Tierpfleger

Der Elefantenflüsterer im Duisburger Zoo

Schwerbehinderter arbeitet als Tierpfleger im Elefantenhaus.

Schwerbehinderter arbeitet als Tierpfleger im Elefantenhaus.

Duisburg.  Trotz Schwerbehinderung arbeitet Hermann Sommer als Tierpfleger im Duisburger Zoo. Dank der Hilfe seiner Kollegen und Vorgesetzten kann er seiner Arbeit weiter nachgehen - soweit es eben möglich ist.

Der sprechende Elefant Benjamin Blümchen und Tierpfleger Karl spielen mit ein paar Heuballen auf der großen Wiese hinter dem Haus von Zoodirektor Tierlieb. Schon seit Stunden üben sie für das große Fußballspiel am kommenden Samstag. Benjamin nimmt Anlauf und stößt einen Heuballen weit in die Luft, ein paar Sekunden dreht er sich im Kreis, dann stürzt er zu Boden. Auch Karl rennt los, springt nach rechts, stolpert, fällt und landet mit einem lauten Knacks unglücklich auf einer Baumwurzel. „Hast du dir etwa weh getan“, fragt der Elefant mit kindlicher Stimme und drückt seinen Rüssel vorsichtig auf Karls verletzten Arm.

Als hätte man sie gerufen, hört man wenige Sekunden später das knatternde Geräusch von Karla Kolumnas Motorroller. Auch Herr Tierlieb steht mit einem Mal tröstend neben Karl. „Ich glaube er ist gebrochen“, sagt der Zoowärter leise in die kleine Runde. Die rasende Reporterin tritt nach vorne. „Ich habe eine Idee“ ruft sie. „Herr Blümchen wird am Samstag beim Fußballturnier mitspielen. Sensationell“. Echte Kenner der beliebten Kinder-Hörspielkassetten, oder genauer gesagt derer 19. Folge wissen, wie die Geschichte ausgeht. Allen anderen sei verraten: Karl muss ins Krankenhaus, schließlich aber wird er gesund und kann weiter im Zoo arbeiten.

Als die Geschichte 1977 geschrieben wurde, hatte Hermann Sommer seine Ausbildung zum Tierpfleger bereits seit einiger Zeit abgeschlossen. Noch ahnte er nicht, dass sein Leben 35 Jahre später erhebliche Parallelen zu einer Kindersendung aufweisen würde. Der zurückhaltende Duisburger mit den ergrauten Stoppelhaaren gilt seit einem Jahr als schwerbehindert. Berufskrankheit Nummer 2112 steht in seiner Personalakte des städtischen Zoos. Sommer leidet unter einer besonders schweren Form der Arthrose, der Krankheit vom Gelenkverschleiß, der das altersübliche Maß übersteigt. 14 Prozent aller Männer in Deutschland haben ein ähnliches, wenn auch nicht so stark ausgeprägtes Krankheitsbild. Bei den Frauen ist es sogar jede vierte.

Neun Tabletten täglich

Nicht nur die Arme, sondern auch die Beine machen Sommer zu schaffen. Neun Tabletten muss er täglich schlucken. Morgens vier, mittags zwei und abends drei. Von den Medikamenten hat der 54-jährge inzwischen einen kleinen Bauch bekommen und auch beim Sprechen muss er gelegentlich für ein Sekunde nach dem richtigen Wort suchen. „Da stecken noch immer fünf große Schrauben mitten im Fuß, also im Gelenk“, erklärt Sommer erschöpft und zeigt mit der Hand auf den rechten Arbeitsschuh. 14 Tage war er im Krankenhaus und danach für sechs Monate nicht bei seinen Tieren. Wenn Sommer läuft, stützt er sich auf das gesunde Bein und zieht die rechte Körperseite etwas kraftlos hinterher. Fußball spielt er schon lange nicht mehr.

