Die Akte Kalksandstein

Foto: denise ohms

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BAUSKANDAL. Haniel-Tochter Xella hält - im Gegensatz zum „Stern” - Probleme um poröses Baumaterial für weitgehend gelöst.

AN RHEIN UND RUHR. Bei „Spur der Steine” denkt man zunächst an den raubeinigen Brigadier Balla, dem Manfred Krug im gleichnamigen Defa-Film, ein Baustellendenkmal auf Ewigkeit setzte. „Die Spur der Steine” ist aber auch die Überschrift über einer heute im Hamburger Magazin „Stern” erscheinende Geschichte, die sich ebenfalls um Rekonstruktion eines (allerdings nicht ganz so schönen) Filmes bemüht. Hauptdarsteller: poröse Kalksandsteine, die Baustoff-Tochter Xella des Duisburger Handelskonzerns Haniel und eine nicht näher bezifferbare Anzahl von Haus- und Wohnungseigentümern, bei denen demnächst womöglich die Wände wackeln könnten. Oder auch nicht.

„Permanente Durchfeuchtung”

Vom etwaigen Stoff für eine „der größten Bauaffären der vergangenen Jahrzehnte” schreibt das Magazin, ohne dabei wenigstens beiläufig zu erwähnen, dass die Geschichte alles ist - nur nicht neu. Medien in NRW, darunter auch die NRZ, berichteten bereits im Mai 2007 ausführlich über das, was die Presseabteilung von Xella gestern unaufgeregt abermals auf den Ticker gab:

dass Xella von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre in Issum, Ratingen und Kalscheuren Kalksandsteine für die Bauindustrie produzieren ließ, die mit einem Bindemittel versehen waren, das bei der Rauchgas-Entschwefelung von Kraftwerken entsteht, dass dies seinerzeit üblich und verbreitet gewesen sei, dass ab Anfang der 90er Jahre mehr und mehr Mängel auftraten, Risse und Ausblühungen genauer, vor allem in Kellern oder Waschräumen, so sie denn „permanenter Durchfeuchtung ausgesetzt waren”, dass gleichwohl die Statik der Häuser zu keiner Zeit beeinträchtigt gewesen sei, und dass Xella - „obwohl keine Schadensersatzpflicht besteht” - bekannt gewordene Fälle „unbürokratisch, schnell und kulant” gehandhabt habe.

Genauer: Von 265 bis Juni 2008 registrierten Schadensfällen seien 95 Häuser bereits saniert. In den übrigen 170 Objekten sei dies entweder gerade im Gange, bereits zugesagt oder nicht nötig. „Stern”-Autor Rolf-Herbert Peters hält dem unter Zuhilfenahme mehrerer interner Vermerke entgegen, dass die Haniel-Verantwortlichen zur „Absicherung des Produkt- und Unternehmensimages und Minimierung des Sanierungsaufwand” mit Zuckerbrot und Peitsche agiert haben sollen. Wie? In manchen Fällen, so der „Stern” zahlte das Unternehmen Geschädigten pauschale Summen, sagen wir mal: 10 000 €.

Gegenleistung: Vertraulichkeit?

Als Gegenleistung wurde jedoch strengste Vertraulichkeit erwartet. In einem Fall, der sich im April 2006 in Moers zugetragen habe, soll ein Xella-Mitarbeiter nach einem Ortstermin mit 37 Anliegern sogar mit Plus- und Minuszeichen auf einer Teilnehmerliste protokolliert haben, wer „kooperativ” und wer „aggressiv fragend” auftrat. Dann rechnet das Magazin hoch - und kommt, wie auch immer - auf 25 000 bis 45 000 Gebäude, in denen der latent poröse Kalksandstein der Marke KS verbaut sein könnte.

Rechnerisch könne sich folglich ein gigantisches Schadensersatzvolumen von bis zu 4,5 Mrd € auftürmen. Xella-Sprecher Ernst Arelmann findet derlei Kalkulationen „fahrlässig” und „ärgerlich”. Es sei schlechterdings nicht davon auszugehen, dass „noch neue Schäden auftreten können, die nicht heute bereits erkennbar sind”. Und überhaupt: Nirgends seien bislang in dieser Angelegenheit Klagen oder Prozesse gegen Haniel/Xella geführt worden. Überall habe man sich mit den betroffenen Hausbesitzern „konstruktiv” verständigt. Wichtig: Und dies werde man, falls nötig, auch dann in verantwortlicher Weise weiter tun, wenn Xella in Kürze an auswärtige Finanzinvestoren verkauft werden sollte. Der „Stern” hackt auf einem Detail gesondert herum: Danach sei bereits im November 1987 ausweislich eines Gutachtens des Bundesverbandes Kalksandsteinindustrie klar gewesen, dass besagte Xella-Steine aufgrund hoher Salzwerte für den Hausbau mehr oder weniger ungeeignet waren. Dennoch wurde die Produktion erst Mitte der 90er Jahre eingestellt. Warum? Juristen sollen laut „Stern” von „sittenwidriger vorsätzlicher Schädigung” und „Sachbeschädigung durch Unterlassen” gesprochen haben.

Xella selbst will das nun gar nicht kommentieren. „Wir haben alles Notwendige getan, was rechtlich und faktisch geboten ist”, sagt Sprecher Ernst Arelmann. Und vermutet, dass „Kräfte im Markt unterwegs” sind, die die Akte Kalksandstein einfach „medial vermarkten” wollen.

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