekanntester Gewaltforscher: „Die türkischen Jugendlichen fühlen sich benachteiligt, und die Deutschen wissen, wie man trefflich provozieren kann." Heinz Croonenbroeck findet ergänzend, dass mit der Gründung von Migrantenvereinen Probleme aufgetaucht seien, „die vorher nicht da waren." Es gebe zwar, so der Fairplay-Beauftrage, viele positive Beispiele in Duisburg und Essen, „wo alle Nationen versuchen, gut miteinander auszukommen", aber es gebe eben auch negative Beispiele von Vereinen, „die sich teilweise abkapseln." Gunter A. Pilz behauptet , dass sich „Konflikte auf den Sport" verlagern, „weil sie von der Gesellschaft nicht mehr gelöst werden können".

Wie ist der DFB bislang mit dem Thema umgegangen?

Aufgeschreckt wurde der deutsche Fußball vor drei Jahren. Damals hatten Landesfunktionäre, um ein deutliches Zeichen gegen die Gewalt auf den Siegerländer Fußballplätzen zu setzen, einen kompletten Kreisliga-Spieltag abgesagt - ohne zuvor mit der Frankfurter DFB-Zentrale gesprochen zu haben. Das bundesweite Echo war gewaltig, und beim DFB wuchs die Einsicht, ein „Online-Meldesystem" einführen zu müssen, in dem die Vereine „sicherheitsrelevante Vorkomnnisse" melden sollen. Um einen Überblick über die Entwicklungen zu bekommen, soll etwa nach Rassismus, Diskriminierung, Pyrotechnik oder Gewalt unterschieden werden. „Dieses System wird erst seit etwa anderthalb Jahren benutzt, deshalb sind Aussagen, ob und in welchem Umfang die Gewalt zunimmt, noch schwierig zu treffen", betont Croonebroeck.

Warum gibt es Lotsen, und was machen diese Leute?

Um der Gewalt im Fußball zu begegnen, ist man vor Jahren im Fußball-Verband Westfalen auf die Idee gekommen, so genannte Lotsen zu bestimmen. Lotsen sind ehrenamtliche Mitarbeiter, die bei Ausschreitungen im Amateurfußball als Ansprechpartner und Schlichter fungieren sollen. Im Fußballverband Niederrhein gibt es derzeit 14 Lotsen, für jeden Kreis einen. Der Arbeitsaufwand ist extrem unterschiedlich. „In einigen Kreisen werden die Lotsen zweimal im Jahr gefordert, in anderen Kreisen beinahe jede Woche", erklärt Heinz Croonenbroeck.

Gibt es besondere DFB-Aktionen?

Der DFB hat die Aktion „Fair ist mehr" erfunden. Ein Verhalten, das über das normale Einhalten von Regeln hinausgeht, soll besonders belohnt werden. Mögliche Beispiele: Ein Spieler korrigiert eine Schiedsrichter-Entscheidung zu Ungunsten des eigenen Teams. Oder ein Trainer wechselt einen unfairen Spieler aus. Oder ein gefoulter Spieler beruhigt durch eine demonstrative Geste aufkommende Emotionen. Schiedsrichter, Trainer, Spieler, Betreuer oder auch Zuschauer sind jedenfalls aufgefordert, besonders faires Verhalten zu melden. Die Meldung kann formlos an den jeweiligen Kreisvorstand gerichtet werden.

Hat der DFB ein allgemeines Integrationskonzept?

Seit drei Jahren hat der DFB mit der gebürtigen Türkin Gül Keskinler eine Integrationsbeauftragte, die es sich zum Ziel gemacht hat, „Integration durch Fußball zu fordern und zu fördern". Ablesbares Ergebnis dieser Verbandspolitik ist ein „Integrationskonzept", das im Sommer 2008 verabschiedet wurde. Seitdem wird mit fünf zentralen Botschaften für Integration geworben. Die Nationalspielerin Célia Okoyino da Mbabi und der Nationalspieler Serdar Tasci sind angetreten, um für die gute Sache als Integrationsbotschafter zu werben. Einen Popularitätsschub erhofft sich der DFB durch den sogenannten Inte-grationspreis, der jährlich in drei Kategorien ausgelobt wird. Als Hauptgewinn winkt in diesem Jahr ein Kleinbus von Mercedes. NRZ

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