Das Rätsel der Villa Horten

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Studentin in Kempen verschwand vor 20 Jahren. Jetzt glaubt die Polizei, ihre einbetonierte Leiche gefunden zu haben.

KEMPEN. Früher war eine Zisterne in dem Gewölbekeller untergebracht. 1870, als die Villa Horten in Kempen von einem Zweig der Kaufhaus-Dynastie gebaut wurde. Dann stapelte viele Jahre eine Anwaltskanzlei Aktenordner in dem weiß gekalkten Gemäuer. Bis vor einigen Wochen die Polizei erst mit Durchleuchtungsgeräten und dann mit Leichenspürhunden anrückte. Technik und Tiere bestärkten einen Verdacht: Unter dem Beton liegt seit 20 Jahren die Leiche einer jungen Frau. Ein Mord? Totschlag? Ein Unfall? Letzte Klarheit kann nur das Aufmeißeln der Betondecke bringen. Da aber gibt es technische und statische Schwierigkeiten.

Die Geschichte des Verschwindens: Dagmar Knops wurde zuletzt am 28. März 1988 gesehen. 22 Jahre ist sie da alt, Studentin der Sozialpädagogik in Köln, dort lebt sie auch. Sie war nur für ein paar Tage nach Kempen gekommen, um auf die Wohnung der verreisten Eltern aufzupassen. Am Abend geht sie ins „Lichtblick”. Eine Kneipe in der Tiefstraße, Studenten kommen hier her, jüngere Leute.

Dagmar Knops bleibt bis 22 Uhr. Dann bricht sie auf. Geht vermutlich durch die Tiefstraße zur Burg Kempen, gegenüber liegt die Villa Horten, ein Stück links, dann rechts in die Siegfriedstraße zur Wohnung. Insgesamt 500 Meter Heimweg. Dagmar kommt nicht an.

Zunächst wird sie nicht einmal vermisst. Die Eltern sind noch in Urlaub, die Kommilitonen glauben die Freundin daheim. Willi Theveßen, Sprecher der Polizei. „Die ersten 48 Stunden nach einer Tat sind die wichtigsten für die Fahnder.” In diesem Fall vergingen mehrere Tage, bis der erste Verdacht gemeldet wird.Das „Lichtblick” hat längst dicht gemacht, zwei Häuser weiter lebt und malt Wilhelm Josef Heinen (70). Er erinnert sich an Dagmar. „Ein nettes Mädchen. Offen. Lebenslustig. Sie kam aus gutem Hause. Ich kenne die Eltern. Ich habe nie geglaubt, dass sie weggelaufen sein könnte. Ich war mir sicher, ihr ist etwas zugestoßen.”

Über Monate läuft die Suche. Theveßen: „Wir haben auf den Friedhöfen die frischen Gräber untersucht, ob die Leiche unter den Särgen versteckt worden war. Nichts.” Die Villa Horten aber wird nicht durchforstet. „Sie lag außerhalb des eingegrenzten Bereichs.” Das alte Haus war 1988 eine verlassene Bruchbude. Im Winter zogen die Obdachlosen vom Park nebenan ein. Aber 1988 wurde auch mit der Renovierung begonnen. neue Elektrik, neue Installation, neue Böden. Dutzende Handwerker werkelten in dem Haus, kannten sich aus, hätten wissen können, wann betoniert wurde. Die Polizei besucht sie jetzt alle, fragt nach.

Es war ein anonymer Brief vor einigen Wochen, der den Fall wieder publik machte. Sinngemäß steht da: Ihr findet die Leiche von Dagmar Knops im Bereich der Horten-Villa. Die Polizei nahm das Schreiben ernst, durchleuchtete den Beton, fand einen verdächtigen Hohlraum. Und als Fanny und Berti, die beiden belgischen Schäferhunde mit dem besonderen Gespür, genau dort anschlugen, ist die Polizei sicher, auf dem rechten Weg zu sein.

Ist der Schreiber des Briefes auch der Täter? „Das ist reine Spekulation.” Sagt die Polizei. „Klar. Wer könnte das sonst wissen.” Sagen die Kempener. Was besonders die Furchtsameren in der Stadt auch ängs-tigt. Ein Mörder geht noch um.

Rolf Strohmeier (55) hat seit 1991 Wohnung und Anwaltskanzlei in der Villa. Nein, ihn graut es nicht so sehr bei dem Gedanken, all die Jahre über einer Toten gelebt zu haben. „Ich habe da von Berufs wegen eine etwas stabilere Einstellung.” Er würde aber gerne mal von der Polizei wissen, was jetzt wann passiert, um die Leiche zu bergen.Das ist aber gar nicht so einfach. Theveßen: „Das neue Treppenhaus steht genau dort. Wir müssen sicherstellen, dass wir die Bausubstanz bei der Bergung nicht beschädigen. Wir brauchen Zeit.”

Die Eltern von Dagmar Knops sehen das vermutlich anders. Sie wollen mit niemandem sprechen, das ist verständlich. Aber viele in Kempen sprechen für sie. Im Fisch-Geschäft erklärt es ein Kunde: „Nach all den Jahren der Ungewissheit müssen die Eltern jetzt verarbeiten, dass sie vermutlich jeden Tag an der toten Tochter vorbei gegangen sind. Wie kann ein Mensch das ertragen?” Die anderen im Laden nicken. Und schweigen. (NRZ)

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