Obdachlosenhilfe

Konzert gegen das Streichkonzert

Foto: Uwe Schaffmeister

Düsseldorf. Der sozial engagierte Cellist Thomas Beckmann protestiert gegen seinen Schirmherrn, Regierungschef Rüttgers, weil der die Obdachlosenhilfe gestrichen hat.

Augen zu und - durch und durch in Bachs Arioso vertieft, protestierte Thomas Beckmann Montag Mittag mit seinem Cello auf den Treppen zum Landtag. Ein Streichkonzert gegen ein Streichkonzert der Landesregierung. Sie hat die Förderung für Obdachlosenhilfe aus dem Landeshaushalt eliminiert. Bisher waren es 1,2 Millionen Euro, verteilt auf die Städte ein eher symbolischer Betrag. Aber Thomas Beckmann, sein Verein „Gemeinsam gegen Kälte” und die lokalen Obdachlosen-Initiativen fühlen sich tief getroffen. So musiziert er und schreibt Briefe gegen den Schirmherrn seines sozialen Vereins, gegen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers.

Ein Protest der anderen Art. Der Cellist ist berühmt für sein Engagement. Seine Konzerte haben 1,5 Millionen Euro für Menschen in Not erbracht. Er hat den Landesorden bekommen und drei Bundespräsidenten hinter seiner Obdachlosenhilfe vereint: Roman Herzog, dann Johannes und Richard von Weizsäcker. Und eben Jürgen Rüttgers, den jetzigen Schirmherrn.

Zynische Bereinigung der Statistik

Jetzt sagen die Verwalter des Haushaltsplans 2009, die Obdachlosigkeit habe um 70 Prozent abgenommen. Also: Kein Geld mehr nötig. „Ich weiß, wie das geht”, sagt der Franziskanerpater Peter Amendt. „Man löst eine Obdachlosensiedlung auf, verteilt die Leute auf Wohnungen - und die Statistik ist bereinigt.” Bruder Peter weiß aber, „dass die Not damit nicht geringer wird”. Beim Erbsensuppenausteilen, mit der Schöpfkelle in der Hand, formuliert er: „Bürgerschaftliches Engagement funktioniert nur, wenn Stadt und Land Hand in Hand arbeiten.” Das kritisieren sie am intensivsten, die Obdachlosen und die Engagierten: dass das Land NRW die Vorbildrolle aufgibt und aus der gemeinsamen Verantwortung aussteigen will. So demonstrieren sie gestern am Rande der rotweiß markierten Bannmeile. Aufschrift: „Streicher gegen Streicher”.

Andere finden schärfere Worte. Der Duisburger SPD-Abgeordnete Rainer Bischoff nennt den Ministerpräsidenten einen „Zyniker, der den Sozialen spielt”. In Wahrheit steige die Landesregierung aus einer Vielzahl kleiner Projekte aus, das habe Methode. Vielleicht, weil es einst „rotgrüne Vorzeigeprojekte” waren, ahnt Bischoff.

Mit dem Landesprogramm „Hilfe für Wohnunglose”, 1996 eingerichtet, wurden über 130 Projekte in 43 Orten gefördert, Prävention und Beratung. Die SPD spricht von aktuell 13 000 Betroffenen. Die Streichung des Landesgeldes empfinden die Grünen als Skandal und wollen sie in den Etatberatungen in den nächsten Wochen verhindern. Die Not bestehe wie vor zwölf Jahren fort. Sichtbar sei nur „die Spitze des Eisbergs verschärfter Armut”, ergänzt Bruder Peter. Am Zustrom zu Armenküchen und anderen Einrichtungen lässt es sich wohl ablesen.

Nur ein Unfall der Verwaltung?

Thomas Beckmann mag gar nicht glauben, was ihm da widerfährt. Das Versiegen einer Geldquelle vergleicht er mit einer „Kirche, in der keine Kollekte mehr veranstaltet wird”. Er hält das Ganze ohnehin für einen „Unfall der Verwaltung” und hält dem Ministerpräsidenten zugute, dass er ja gar nicht alle Haushaltstitel einzeln kennen könne. Ganz fest geht er davon, dass Rüttgers es noch richtet.

Der gute Mensch am Violoncello hält auch nichts von der Verschwörungstheorie, die da sagt, dass viele zeitlich befristete lokale Wohnungsnotprojekte zufällig gerade auslaufen und in Ermangelung von Anträgen gar keine Notwendigkeit bestehe, öffentliche Mittel in den Etat zu stellen. „Nein, das kann ich nicht glauben, dass da System hinter steckt.” Da schüttelt der hochgeachtete Musiker den Kopf. Nein. Aber wenn da doch was dran wäre, „dann ist der Teufel los!”

So laute Worte sind eigentlich nicht sein Ding. Was er da vor dem Landtag tut, empfindet er als seine erste richtige Demo. „Sonst bin ich es eher gewohnt,” sagt Thomas Beckmann, „meinen Mut auf der Bühne zu zeigen.” (NRZ)

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