Es ist eigentlich bereits Zeit für die Frühstückspause, als der Tierpfleger vor einem übergroßen Waschbecken steht und nacheinander Wasser in vier dunkle Plastikeimer laufen lässt. Für Hermann Sommer beginnt der Dienst immer genau um acht Uhr - eine Stunde bevor die ersten Besucher das weitläufige Elefantenrevier betreten werden. Der Zoowärter steht an diesem Maitag etwas schief in einem nur schwach beleuchteten Nebenraum, wo außer Tierfutter auch Besen, Heu und medizinische Geräte gelagert werden. Im Licht einer 40-Watt Birne sieht man verschiedene Zangen, Messer und Feilen an der Wand hängen. Weil es für Elefanten keine eigenen Instrumente oder Pflegeprodukte gibt, kommen häufig Materialien aus der Pferdehaltung zum Einsatz. Als die Eimer halbvoll sind, dreht Sommer den Hahn zu und hebt jeden auf einen kleinen Rollwagen, den er in Richtung der Haupthalle schiebt.

Tierpfleger als Herdenführer 

Sein Vorgesetzter Frank Chomik kommt mit einem Stapel Unterlagen herein und versichert, nach 40 Berufsjahren könne er bereits am Gang erkennen, mit welchem Tier die Kollegen zusammenarbeiten. „Irgendwann laufen die Pfleger genau wie ihre Tiere und so ähnlich verhält es sich auch mit dem Geruch“, erklärt der Zooinspektor, der in Duisburg für Dienstpläne, Futterbestellungen und Arbeitsgeräte zuständig ist. Für ihn geht Hermann Sommer aufrecht, langsam und mit herausgestreckter Brust.

Die Elefanten würden in dem Kollegen so etwas wie einen Herdenführer sehen, betont der 56-jährige, der in mancher Hinsicht das Gegenteil von Sommer zu verkörpern scheint. Beide tragen zwar die gleiche ockerfarbene Arbeitskleidung, haben einen ähnlich dunklen Oberlippenbart, beim Reden aber benutzt Chomik gekonnt die Hände um seine Worte zu untermalen. Sein Gegenüber hat dann nur selten Gelegenheit zu Wort zu kommen. Der Zooinspektor erklärt in solchen Situationen immer scherzhaft, er habe viele Jahre bei den Vögeln verbracht. Dann eilt er mit schnellen, kurzen Schritten aus dem Raum.

Mittlerweile hat Sommer gut zwei Stunden lang in der Hitze gestanden und mit einer Schneeschippe Heuballen in den Elefantenboxen verteilt. Durch drei Deckenfenster strömt warmes Tageslicht in den erst 1997 eröffneten Neubau. Wenn der Tierpfleger während der Arbeit gelegentlich über Familie spricht, dann ist schnell klar, wen er damit meint. Zusammen mit Shaka, Daisy, Etosha und Saiwa bewegt sich Sommer einmal durch das kreisrunde Elefantenhauses. Falls es sein muss, kann der Revierleiter dann auch laut werden. „Salut“, ruft er unvermittelt und die jeweils rund 2,5 Tonnen schweren Dickhäuter liegen nur wenige Sekunden später flach vor ihm auf dem Boden. Viele seiner Kommandos sind aus dem Französischen, der Sprache der Artisten und Dompteure, wie Sommer sagt. In der Regel verstehen die Elefanten und er sich aber auch ganz ohne Worte. Manchmal flüstert Sommer ihnen auch einfach etwas zu.

Bonbons mit Vitaminen

Als sein Kollege Philipp Kowalski einen struppigen Reisigbesen in die Halle trägt, scheint es zumindest so, als wüssten die afrikanischen Tiere was sie zu tun haben. Sommer hebt seinen linken Arm und einen Moment später streckt Daisy ihren linken Fuß wie selbstverständlich nach vorne. Kowalski nutzt den Moment und fegt mit dem Besen ein paar Mal kräftig darüber. Mindestens 200 Kilogramm Futter braucht jedes der vier Tiere täglich. Außerdem 70 Liter Wasser. Für den Moment bekommen die Tiere lediglich eine Bonbon-artige Belohnung. „Wie die Zuckerstückchen für Benjamin Blümchen, aber mit Vitaminen“, erklärt Sommer erstmals scherzend. Danach lässt er das Metalltor langsam zur Seite rollen und die Schwergewichte wandern auf das kahle Freigehege, wo eine Schulklasse am Wasserbecken bereits laut rufend auf sie wartet.

