Motorsport

Emmericher ist Testfahrer für Williams-Rennstall

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Emmerich. Nico Hülkenberg hat den Fuß in der Tür zur „Königsklasse” des Motorsports - als Testfahrer im englischen Williams-Team.

Was für ein Wind! Fühlt sich an, als hätte er an der Nordseeküste Anlauf genommen, über Holland richtig an Tempo zugelegt - und jetzt kommt er an der Emmericher Rheinfront als ausgewachsener Sturm an. Der Schaum fliegt in kleinen Fetzen von den Wellen, und am Ufer klappt Nico Hülkenberg den Kragen seines dunkelblauen Mantels hoch. Es ist richtig ungemütlich! Trotzdem: Hier am Niederrhein fühlt sich der 20-Jährige nicht nur zu Hause, sondern auch viel wohler als in der Glitzerwelt, in der viele seiner (künftigen) Kollegen leben. „Nach Monaco ziehe ich nie”, sagt er zum Beispiel. Und zwar laut und deutlich. Sonst würde man es bei diesem Geheule und Geklapper auch gar nicht verstehen.

Umzug ans Mittelmeer? Nein, danke!

Dabei ist's an der Cote d'Azur nicht nur viel wärmer und milder - ein Wohnsitz am Mittelmeer gilt unter Formel-1-Fahrern aus steuerlichen Gründen als beinahe selbstverständlich. Doch Nico Hülkenberg sagt dazu nur: „Für mich ist das nichts. Ich freue mich immer, wenn ich wieder nach Hause komme. Und so viel habe ich ja auch noch nicht zu versteuern.”

Seit ein paar Wochen gehört er zu dem illustren Kreis jener jungen Männer, die die schnellsten Autos der Welt bewegen (dürfen). Der englische Williams-Rennstall hat das Talent für die Saison 2008 verpflichtet - als Testfahrer. Grand-Prix-Einsätze stehen (noch) nicht auf Hülkenbergs Einsatz-Plan. Aber das macht ihm nicht allzu viel aus, auch wenn er seit Jahren von der Formel 1 träumt. Für dieses große Ziel kann er 2008 eine Menge lernen. Er hat den Fuß in der Tür. Denn klar ist: Teamchef Frank Williams will nicht nur sein Auto testen lassen - für den Briten steht auch der Fahrer auf dem Prüfstand.

Rennen in der Formel-3-Euroserie

Rennen fahren wird Hülkenberg vorerst weiterhin in der Formel-3-Euroserie. Dort hat er schon in den letzten Jahren dermaßen kräftig aufs Gaspedal getreten, dass er nicht nur oft ganz oben auf dem Siegerpodest stand, sondern dass auch Schumacher-Manager Willi Weber auf ihn aufmerksam wurde.

Der gewiefte Schwabe, inzwischen 65 Jahre alt, hatte in der Vergangenheit stets betont, nach dem Abschied der Schumachers ebenfalls aus der Formel 1 verschwinden zu wollen. Aber er hat umgedacht. „Ich brauche Beschäftigung”, sagt Willi Weber heute, „für die Rente bin ich noch längst nicht alt genug. Ich will noch einmal etwas Großes machen.” Und in diesen Plänen spielt Nico Hülkenberg offenbar eine Hauptrolle. Formel-1-Debüt mit 20 Jahren: Das hat nicht einmal Michael Schumacher so früh geschafft. Nico Hülkenberg ist viel zu bescheiden, um selbst darauf hinzuweisen, aber Fakt ist: Michael Schumacher, später siebenmal Weltmeister in der Formel 1, war schon 22, als er 1991 mit einem Jordan in Spa-Francorchamps auf die Bühne der höchsten Motorsport-Klasse rollte. Die unteren Klassen durchraste Nico Hülkenberg in atemberaubendem Tempo. Er war sieben Jahre alt, da nahm ihn seine Motorsport-begeisterte Familie - Vater, Mutter und zwei Großväter - zum erstenmal mit zu einem Kartrennen in Holland. Eine Woche später saß der Kleine selbst in so einem Mini-Renner. Bis zum ersten Rennen dauerte es von da an lediglich zwei, drei Monate, wie er sich heute erinnert.

Gegen die alten Italo-Profis

Ab 12 fuhr er in den Junior-Klassen, danach bei den „Großen”. „Da ging's schon ganz schön zur Sache”, erzählt er, „Ellbogen raus. Da fuhr man sich auch schon mal gegenseitig hinten drauf.” Er gewann Meisterschaften in Deutschland und in Italien, dem „Mekka” des internationalen Kart-Sports. Hülkenberg über jene Zeit: „Plötzlich hatte man es als 17-Jähriger mit richtigen Profis von über 30 zu tun, die schon seit zig Jahren in diesem Sport zu Hause waren.” Eine harte Schule, in der Nico Hülkenberg offenbar genug lernte, um später auch in der Formel BMW, der Formel 3 oder der Rennserie A 1 erfolgreich zu sein. Sein Aufstieg verlief rasant.

Zu rasant für eine zeitraubende Ausbildung in Schule und Beruf. Seine Lehre in der Spedition der Eltern brach Hülkenberg jr. ab, als er wegen der vielen Reisen zu den Rennen nicht mehr ausreichend Zeit für die Berufsschule fand. Als einfacher Angestellter arbeitete er aber weiterhin im elterlichen Betrieb mit. „Keine Ahnung, wie viel tausend Kilometer ich mit dem Stapler auf unserem Betriebshof abgerissen habe”, erzählt er.

Wie's aussieht, hat Nico Hülkenberg mit seiner Konzentration auf den Rennsport aufs richtige Pferd gesetzt - auch wenn sich die Investitionen in die Karriere erst langsam auszuzahlen beginnen. Inzwischen denkt er darüber nach, in eine eigene Wohnung zu ziehen. „Wird langsam Zeit, dass ich etwas selbständiger werde”, sagt er.

Ein eigenes Auto hat der Formel-1-Pilot im übrigen noch nicht in der Garage. Dienstwagen für die Williams-Fahrer gab's zuletzt, als BMW noch die Motoren für die Briten lieferte. Mit dem derzeitigen Motoren-Partner Toyota gibt's keine derartige Vereinbarung. Daher ist der Rennfahrer privat meist mit dem Golf von Mutter Susanne unterwegs.

Begeisterung für die Technik

Am liebsten sitzt er spätestens seit den Tests im Formel-1-Renner. „Was für ein Auto”, schwärmt er mit leuchtenden Augen, „so klein und so voller Technik. Alleine die vielen Kabel, die da dran hängen. In der Box sieht's aus wie in einer Intensivstation. Und in den schnellen Kurven der Anpressdruck, den die Aerodynamik produziert, einfach irre. Wie spät man mit einem Formel 1 bremsen kann - sagenhaft!” Nach seinem Lieblingsspielzeug - so viel ist klar - braucht man Nico Hülkenberg nicht mehr zu fragen. (NRZ)

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