Bildung

Geschichte, die unter die Haut geht

Foto: UWE SCHAFFMEISTER

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Zeitzeugen der SED-Diktatur berichten für ein Forschungsprojekt der Ruhr-Uni Bochum Schülern vom Leben in der DDR.

Düsseldorf. Sie haben den Pausengong überhört. Vielleicht nicht einmal gehört. Zu sehr hat die Schülerinnen und Schüler in dem Geschichtskurs der Stufe 13 am Düsseldorfer Gymnasium Gerresheim die Geschichte gepackt, die Eva-Maria Neumann in einer Mischung aus Lesung und Erzählen vorträgt. Neumann ist eine Zeitzeugin der SED-Diktatur in der DDR. Ihr Vortrag wird eine Geschichtsstunde, die unter die Haut geht.

Die 57-jährige Geigenlehrerin, die aus Leipzig stammt und heute in Aachen lebt, hat versucht, aus der DDR zu flüchten. Im Februar 1977 steigt sie mit Ehemann Rudolf und ihrer vierjährigen Tochter Constanze in Leipzig in den Kofferraum eines Westberliner Fluchthelfer-Mercedes. „Es ging uns alleine um unsere Freiheit”, erinnert sich Neumann: „Um ein Leben weg von der Erziehung zu Lüge, Hass und Klassenkampf”, sagt die engagierte Christin. Doch der Fluchtversuch wurde verraten. Er führte in die Stasi-Haft. Für 19 lange Monate.

Ein verklärtes Sozialparadies

Eva-Maria Neumann ist eine von etwa 20 Mitwirkenden bei einem Forschungsprojekt der Ruhr-Uni Bochum, bei dem Zeitzeugen der SED-Diktatur in den kommenden zwei Jahren verstärkt Schulen in ganz Nordrhein-Westfalen besuchen (siehe Kasten) um das DDR-Bild bei Schülern mit Wissen zu füllen. Berliner Forscher haben im vergangenen Sommer erschreckende Lücken bei den Geschichts-Kenntnissen unter Jugendlichen in Deutschland aufgetan. Nicht wenige hätten die DDR als verklärtes Sozialparadies im Kopf. Und nur die wenigsten wussten klar zwischen Demokratie und Diktatur zu trennen.

Was Diktatur bedeutet für jemanden, der dem Regime kritisch gegenüber stand, darüber hat Eva-Maria Neumann auch ein Buch geschrieben: „Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit”. Der Titel deutet die Dramatik ihrer Biografie an: „Erst seit 2002 bin ich wieder voll arbeitsfähig”, sagt Neumann leise und mit zartem Sächseln vor der Klasse. Sie sagt es nicht klagend, aber als Anklage: „In der DDR gab es 2,3 Millionen SED-Genossen. Die sind ja heute nicht alle ausgestorben.” Sie sollen sich ihrer Geschichte stellen. Das will Neumann erreichen, weil sie meint: „Versöhnung ist erst dann möglich, wenn über die Vergangenheit geredet wird. Und über die Schuld, die manche mit sich tragen.”

Schwer krank kam Neumann, damals 27 Jahre jung, 1978 aus der Haft. Freigekauft durch die Bundesrepublik Deutschland, als eine von insgesamt 35 000 politischen Häftlingen der DDR. Es war eine Flucht mit Folgen: Neumann konnte keine Kinder mehr bekommen, „dabei hätte ich so gerne viele gehabt”. Sie konnte nicht mal mehr eine Geige halten; Folgen eines schweren Gelenkrheumas, das in der Haft nicht behandelt wurde. Auch heute noch quälen sie Albträume. 30 Jahre litt sie an schweren Depressionen.

Nie unbeobachtet, auch nicht auf dem Klo

„Ich bin geschockt”, ist denn auch die Reaktion unter den jungen Zuhörern. Abiturientin Neßrin drückt aus, was viele in der Klasse empfinden. Sie haben schon einige Filme über die DDR-Zeit gesehen. Da haben Menschen sogar Tunnel gegraben, um zu flüchten. „Aber da ist immer so eine Distanz”, findet Neßrin.

Jetzt steht Eva-Maria Neumann vor ihnen. Und erzählt von Erlebnissen, die die Schüler nur schwer ausmalen mögen: Dass Neumann sich vor allen Augen nackt ausziehen musste, zur Leibesvisitation, nachdem sie entdeckt wurden. „Und dass sie auch in der Untersuchungshaft nie unbeobachtet war, auch nicht auf dem Klo...” - eine Schülerin bricht den Satz ab. Zwölf Stunden lang wurde Neumann damals verhört. Und obwohl totmüde „konnte ich anschließend in der Zelle nicht schlafen”, erinnert sie sich. Alle eineinhalb Minuten ging das Licht an. Und immer wieder herrschte eine Stimme von draußen: „Hände auf die Bettdecke!”

Ein anderer Schüler versucht sich in Neumanns Situation hineinzuversetzen, als ihr die Stasi noch in der U-Haft das Angebot macht, sie komme sofort 'raus, bekomme ihre Tochter zurück und ihr Mann, auch Musiker, würde endlich befördert - wenn sie sich als Spitzel verdingt. „Dann hätten sie doch wieder flüchten können”, meint der 19-Jährige. Neumann schüttelt den Kopf: Sie hätte dann womöglich ihren eigenen Mann bespitzeln müssen. Einer von vielen Gewissenskonflikten, mit denen Menschen wie Eva-Maria Neumann in der DDR zu kämpfen hatten: „Das hätte Misstrauen in unserer Ehe gesät.” Und wie, fragt sie, „könnte man unter solchen Umständen leben?”

Mehr Infos unter: www. ruhr-uni-bochum.de/deutschlandforschung/zeitzeugen/

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