Bis zum vergangenen Jahr konnten Zoobesucher die Tiere unter Aufsicht füttern und über ihren Rüssel streichen. „Das ist aus Sicherheitsgründen aber nicht mehr gestattet“, sagt Sommer. Auch ihm ist der direkte Kontakt zu den Tieren inzwischen verboten worden. Wenn er an die Elefanten herantritt, stehen mittlerweile massive Metallstangen dazwischen. In fast allen Zoos auf der Welt sei das jetzt die Regel. „Früher bin ich auf den Elefanten sogar über die Außenanlage geritten“, berichtet Sommer leicht wehmütig, dann zieht er mit einem Rechen das Heu glatt.

"Wir halten als Team fest zusammen"

Philipp Kowalski steigt in den verschmutzten Graben zwischen Besucherbereich und Elefantenboxen. „Ich kann da nicht mehr runter“, erklärt Sommer, als wolle er sich für seine Hilflosigkeit entschuldigen. Von etwas weiter weg sieht es ein bisschen so aus, als wäre Kowalski tatsächlich der schlaksige Zoowärter Karl aus „Benjamin Blümchen“. Bereits seit fünf Jahren sind er und Sommer Kollegen. „Die Probleme bei Hermann kommen immer in Phasen. Es gibt Wochen, da klappt alles gut, aber manchmal, wenn die Schmerzen bei ihm so stark werden, da mache ich schon vieles allein. Wir halten hier als Team alle fest zusammen.“ Kowalski betont, besonders für die Elefanten sei Kontinuität wichtig. Auch Frank Chomik erklärt, er habe das selbst schon oft erlebt, am Ende würden sich schließlich die Tiere ihre Pfleger aussuchen und nicht umgekehrt.

Als der Zooinspektor kurz darauf die Tür zu seinem etwas abgelegenen, aber geräumigen Büro aufschließt, stöhnt er über Verzögerungen bei der geplanten Erweiterung des Elefantenhauses. „Wenn es nach uns gehen würde, hätten die Tiere schon längst ein drittes Freigehege“, empört er sich kurz. Chomik rückt einen Stuhl an seinen Konferenztisch und setzt sich schließlich an das Kopfende. Der helle, klimatisierte Raum mit den weißen Jalousien und der bunt gefüllten Obstschale wirkt vielmehr, als stünde man in einem der Ministerien am Düsseldorfer Rheinufer.

Unzählige Anträge und Bittbriefe liegen in geordneten Stapeln auf Chomiks Schreibtisch. Er hat sie alle verfasst. Dass Hermann Sommer weiter im Zoo arbeiten kann, ist vor allem sein Verdienst. Der Zooinspektor kämpft bereits seit 15 Jahren für die Belange von Mitarbeitern mit Behinderung. „Vielfalt macht stark“, lautet eine seiner Thesen. Für ihn ist es selbstverständlich allen Menschen eine gerechte Chance zu geben. Hermann Sommer sei da nicht der einzige Fall gewesen, bei dem viel auf dem Spiel stand, sagt Chomik.

Duisburger Zoo als besonders sozialer Arbeitgeber ausgezeichnet 

Im vergangenen Jahr wurde der Duisburger Zoo schließlich durch den Landschaftsverband Rheinland als besonders sozialer Arbeitsgeber ausgezeichnet. 8,5 Prozent aller Beschäftigten haben eine Beeinträchtigung von mindestens 50 Prozent und zählen damit statistisch als schwerbehindert. Das Sozialgesetzbuch schreibt vor, dass in Betrieben, die über mehr als 20 Arbeitsplätze verfügen, mindestens fünf Prozent aller Stellen an Menschen mit einer Behinderung abgegeben werden müssen. Anderenfalls drohen den Unternehmen monatliche Ausgleichsabgaben in Höhe von wenigstens 105 Euro pro nicht besetzten Pflichtplatz.

