Unternehmer

Für Leute mit langem Atem

Foto: NRZ

Auf dem Weg zum eigenen Radler-Büdchen ließ sich ein 40-jähriger Bochumer nicht von der Bürokratie ausbremsen.

Gelsenkirchen/Bochum. Bei Holger Müller treffen sich Menschen mit langem Atem. Mit Freunden bewirtet der 40-jährige Bochumer an einer der zentralsten Radweg-Kreuzungen im Ruhrgebiet durstige und hungrige Zweiradfans. Dort, wo Radfahrer entscheiden, ob sie - von der Essener Zeche Zollverein kommend - links zum Gelsenkirchener Zoo oder rechts nach Bochum und Dortmund fahren, verkauft Müller seit diesem Sommer Snacks und Getränke. Doch bis seine Bude dort erstmals öffnen durfte, war es für den passionierten Radler ein weiter Weg.

„Genau hier hatte ich mal einen Platten”, erinnert sich Müller an den Moment, als ihm die Idee mit der Bude kam– nicht nur als Raststätte, sondern auch als Servicestation mit Flickzeug. Das war 2003. Richtig konkret wurde es dann vor rund drei Jahren. Zusammen mit Freunden, die genauso Rad-begeistert sind wie er, schrieb Müller ein Konzept für eine Verkaufsbude, und reichte es bei den Ämtern ein. „Als Standort kam nur diese Ecke infrage.” Dort, wo er einst den Platten hatte, kreuzen sich der von West nach Ost führende Emscherpark-Radweg und die wegen ihrer spektakulären Brücken beliebte Erzbahntrasse – zwei ehemalige Güterbahn-Strecken, die der Regionalverband Ruhr zu Radwegen umgebaut hat. „Es gibt kaum eine zentralere Radweg-Kreuzung im Revier”, sagt Müller. Und andere Raststationen sind weit und breit nicht in Sicht.

Stammgast in Rathäusern

Doch mit dem Standort begannen die Probleme. Denn das Gelände rund um die ehemalige Bahn-Weiche ist Landschaftsschutzgebiet. Ergo seien feste Bauten ebenso tabu wie Einleitungen von Spül- oder Toilettenabwässern, erfuhr Müller bei seiner Behördentournee durch Bau-, Liegenschafts-, Ordnungs-, Gewerbe- und Finanzämter. Als Alternative bleibt nur ein fahrbarer Marktstand.

Formulare, Ämter, Genehmigungen – jahrelang war Müller Stammgast in den Rathäusern von Bochum und Gelsenkirchen (die Bude liegt fast auf der Stadtgrenze) und beim für Radwege zuständigen Regionalverband Ruhrgebiet. Bis dann im Frühjahr auf einmal doch alles ganz schnell ging: „Es gab eine große Runde im Ratssaal, mit allen wichtigen Leuten, sogar Amtsleitern – und das für eine Bude...”, wundert sich Müller noch heute. Danach gab es binnen Wochen die ausstehenden Genehmigungen, und der Verkaufsstand konnte zum Saisonstart am Vatertag öffnen.

Aber natürlich nicht irgendwie. Sonn- und feiertags etwa, wenn die meisten Radler unterwegs sind, darf Müller nur einige Stunden verkaufen. Und das auch nur, weil er Kuchen im Sortiment hat und somit aus Behördensicht mit einer Bäckerei vergleichbar ist. Deshalb darf es jedoch das „Radler” bei ihm auch nur zum Mitnehmen geben.

Trotz dieser Widrigkeiten – über Behörden schimpfen mag Müller nicht. „Da ist einiges nicht ganz Hand in Hand gelaufen”, ist noch das Schärfste, was man von ihm hört. Sorgen machen dem Firmengründer derweil ganz andere Probleme – Vandalismus zum Beispiel: „Nächtelang haben wir hier Wache geschoben”, erinnert sich Müller. Erwischt haben seine Freunde und er nie jemanden – doch in den Nächten ohne Wache sei der Wagen bemalt, beschädigt und fast den hohen Bahndamm hinab geschoben worden. „Ich habe immer ein ungutes Gefühl, wenn ich hier herkomme”, meint Müller und macht trotzdem weiter. Schließlich soll das Projekt „irgendwann auch mal Geld abwerfen.” Doch das sei erst mal nebensächlich, betont der Mann, der seinen Lebensunterhalt als freiberuflicher Software-Programmierer verdient.

Stattdessen wirbt er mit geradezu missionarischem Eifer fürs Radfahren im Revier: „Das ist eine tolle Art, diese wunderschöne Mischung aus Industrie, Natur und Kultur zu erleben”, sagt der Hamburger, der seit seinem Umzug im Jahr 2000 ins Ruhrgebiet ein großer Fan des Reviers ist. Zudem sei Radfahren ideal, um im kommenden Jahr die Kulturhauptstadt zu entdecken.

Noch viel zu wenig Quartiere

Den Service an seiner Bude will Holger Müller bis dahin noch kräftig ausbauen. Schon bald soll nebenan ein Fahrradhändler eine Reparaturstation eröffnen. „Reifen aufpumpen, Schrauben anziehen, ein kleiner Sicherheitscheck”, sollen dann kostenlos im Angebot sein, so Müller. Selbst eine Ladestation für Elektro-Räder sei geplant. Derweil möchte Müller aus dem Verkaufsstand am liebsten in einen alten Güterwagen umziehen, erzählt er. „Der lässt sich besser schützen passt thematisch super zur alten Bahnstrecke.”

Und wenn Müller dann den Blick schweifen lässt, sieht er in seiner Fantasie neben der Böschung einen ausgedienten Schlafwagen stehen. „Es gibt für Radfahrer noch viel zu wenig Quartiere im Ruhrgebiet”, sagt er - und kaum eines direkt am Radweg. Da wäre so ein Schlafwagen ideal. Doch für dessen Genehmigung wird Radler Müller wohl noch einmal tief Luft holen müssen.

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