Hemd und Krawatte statt Rennanzug

Foto: NRZ

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MOTORSPORT. Helmut Kelleners liebte es, vor dem Start die Konkurrenten zu provozieren. Heute sieht er den Sport gelassen.

Die Motoren heulen auf. Hamilton, Massa, Räikkönen und Co. geben Gas. Das Heulen weicht einem hohen Surren und wie ferngesteuert drehen Ferrari und die Silberpfeile ihre Runden auf der Rennstrecke. Helmut Kelleners sitzt vor dem Fernseher in seinem Wohnzimmer. Ein großes Foto an der Wand zeigt ihn im Rennanzug, die blonden Haare in Strähnen über den lichten Scheitel gekämmt, den Blick auf den Fotografen gerichtet. Er scheint ihn gelassen, fast kühl zu mustern. Auch das Rennen auf dem Bildschirm scheint ihn kalt zulassen. Er fiebert nicht mit den Piloten im Cockpit mit, sieht sich nicht selbst am Steuer. Er ist nur Beobachter. Ihn interessieren die technischen Daten mehr als der Rennverlauf. Er ahnt bereits, dass Ferrari im Ziel ganz vorne sein wird. „Die Reglements sind zu abgehoben, die Formel Eins ist dadurch langweiliger geworden”, sagt der 69-jährige Moerser. Zu seiner Zeit sei das alles noch ganz anders gewesen. Damals hätte weniger das Geld die Rennen entschieden und mehr die Fahrer und ihre Teams. TechnischeHerausforderungMit einem fast spitzbübischen Lächeln erinnert sich Helmut Kelleners an sein erstes Rennen in Zandfoort 1964 – die Formel Eins gab es damals noch gar nicht. Am Steuer seines Glas tritt er gegen die Tourenwagen von Porsche an und gewinnt. „Das war ein Wahnsinn. Viele haben sich gefragt, wie ich das mit so einer Gurke schaffen konnte”, erzählt Kelleners. Er liebt die technische Herausforderung, versteht viel von Autos, tüftelt und versucht sich und seinen Wagen möglichst perfekt auf die Strecke abzustimmen. Mit Erfolg. Seine Leidenschaft zum Motorsport endeckt er bereits als Jugendlicher. Er bewundert zunächst seine Vorbilder Hubert Hahne und Hermann Kühne. „Die waren etwas älter als ich, aber wir waren in Moers im selben Motorsportclub.” Mit Rallyefahrten beginnt Kelleners 1960 seine Karriere im Cockpit. Doch auf Dauer langweilt ihn die Querfeldein-Gondelei. „Zwischen den Sonderprüfungen mussten wir Verbindungsstrecken zurücklegen. So war ich immer auf einen Co-Piloten angewiesen, der die Karte lesen konnte und das ging mir gewaltig auf den Zünder.” Sieger von MonzaAlso steigt Helmut Kelleners auf Tourenwagen um und fährt ab sofort auf den Asphaltstrecken im Kreis herum. Am Steuer von BMW, Glas und später Porsche feiert er seine größten Erfolge. Er gewinnt das Tourenwagenrennen in Monza, wird mehrfach Europameister, siegt beim 24-Stunden-Rennen in Spa und auf dem Nürburgring. 1970 steigt er mit March/McLaren in die neue Interserie ein. Plötzlich hat er 900 PS unter der Haube und steht mit Nicki Lauda in einer Startaufstellung. „Der war damals aber noch nicht ganz so weit, er kam erst 1974 so richtig an die Sonne”, sagt Kelleners über seinen damaligen Konkurrenten. Der Moerser selbst ist am Steuer ein cooler Typ, der es liebt, seine Gegner zu reizen. Nervosität vor dem Start ist ihm fremd. „In meinem ersten Jahr in der DTM war ich wirklich ein bisschen verrückt. Damals bin ich mit weißem Hemd und Krawatte gefahren, um die Konkurrenten zu provozieren. Neben mir hatte ich einen, der brauchte Baldrian vor dem Start”, erinnert sich Kelleners und seine Mundwinkel zucken. Betont lässig sitzt er damals im Cockpit und isst ein Eis, das er erst kurz vor dem Start seinem Mechaniker in die Hand drückt. Doch er hat den Bogen überspannt. „Der liebe Gott hat mir die Klatsche zurück gegeben. Ich bin mit technischem Defekt ausfgefallen und sah mich dem hämischen Grinsen auf der anderen Seite gegenüber.” Über den Bildschirm flimmert noch immer das Rennen. Eine der Formel Eins-Karossen landet im Kiesbett. „Heute sind die Autos so sicher. Als ich angefangen habe, gab es nicht einmal eine Leitplanke.” Ohne Anschnallgurte und feuerfeste Overalls brausen Kelleners und seine Kollegen über die Strecken. Und sie sind schnell. „Damals habe ich in Le Mans mit dem GT 40 auf der Geraden 340 Stundenkilometer erreicht”, erzählt Kelleners. Frontalin die MauerVon schweren Unfällen bleibt er dennoch verschont. „Mit dem Porsche habe ich mich mal überschlagen, mit dem Mercedes bin ich frontal in eine Mauer gerast. Aber ich habe nie etwas abbekommen. Eigentlich erstaunlich.” Ein Gefühl dafür, was passieren kann, bekommt er erst als Darsteller in dem Steve Mc Queen-Streifen „Le Mans”. Bei den Dreharbeiten werden die Unfälle simuliert. Doch auch in einigen Rennen muss er zusehen, wie Konkurrenten tödlich verunglücken. „Man geht dann mit einem anderen Gefühl an den Start, verspürt eine schreckliche Ohnmacht.” Angst hat er dennoch keine. „Die sollte man auch nicht haben, sonst kann man den Helm gleich abnehmen. Aber in Spa mit einem schnellen Auto bei Regen, da fuhr schon ein ungutes Gefühl mit.” Bis ins hohe Rennalter von 45 Jahren braust Kelleners über die berühmtesten Strecken der Welt. Erst 1984 tritt er nach drei gewonnenen Europameisterschaften endgültig auf die Bremse. „Schwergefallen ist mir das nicht. Mein Sohn fing damals an, Kart zu fahren und ich hatte ja schon ein fast biblisches Alter für den Rennsport erreicht”, sagt er. Gern kokettiert er mit seinem Alter. Dabei wirkt er noch immer sportlich. Das weiße Haar hat er sich hinten zu einem kleinen Zöpfchen zusammengebunden, das modische Polohemd, die sonnengebräunte Haut und die randlose leicht getönte Brille verleihen ihm die Lässigkeit eines erfolgreichen Privatiers. Das Rennen ist zu Ende, der Sieger genießt seine Champagnerdusche. „Das gab es damals auch schon”, sagt Kelleners und zeigt auf ein Foto, auf dem ihn der weiße Schaum fast gänzlich einhüllt. Genossen habe er dieses Brimborium allerdings nie. Er liebte den Moment, in dem die Motoren aufheulten.

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