Im Duisburger Zoo war das noch nie ein Thema. Laut der Bundesagentur für Arbeit haben in Deutschland rund 7,1 Millionen Menschen eine Schwerbehinderung. Davon sind 3,2 Millionen Personen im erwerbsfähigen Alter, so wie auch Hermann Sommer. Drei Viertel der Betroffenen sind älter als 55 Jahre, die häufigste Ursache sind altersbedingte Krankheitserscheinungen. Infolge der demografischen Entwicklung und des gestiegenen Renteneintrittsalter wird die Zahl in den kommenden Jahren vermutlich weiter ansteigen. Bereits 2005 beliefen sich die Kosten der Berufsgenossenschaften für Behandlung, Rehabilitation und Entschädigung der Erkrankten auf 1,3 Milliarden Euro.

Immer neue Kosten entstehen, die vor allem finanzschwache Kommunen vor weitere Probleme stellen. Nach der Abschaffung der bislang zuständigen Versorgungsämter im Jahr 2008 sank die Quote der anerkannten Fälle von Schwerbehinderung in Duisburg um 6,5 Prozent ab. Ein deutschlandweiter Spitzenwert. „Alles in allem haben wir für den Kollegen Sommer etwa 40.000 Euro an Fördermitteln erhalten“, rechnet Frank Chomik vor. Mit dem Geld wurde ein kleiner Bagger angeschafft, außerdem orthopädische Arbeitsschuhe und eine speziell umgebaute Brotmaschine. Chomik ist ein sichtlich stolz auf das weltweite Unikat: „Das gibt es nur bei uns. Damit kann Herr Sommer Karotten wie am Fließband schneiden! Vorher war das aufwendige Schnipselarbeit mit dem Messer.“

Wenig Verständnis für Begriffe wie Inklusion

Für Diskussionen um Begriffe wie Integration, Teilhabe und Begegnung hat der Revierleiter selbst nur wenig Verständnis. Sommer sagt, als Tierwärter habe er ganz andere Sorgen. Wenn der Herdenführer der Elefanten langsam durch den abgedunkelten Pausenraum geht, so wie jetzt kurz vor Feierabend, dann denkt er meistens an seine Tiere, gelegentlich an Urlaub und immer an die Rente. Acht Jahre hat er noch vor sich, dann will er sich ausruhen. Sommer lässt sich auf ein altes, braunes Ledersofa fallen. Zwei Wände trennen ihn von den Tieren. Im Hintergrund brummt ein Kühlschrank, ansonsten ist es mit einem Mal still.

Es scheint, als würden die hohen Ideale der Regierung zum Thema Inklusion und die tatsächliche Lebenswelt eines Betroffenen in diesem staubigen Sozialraums aneinander vorbeirauschen. Menschen mit einer Behinderung soll eine gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden, heißt es in den Konventionen der UN. Sommer sagt, er habe ganz einfach Schmerzen. „Ich war immer fleißig, wo ist das gerecht?“, fragt er enttäuscht.

Schon oft in der Presse

Der Tierpfleger kramt ein schweres Fotoalbum mit Bildern von sich und seinen Elefanten aus der Schublade hervor. An der Wand um ihn herum hängen bunte Aquarelle von Elefanten in freier Wildbahn, daneben einige verblasste Zeitungsausschnitte. Mit seinen Dickhäutern war Sommer schon oft in der Presse. Auf den Bildern hat er volles, dunkles Haar. Vor allem aber lächelt er darauf. Der 54-jährige wird für einen Moment lang nachdenklich, lässt sich tief in das abgenutzte Polster sinken und greift mit beiden Händen fest nach dem Fotoalbum.

Auch die Tiere sagt er, könnten die Veränderungen fühlen. Sommer fixiert eine Schwarzweiß-Aufnahme an der Wand gegenüber, beugt sich weit nach Vorne und schließt die Augen. „Wenn man mal nen schlechten Tag hat“ berichtet er, dann kommt er ins Stocken. „Wenn man mal nen schlechten Tag hat und es einem privat nicht so gut geht, dann kommen die Elefanten angelaufen, legen ihren Rüssel um mich, so als wollen sie sagen: Komm Junge, das wird alles schon wieder. Du schaffst das.“

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