Die Sackgasse am Hindukusch

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Die Kriege in Pakistan und Afghanistan bringen den Westen in ein schier ausweglose Lage. Terror zwingt zur Offensive.

Die Mutter aller Schlachten kommt in Wahrheit einer Verzweifelungstat gleich. Ob der schwachen Regierung Pakistans ein Sieg über den inneren Feind in der unwegsamen, von tiefen Schluchten durchzogenen Gebirgsregion Süd-Waziristans gelingt, ist nach den Rückschlägen der ersten Tage ungewiss. Zwar stehen den 30 000 zur Bodenoffensive ausgerückten Soldaten der pakistanischen Armee nicht mehr als 12 000 Gotteskrieger der Tehrik-e-Taliban gegenüber - aber unter den Bedingungen eines Guerilla-Kampfes, dem eine hochgerüstete Armee nicht gewachsen ist.

Armee sieht sich herausgefordert

Lange hatte Pakistans übel beleumundeter Staatschef Asif Ali Zardari, der Witwer der ermordeten Benazir Bhutto, mit dem Einsatzbefehl gezögert und sich den Zorn der eigenen Generalität wie der Amerikaner zugezogen. Doch der dreiste Überfall der pakistanischen Taliban auf das Armeehauptquartier in Rawalpindi, das Herz des pakistanischen Sicherheitsapparates, und die nicht abreißenden Selbstmordattentate ließen ihm keine andere Wahl: Der Terror gegen scheinbar sichere Machtbastionen zwingt das Militär des Atomstaates Pakistan in die Offensive - und hunderttausende unbeteiligte Zivilisten zur Flucht vor dem Krieg.

Mit Recht hat Richard Holbrooke, der amerikanische Sondergesandte, Pakistan den gefährlichsten Staat der Welt genannt. Neben der Sorge, die Atomsprengköpfe des südasiatischen Staates könnten in die Hände von Extremisten fallen, sammeln sich vor allem in Süd-Warziristan an der unübersichtlichen Grenze zu Afghanistan die Gotteskrieger der Taliban-Milizen, aber auch internationale Kämpfer der islamistischen El-Kaida. Längst haben sie begonnen, über Pakistan ein landesweites Netz des Terrors auszubreiten.

Pakistans traditionell mächtige Armee sieht sich herausgefordert. Doch zugleich gelten die in Afghanistan kämpfenden Taliban als Garanten pakistanischen Einflusses - und als Ansporn für die stetig steigende US-Militärhilfe für die pakistanischen Streitkräfte über derzeit 1,5 Milliarden Dollar. Ein direktes militärisches Eingreifen der USA käme einer Katastrophe gleich - und steht auch nicht ernsthaft zur Debatte. Doch auch so gilt Pakistan als das amerikafeindlichste Land der Welt, weil der alltägliche Terror von der Bevölkerung als Folge der US-Invasion in Afghanistan gewertet wird.

Für die USA, für den Westen insgesamt, ist das eine mehr als fatale, schier ausweglose Lage. Zum einen muss eine schwache, korrupte pakistanische Regierung gestützt werden, die nach vielen Jahren Militärdiktatur aus einigermaßen freien Wahlen hervorgegangen ist. Zum anderen müssen maßgebliche Kräfte der Armee, vor allem aber die Geheimdienste zu der Einsicht gebracht werden, dass nicht der Erzrivale Indien, sondern die Taliban die für Pakistans staatlichen Bestand größte Bedrohung sind.

Kopf in den Sand zu stecken, hilft nicht

AfPak - wie die Krisenregion am Hindukusch im Jargon der Diplomaten heißt - scheint nach den gefälschten Wahlen in Afghanistan immer tiefer in die Sackgasse zu führen. Ob die für den 7. November angesetzte Stichwahl eine stabile Regierung hervorbringt oder nicht - die prekäre Sicherheitslage im winterlichen Afghanistan wird sie nicht verändern. Doch den Kopf in den Sand zu stecken hilft da ebenso wenig wie noch mehr Soldaten.

Die Taliban werden sich voller Häme bestätigt fühlen: Acht Jahre nach ihrem Sturz sind die Ungläubigen mit ihren Truppen außer Stande, sichere Wahlen zu garantieren. NRZ

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