Verkehr

Im Kriechtempo über die Rheinbrücke bei Wesel

Foto: WAZ FotoPool

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Wesel. Seit Montagmittag ist die neue Rheinbrücke bei Wesel für den Verkehr freigegeben - doch die neue Querung bleibt vorerst ein Nadelöhr: Erst in einem Jahr sollen alle vier Fahrspuren des Millionenprojekts geöffnet werden.

Eigentlich ist alles wie gewohnt. Es ist kurz nach 14 Uhr und im dichter werdenden Nachmittagsverkehr stauen sich Autos und Lastwagen an beiden Auffahrten zur zweispurigen Rheinbrücke. Auf der Weseler Seite steht die Blechkarawane bis zu Zitadelle, linksrheinisch stockt es schon in Höhe des Ortes Büderich.

Dennoch ist seit gestern alles ganz anders. Seit gestern quetscht sich der weit und breit als „Weseler Brückenstau” berüchtigte Lindwurm von täglich bis zu 28 000 Fahrzeugen auf einer neuen Brücke über den Rhein. Noch ist die 44 Millionen Euro teure Schrägseilkonstruktion nur zweispurig befahrbar und bietet gegenüber der alten Rheinquerung keine Vorteile.

Der Verkehr fließt nur zweispurig

Nur Geduld. Die neue Rheinbrücke kann nach der gestrigen Freigabe für den Verkehr ein Jahr lang nur zweispurig befahren werden. In dieser Zeit wird mit dem Abbruch der nur einen Steinwurf flussaufwärts gelegenen alten Rheinbrücke begonnen. Dabei dienen zwei Fahrspuren der neuen Brücke als Arbeitsplattform. In einem Jahr soll das Bauwerk dann vierspurig befahrbar sein.

Vier Jahre haben die Arbeiten auf der größten Baustelle am Niederrhein bisher in Anspruch genommen. Die Bauarbeiten stießen auf großes Interesse in der Bevölkerung der Region. 16 000 Besucher wurden in den vergangenen dreieinhalb Jahren über die Brückenbaustelle geführt, darunter Studenten aus Russland, Korea, dem Iran und den Niederlanden. Hunderte von Zuschauern kamen an einem Wochenende, als ein Stahlkasten mit einem extra angefahrenen „Gittermastkran” mit einer Hakenhöhe von 130 Metern eingehoben wurde.

Entlastung der Stadt

Amüsiert hörte Bauleiter Hans Löckmann nahezu täglich die Zweifel der Besucher: „Ob die von beiden Flussufern aus zusammenwachsenden Brückenteile denn auch in gleicher Höhe zusammentreffen würden und die Brücke damit pünktlich fertiggestellt würde.”

Zusammen mit den Straßenanschlüssen wird die „Niederrheinbrücke Wesel”, so der offizielle Name, das Land NRW 74 Millionen Euro kosten. Denn die neue Brücke ist Bestandteil einer großen Gesamtlösung zur Entlastung der Stadt Wesel und seiner Nachbarorte.

Zehn Kilometer Ortsumgehung

Die Ortsumgehung misst zehn Kilometer. Die Umgehung des linksrheinischen Ortes Büderich wird genauso wie die südliche Umgehung von Wesel jeweils vier Kilometer lang. Die Umfahrung von Büderich ist mit 22 Millionen Euro veranschlagt, der Bau hat bereits begonnen. Die Umfahrung von Wesel wird nach aktueller Kalkulation 73 Millionen Euro kosten, das Planfeststellungsverfahren soll im Frühjahr kommenden Jahres eingeleitet werden.

Endgültig wird das zweispurige Nadelöhr „Rheinbrücke” erst mit der Fertigstellung der Ortsumgehung von Wesel geöffnet. Teuerste Posten bei diesem Vorhaben sind ein Tunnel für 14 Millionen Euro sowie unter anderem die Lippebrücke und die Unterquerungen der Bundesstraße B8 und der Bahn für fast 24 Millionen Euro. Das gesamte Projekt soll 2015 als neue Bundesstraße B 58 fertig sein und ist mit Gesamtkosten von 168 Millionen Euro kalkuliert.

Schlussstrich unter die Nachkriegszeit

Den Schlussstrich unter die Nachkriegszeit zieht die Stadt Wesel hingegen sofort. Heute beginnen die Abbrucharbeiten an der alten Rheinbrücke, der die Weseler und Hunderttausende von Autofahrern in einer Art Hassliebe verbunden sind.

Von Anfang an sollte die 1953 fertiggestellte Stahlstrebenbrücke nur als Provisorium dienen. Sie ersetzte die 1945 gegen den Vormarsch der Alliierten gesprengte Rheinbabenbrücke.

Bei diesem Provisorium blieb es. Seit den 60er Jahren mussten die Weseler zur Kenntnis nehmen, wie flussauf und flussab moderne Brücken über den Rhein geschlagen wurden. Selbst die kleinere Stadt Emmerich erhielt 1965 die neue Flussquerung. Seit gestern zieht Wesel gleich.

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