Unternehmenskrise

Karstadt: Die Angst vor dem Schlussverkauf

Foto: Ulrich von Born / WAZ Bildredaktion

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Essen. Die Mitarbeiter der Karstadt-Hauptverwaltung kämpfen mit einer Mahnwache vor der Zentrale um ihre Jobs. Ihr Motto: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Arbeit klaut!”

Am Morgen geben sie sich noch kämpferisch. „Ohne Karstadt stirbt die Innenstadt”, prophezeien die Plakate rund um die Hauptverwaltung von Arcandor, „Wir sind ein Stück Deutschland!” – und dies hier: „Es geht um 56.000 Arbeitsplätze”. Rund 1.650 davon stehen allein in der Konzernzentrale in Essen-Bredeney auf der Kippe, und fast alle, die hier tagtäglich arbeiten, tun eben dies an diesem Montagmorgen nicht.

Während in Berlin über die Zukunft des Handelskonzerns beraten wird, haben sie sich zu einer Mahnwache auf dem Vorplatz versammelt, halten ihre vielen Schilder in die Höhe, pfeifen und skandieren: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Arbeit klaut!” Eine, die um ihre Stelle bangt, ist Ute Wieschmann. Seit 35 Jahren arbeitet sie bei Karstadt, ist Sachbearbeiterin im Zentraleinkauf für Lederwaren – und womöglich bald arbeitslos.

„Es läuft auf Hartz IV hinaus”

Neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt vermag sie für sich nicht zu erkennen: „Machen wir uns nichts vor”, meint die 55-Jährige: „In meinem Alter läuft's auf Hartz IV hinaus. Wenn der Staat uns nicht hilft, wird's zappenduster.”

Als „Tag der Entscheidung” war der Montag deshalb im Vorfeld bezeichnet worden, und die Nachricht von der ersten Entscheidung macht tatsächlich schon am Vormittag die Runde. Es ist keine gute: Der Lenkungsausschuss der Bundesregierung hat die Staatsbürgschaft nicht genehmigt. Die Hoffnung auf den beantragten Notkredit in Höhe von 437 Millionen Euro wollen sie sich hier in Essen nicht nehmen lassen.

Noch nicht.

„Bei Karstadt wird immer gekämpft”, sagt Daniela Lehmanns. 23 Jahre ist sie jung, hat im Unternehmen gelernt und macht eine Weiterbildung zur Assistentin der Geschäftsführung. „Ob ich die abschließen kann, weiß ich nicht”, erzählt sie und gibt sich trotzdem optimistisch: „Ein 'Es geht nicht weiter' gibt es hier nicht.”

Allein, wie es weitergehen soll, das weiß selbst Karl-Gerhard Eick nicht. Gegen Mittag folgt der Arcandor-Vorstandschef den Aufforderungen auf dem Vorplatz, klettert auf eine Leiter und spricht durchs Megafon zu seiner Belegschaft.

„Mitarbeiter leisten einen sensationellen Beitrag”

Die Mitarbeiter leisteten einen „sensationellen Beitrag”, lobt er. „Das Warenhaus lebt”, steht auf vielen Plakaten, und auch Eick betont das: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Warenhäuser für die Innenstädte unverzichtbar sind. Das versuche ich auch der Politik zu vermitteln.”

Als er eine mögliche Fusion mit dem Metro-Konzern anspricht, buhen die Mitarbeiter. Man müsse noch die Antwort auf die Frage finden, ob eine Zusammenlegung von Karstadt und Kaufhof sinnvoll wäre, schränkt Eick sofort ein. „Wir werden bis zur letzten Sekunde kämpfen”, versichert er. Dann muss er wieder hoch in sein Büro, telefonieren.

In der Mitarbeiterschaft rechnen sie ihm es hoch an, dass er sich hier überhaupt gezeigt hat. Eigentlich soll sich die Mahnwache in diesem Augenblick auflösen, aber spontan kommt eine neue Idee auf: Um kurz nach 13 Uhr macht sich ein Autokorso auf den Weg in die Essener Innenstadt. 200 Autos werden von der Polizei zum Limbecker Platz eskortiert, dort will man Solidarität zeigen mit den Beschäftigten der Filiale.

Tränen in den Augen

Manch einer hat denn auch Tränen in den Augen, als die Kollegen zu Hunderten vor dem Einkaufszentrum aus ihren Autos steigen, wieder stimmen sie Sprechchöre an, johlen und pfeifen und applaudieren, als wollten sie sich selbst Mut machen.

„Hilflos” fühle sie sich, erzählt Dagmar Decker. Seit 1978 arbeitet sie bei Karstadt am Limbecker Platz, noch bis vor Kurzem habe sie gedacht, „wenn eine Filiale überlebt, dann diese!” Mittlerweile sieht sie die Lage deutlich düsterer: „Selbst wenn wir mit Metro fusionieren und die unser Haus erhalten”, sagt Decker, „heißt das noch lange nicht, dass die auch uns Mitarbeiter übernehmen.”

Altersdurchschnitt von 46 Jahren

Was Zukunftsalternativen angeht ist die 50-Jährige, wie so viele hier, pessimistisch: „Wir haben in dieser Filiale einen Altersdurchschnitt von 46 Jahren”, sagt sie, „das wird für viele von uns böse enden.” Nicht nur, dass sie Angst haben, keinen neuen Job zu finden – viele wollen doch auch gar nicht weg von „ihrem” Unternehmen! „Wir sind Karstadt”, sagt Manuela Kalden. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es das bald vielleicht nicht mehr geben soll.”

Am späten Nachmittag indes schwinden die Hoffnungen. Die Bundesregierung lehnt auch den Notkredit ab - vorerst. Und in den Kaufhäusern, so hört man, fragen die ersten Kunden in diesen Tagen bereits, wann der Schlussverkauf endlich anfange.

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