Hobby-Fußball

Aus dem Leben eines Bolzers

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Essen. Sie kicken auf Asche oder holprigen Äckern: Hobby-Fußballer. NRZ-Reporter Matthias Maruhn über die unorganisierte Form des Fußballspiels und seinen Abschied davon

Es gibt drei Momente im Leben eines Mannes, da merkt er, dass er nun alt ist. Zwei sind zu vernachlässigen, vom dritten soll hier ausführlich die Rede sein. Du ahnst, dass der Herbst den Fuß in der Tür hat, wenn sie dich beim Fußball auch dann nicht mehr anspielen, wenn du als einziger frei und ungedeckt stehst. Dann musst du die Schuhe mit den Stollen ausziehen, dann musst du nach Hause gehen, dann musst du stark sein. Das hab ich jetzt getan. Über 45 Jahre habe ich gekickt, nie im Verein, immer auf Wiesen und in diesen vergittertenKäfigen. Gut 2000 Spiele werden es gewesen sein. Ich will, ich muss davon erzählen: Aus dem Leben eines Bolzers.

Libudas Tor gegen Liverpool

Meine Liebe zum Fußball wurde durch ein Ereignis im Juni 1966 erst richtig angefeuert. Dortmund besiegte Liverpool, das Zaubertor von Libuda in der Verlängerung habe ich nicht mal gesehen, weil ich vorher ins Bett musste. Meine Eltern fanden Fußball doof und von uns Kindern überbewertet.

Am nächsten Tag habe ich aber natürlich mit meinem Bruder die Szenen nachgespielt. Da wir im Ländlichen aufwuchsen, waren wir keine Straßenfußballer, die auf Garagentore droschen, wir waren Jägerzaunspieler. Zwei Pfähle, zwei Pfosten. Mein Bruder war Siggi Held, ich Hans Tilkowski im Tor, oder draußen auch gerne Helmut Haller oder Heinz-Dieter Hasebrink, damals der Star bei Rot-Weiß Essen. Anpfiff war für uns die erste freie Sekunde nach den Hausaufgaben, für den Abfpiff sorgte die einsetzende Dunkelheit. Oft spielten wir mit Freuden, oft nur zu zweit. Stunden. Immer nur: Schuss. Gehalten. Oder Tor. Wie in Trance. Der Ball war uns eine zweite Sonne. Mit den Jahren kamen andere liebenswerte Dinge dazu, aber mit nicht mal 20 entschloss ich mich, dem einsetzenden körperlichen Rückbau etwas entgegenzusetzen. Mir fiel wieder nur Fußball ein. In nur einigen Monaten bildete sich aus Freunden, Verwandten, Kollegen und Passanten eine Art Kerntruppe, die sich zum wöchentlichen Match in den Ruhrauen traf. Eine Wiese, zwei Tore, viele Bäume drumrum. Ideal. Mein Bruder war auch schnell wieder dabei. Ich sollte ihn aber nicht mehr Siggi Held nennen.

Siggi Held durfte ich ihn nicht mehr nennen

Vieles an dem Spiel erinnerte aber schon an Kindertage. Das geht mit dem Wählen los. Piss-Pott heißt das im Ruhrgebiet seit Fritz Szepan sein Opas Zeiten. Das heißt, einer der Spieler setzt einen Fuß vor den anderen und sagt Piss, der andere folgt und sagt Pott. Wer zuletzt seinen Fuß gesetzt bekommt, darf den ersten Spieler wählen. Er nimmt natürlich den Besten, nicht den Rastelli, sondern den komplettesten Spieler. Ich bin früher auch ziemlich zu Anfang gewählt worden, obwohl ich stets der niederen Kaste der Rumpelfußballer angehörte. Aber ich hatte viel Luft und viel Herz. Das zählte auch. Lange.

Dann war mit den Jahrzehnten der soziale Abstieg schon beim Wählen zu beobachten. Zunächst bist du immer häufiger bei den letzten vier, dann steht du irgendwann allein in der Mitte, niemand hat dich gewählt, alle drehen ab, und ein alter Kumpel sagt im Vorbeigehen. „Na, komm, spielste eben bei uns.” Kein Foul ist so brutal wie das Leben.

