Wiederaufbereitung

Die Milliarden-Euro-Suppe der Atomenergie

Foto: WAK GmbH

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Essen. In der Ex-Wiederaufbereitungsanlage in Karlsruhe lagern zehntausende Liter hochradioaktive Abfallflüssigkeit. Die gefährliche Suppe muss entsorgt und die Anlage abgebaut werden. Das wird mindestens 2,63 Milliarden Euro kosten, weit mehr als geplant. Leidtragende sind die Steuerzahler.

Hinter meterdicken Betonmauern köchelt in der ehemaligen Versuchs-Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe in Edelstahlgefäßen ein heißes und brandgefährliches Süppchen. 60 000 Liter hochradioaktive Flüssigkeit, Abfallprodukt aus einer Zeit, in der deutsche Forscher und Atommanager versuchten, den Kernbrennstoffkreislauf zu schließen. Sie haben ein Erbe hinterlassen, dass den Steuerzahler Milliarden kosten wird. Die Entsorgung der Atomsuppe und der Rückbau der Anlage wird mit 2,63 Milliarden Euro fast dreimal so teuer wie ursprünglich geplant.

Die Anlage wurde 1967 bis 1970 errichtet und sollte als Testbetrieb für die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf dienen. Kommerziell betriebene Leistungsreaktoren und Forschungseinrichtungen lieferten in den siebziger und achtziger Jahren abgebrannte Brennelemente nach Karlsruhe. Diese wurden in Salpetersäure aufgelöst. 1,1 Tonnen abgetrenntes und theoretisch atomwaffenfähiges Plutonium und 200 Tonnen Uran kamen in den Kernbrennstoffkreislauf zurück. 1989 fiel der Beschluss, Wackersdorf nicht zu bauen, 1991 wurde der Betrieb in Karlsruhe eingestellt.

16,5 Kilo Plutonium, 500 Kilo Uran

In der Abfalllösung blieben 16,5 Kilo Plutonium, 500 Kilo Uran und etliche ebenfalls radioaktive Spaltprodukte, die seit zwei Jahrzehnten ständig gekühlt und umgewälzt werden müssen. Jetzt soll die hochgiftige Suppe „endlagergerecht konditioniert” werden: Die Flüssigkeit soll ab Juli mit Glas verschmolzen und in Stahlbehälter gegossen werden. Insgesamt sollen so bis Ende nächsten Jahres 130 sogenannte Glaskokillen entstehen, die dann in fünf Castor-Behältern zum Zwischenlager Nord auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern transportiert werden. Die entsprechenden Genehmigungen sind erteilt, kürzlich begann der kalte Probebetrieb. Bis 2023 soll der Komplex in Karlsruhe vollständig eingeebnet werden.

Den gemeinhin nicht als notorisch atomkraftkritisch bekannten Bund der Steuerzahler treiben vor allem die immensen Kosten für den Rückbau der Anlage und die Entsorgung um. 1991 wurden die von 1,1 Milliarden Euro taxiert. Dieses Geld hatten Industrie, Bund und Land seinerzeit in einen Rückbaufonds eingespeist. Die Atomindustrie ließ sich aber ihren Kostenbeitrag in einem vom damaligen Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber unterzeichneten Vertrag deckeln. Jetzt werden die anfallenden Kosten auf 2,63 Milliarden Euro geschätzt.

Bund der Steuerzahler will stärkere Beteiligung der Atomkonzerne

2006 übernahm die staatliche Energiewerke Nord GmbH – deren alleiniger Gesellschafter das Bundesfinanzministerium ist – die Atomfabrik von der Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK), einem Unternehmen der Energiewirtschaft. Die anfallendem Mehrkosten für den Rückbau und die Entsorgung des radioaktiven Mülls muss jetzt größtenteils der Steuerzahler tragen. Die Atomindustrie zahlt die seinerzeit vereinbarten 511 Millionen Euro plus Zinsen aus dem Rückbaufonds sowie zusätzliche 317 Millionen Euro für die Zwischen- und Endlagerung von Abfällen. Macht zusammen nur knapp eine Milliarde Euro.

Der Steuerzahler muss für die restlichen 1,63 Milliarden aufkommen, obwohl die Industrie die Anlage zu 40 Prozent direkt nutzte und zudem enorm von den dortigen Forschungsarbeiten profitierte: „Es kann nicht sein, dass die Steuerzahler auf einem Großteil der Stilllegungskosten für die Wiederaufbereitungsanlage in Karlsruhe sitzenbleiben. Hier sind Nachverhandlungen des Bundes mit den Energieversorgungsunternehmen das Mindeste, was man erwarten darf”, so Reiner Holznagel, der Bundesgeschäftsführer des Bundes der Steuerzahler.

Protest formiert sich derweil schon in Greifswald, wo die Atomsuppe zwischengelagert werden soll, bis irgendwann irgendwo in Deutschland ein Endlager für hochradioaktiven Abfalll gebaut wird: Lokale Anti-Atomkraft-Initiativen haben bereits zum Widerstand gegen die heiße Fracht aus Westdeutschland angekündigt, die im nächsten Jahr per Castor-Transport zu ihnen kommen soll.

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