Strafvollzug

Ermittler nach Foltervorwürfen in Herford unter Druck

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Foto: ddp

Herford. Mehr als drei Jahre nach dem Foltermord in der JVA Siegburg gibt es neue Foltervorwürfe gegen Häftlinge der JVA Herford: Bis zu vier Tatverdächtige sollen einen heute 17 Jahre alten Mitgefangenen gequält haben. Der Fall wirft Fragen auf.

Die Vorwürfe wecken Erinnerungen an den Foltermord von Siegburg. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld geht von bis zu vier Tatverdächtigen im Alter von 15 bis 20 Jahren aus. Im Herforder Jugendgefängnis sollen sie im vergangenen Sommer einen heute 17-jährigen Mitgefangenen als Nazi beschimpft, geschlagen und zum Selbstmord aufgefordert haben. Es ist auch von erzwungenem Oralsex sowie einer Vergewaltigung mit einem Stuhlbein die Rede.

Im Landtag drängt die SPD auf Aufklärung. „Die Justizministerin muss umgehend für Aufklärung sorgen”, fordert Fraktionsvize Ralf Jäger. Der Fall wirft in der Tat viele Fragen auf, auch an die Herangehensweise der Ermittler.

Zeuge brachte den Fall ins Rollen

Der Bielefelder Oberstaatsanwalt Reinhard Baumgart bestätigte gestern der NRZ, dass bis heute nicht alle Verdächtigen gehört worden sind. Auch das mutmaßliche Opfer wurde nicht befragt: Es befindet sich auf einer einjährigen Jugendhilfe-Maßnahme in der Türkei. Auf ein Rechtshilfeersuchen an die Behörden dort hat die Bielefelder Staatsanwaltschaft bis jetzt verzichtet.

Dabei waren die Ermittlungen, die erst jetzt bekannt wurden, bereits vor fünf Monaten ins Rollen gekommen. Am 6. August war der 17-Jährige vom Amtsgericht Detmold wegen Diebstahls verurteilt worden, eine auf den ersten Blick alltägliche Verhandlung. Allerdings: Ein als Zeuge geladener Mithäftling erklärte, man möge den Angeklagten doch bitte nicht ins Herforder Gefängnis zurückschicken, wo dieser die U-Haft verbracht hatte. Der junge Mann werde dort nämlich von anderen Gefangenen misshandelt.

Unsichere Beweislage

„Der an der Sitzung teilnehmende Staatsanwalt wurde da hellhörig”, so Baumgart. Die JVA sei informiert worden, es wurde Anzeige erstattet. Das vermeintliche Opfer indes wurde von der Justiz seither nicht mehr gesehen: Es trat die ihm vom Gericht auferlegte Jugendhilfe-Maßnahme an.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld befragt seither Zeugen. Dem Vernehmen nach gibt es Aussagen von Mitgefangenen, die die Tatvorwürfe stützen. Allerdings sollen sich diese aufs Hören-Sagen stützen. „Die Beweislage ist noch nicht gesichert”, betonte Baumgart. Drei Verdächtige streiten alles ab; der vierte hat sich noch nicht geäußert. Er ist nach seiner Haft wieder zu Hause. Friedrich Waldmann, der Leiter der JVA, sieht viele Ungereimtheiten. Das Opfer müsse während des Umschlusses mehrfach mit den Tätern in Kontakt gewesen sein: „Umschluss heißt, dass man eine andere Zelle besucht. Das ist eine freiwillige Sache”, so Waldmann. Möglicherweise seien die Besuche auch unter Druck geschehen, dafür gebe es aber keine Hinweise.

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