Wundersam sind die Regeln beim freien Bolzen. Sie richten sich oft nach den Platzverhälnissen. Viele Jahre stand rechtsaußen ein Baum noch ein Stück im Feld. Der war ins Regelwerk integriert. Von dort wurde die Ecke getreten, aber „direkt verwandeln” war natürlich verboten. „Aus” war generell da, wo der Mähdienst der Stadt, der zweimal im Jahr das Gras schnitt, eine Kante gelassen hatte. Ab Herbst zählte eine gefühlte Kante.

Hand ist immer Hand

Und dann existierten ein paar Regeln, die aus Erfahrung erwachsen waren. Etwa: Hand ist immer Hand. Angelegt, angeschossen - schittegal. Hand ist immer Hand. Ein Erfolgsmodell. Wenn man ohne Schiri spielt, sind Interpretationsentscheidungen der erste Weg zu Schererei und Schreierei. Wie Abseits. Wer sich Stress ersparen will, spielt ohne. Bei den Bolzern dauert ein Spiel auch nicht 90 Minuten. Sonders es endet, wenn die Mehrheit keinen Bock mehr hat. Oder, wenn es knapp steht, dann sagt gerne einer: Letztes Tor entscheidet. Schließlich aber gibt es auch die wunderbare Einrichtung des Unentschiedens. Wenn dann beim Stande von 14 zu 14 nach zweieinhalb Stunden Volldampf alle glücklich nach Hause gehen. Es ist nicht immer der Sieg, nach dem der Bolzer strebt, es ist der Segen, der sich nach schönem Spiel über den Abend legt. In den gut drei Jahrzehnten haben einige hundert Spieler bei uns mitgekickt. Aus bestimmt 50 Ländern. Aussiedler, Umsiedler, Ausländer, Asylbewerber, Flüchtlinge. Untergebracht in den Übergangsheimen in der Nachbarschaft. Und auf junge Männer wirken Bolzplätze wie Magneten. Irgendwann stehen sie dann am Rand. „Wollt ihr mitkicken?” Sie grinsen. Sie nicken. Dann waren sie dabei. Einige nur für ein Spiel, andere für viele Jahre. Wir hatten uns damals ganz zu Beginn eine eiserne Grundregel gegeben: Wer kommt, spielt mit.

So haben wir in den über 30 Jahren die Krisen und Kriege rund um den Globus aus erster Hand kennengelernt. Aus Sri Lanka die Tamilen, die Polen in den 80ern, Armenier, Algerier, Afghanen, Kurden aus der Türkei, Türken aus der Türkei, Deutsche nach dem Mauerfall, und aus Nigeria kamen zwei Spieler, die uns mächtig imponierten, weil sie den Ball ohne Mucks aus meterhohen Brennnesselfeldern holten. Erst als sie nach dem Spiel über kribbelnde Beine klagten, machten wir sie rasch auf die Tücken der heimischen Flora aufmerksam.

„Scheiße” in zwölf Sprachen

Und dann natürlich Jugoslawien. Die 90er Jahre durch bestand die Hälfte der Belegschaft auf dem Platz aus Kroaten, Serben, Mazedonen, Bosniern, Roma und Kosovo-Albanern. Es ist immer gut gegangen. Geschlagen wurde nur auf die Schulter. Kollegen in kurzen Hosen, wir kämpften, fluchten. Zeitweise konnten wir „Scheiße” in zwölf Sprachen sagen.

Die Jahre zogen übers Feld. Der Baum rechtsaußen knickte, verschwand. Die Bosnier gingen in die Heimat zurück. Und inzwischen war nicht mehr nur der Ball rund. Eine Handvoll alter Herren war geblieben, die Söhne rücken nach. Die Väter müssen besiegt werden. Das will die Natur so, und das tun die undankbaren Blagen auch. Ein guter Moment fürs Ende. Ich hab das demokratisch gelöst. Alle Körperteile durften abstimmen. Nur das Herz war fürs Weitermachen, keine Chance gegen die Koalition aus Knochen, Sehnen und Gelenken.

Hasebrink und der Jägerzaun

Vielleicht werde ich noch mal schwach, wenn ich vor dem Jägerzaun stehe. Hasebrink setzt sich rechts durch, Hasebrink schießt, Tor, Tor durch Hasebrink... Ob Hasebrink noch Fußball spielt...?

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