Religionen

Islam-Professor in Münster lehrt unter Geheimhaltung

Foto: ddp

Münster. Die Universität Münster hat ihrem Islam-Professor Muhammad Sven Kalisch neue, überwachte Büros zugewiesen. Studierende des Fachs sind seit dem aktuellen Sommersemester zu Verschwiegenheit aufgerufen. Kalisch hat den Zorn fanatischer Islamisten auf sich gezogen.

Die Studierenden am „Centrum für Religiöse Studien” der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sind seit diesem Semester von ihrer Hochschule zu Verschwiegenheit angehalten: Die Büros sind zu Semesterbeginn umgesiedelt worden, Seminarräume am Lehrstuhl für die Religion des Islams bleiben bis kurz vor Veranstaltungsbeginn geheim, die Büro-Anschrift wurde aus den Uni-Verzeichnissen getilgt, die neuen Räume sind besonders gesichert und werden überwacht. Wie ein Sprecher am Mittwoch auf NRZ-Anfrage erklärte, reagiert die Hochschule damit auf Drohungen muslimischer Fundamentalisten gegen Lehrstuhlinhaber Prof. Muhammad Sven Kalisch.

Der 43-jährige Islamwissenschaftler, im Wintersemester 2004/2005 bundesweit erster Professor für muslimische Religionslehre, hatte im vergangenen Jahr den Ärger konservativer Muslime auf sich gezogen, weil er die Existenz des Propheten Mohammed in Zweifel gezogen hat. Die Polizei Münster bestätigte, dass Kalisch unter Schutz steht. Zur Art der Drohungen gegen Kalisch gab es keine Angaben. In Kalischs Institut hieß es, es würde keine Morddrohungen geben, wohl aber „Mails, die ihn auf den 'Pfad der Tugend' zurückbringen wollen”.

"Wir nehmen das Ernst"

Die Verlagerung der Büros und der „Appell” an die davon betroffenen 120 von Kalisch betreuten Studierenden, die Örtlichkeiten nicht zu verraten, ist nach Ansicht von Universitätssprecher Norbert Frie „sicherlich ungewöhnlich”, ähnliche Vorkommnisse hätte es in Münster noch nicht gegeben. Die Hochschule hält ihr Vorgehen aber für angemessen, erklärte Frie: „Wir sehen eine Bedrohung und nehmen das Ernst. Wir fühlen uns für die Sicherheit von Prof. Kalisch verantwortlich.”

Bereits im vergangenen Jahr war zudem von der Uni-Leitung entschieden worden, Kalisch von der Ausbildung künftiger muslimischer Religionslehrer abzuziehen. Eine zusätzliche Professur für seinen Nachfolger ist inzwischen vom NRW-Wissenschaftsministerium eingerichtet worden. Die besten fünf Bewerber stellen sich bis zum heutigen Donnerstag in öffentlichen Vorlesungen an der Uni vor: „Die Stelle wird in Kürze besetzt”, kündigte Frie an: „Wir hoffen, dass die Entscheidung dann auf die Zustimmung der islamischen Verbände trifft.”

Ditib: "Wir wurden nicht um Rat gebeten”

Von einer Befriedung des Streits ist man jedoch offenbar noch weit entfernt, lässt Bekir Alboga erkennen, Sprecher der türkisch-staatlichen Ditib in Köln: „Wir wurden nicht um Rat gebeten”. Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime und Sprecher des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland, war für ein Statement am Mittwoch nicht zu erreichen. Die muslimischen Vereinigungen hatten Kalisch im vergangenen September die Zusammenarbeit aufgekündigt. Er vertrete nicht mehr „die Lehre, wie sie die Allgemeinheit der Muslime in Deutschland verinnerlicht hat”, sagte damals Köhler.

Unterdessen stehen die ersten künftigen Lehrer muslimischer Religion in Münster im Examen. Ihr Einsatz an den Schulen ist nach wie vor nicht möglich, bestätigte ein Sprecher des NRW-Schulministeriums: „Unser Ziel ist ein regulärer islamischer Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen”. Dazu aber „braucht es eine anerkannte zentrale Religionsgemeinschaft der Muslime”.

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