Tag der Begegnung

Mut und Selbstbewusstsein dank Typberatung

Sylvia Pentenrieder hat an einer Stilberatung teilgenommen. Foto: Bernd Lauter

Sylvia Pentenrieder hat an einer Stilberatung teilgenommen. Foto: Bernd Lauter

Foto: WAZ FotoPool

Solingen.   Sylvia Pentenrieder ist behindert und hat großen Spaß daran, sich schick zu machen. Sie hat an einer Typ- und Farbberatung teilgenommen - und mit ihrer „Verwandlung“ jede Menge Mut und Selbstbewusstsein getankt.

Gerade heute trägt Sylvia Pentenrieder ein T-Shirt in zartem, pudrigen Lila-Grau. Besonders hübsch sind die Pailletten vorne drauf, „Glitzer“ habe sie immer schon geliebt, sagt sie. Und deshalb hat sie ihrem Outfit nun sozusagen das Tüpfelchen auf dem „i“ aufgesetzt – mit Ohrringen und einem Armband aus Strass. Sylvia Pentenrieder ist 46 Jahre alt, poliert Scheren in einer betreuten Werkstatt und lebt in ihrer eigenen kleinen Wohnung, wo ihr heiß geliebtes Meerschweinchen „Flecki“ auf sie wartet.

Frau Pentenrieder ist geistig behindert, was aber nicht heißt, wie sie glaubhaft versichert, dass man kein Interesse daran hat, sich schön zu machen, shoppen zu gehen und sich bewundern zu lassen, weil man eine neue Frisur, neue Klamotten hat. Sylvia Pentenrieder hat an einer Typ- und Farbberatung teilgenommen. Und hat mit ihrer „Verwandlung“ jede Menge Mut und Selbstbewusstsein getankt.

Das Netzwerk Heilpädagogische Hilfen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR-HPH-Netz) ist aus den fünf heilpädagogischen Heimen des LVR hervorgegangen. Da hat sich was entwickelt - raus aus den Randzonen streben auch geistig Behinderte immer mehr in die Mitte der Gesellschaft, deren Betreuer sehen sich als Begleiter behinderter Menschen, die ihre „Kunden“ sind.

„Sie sind Leistungsempfänger“, sagt LVR-Sprecher Björn Berger. Ihre Wünsche und Bedürfnisse werden ernst genommen. Eine Mitarbeiterin bringt es in einer LVR-Broschüre auf den Punkt: „Ganz früher haben wir gesagt: Aus Dir wird nichts mehr. Dann haben wir lange Zeit gesagt: Aus Dir kann was werden. Heute sagen wir einfach: Du bist“.

Ja, sie sind wer, die 14 Frauen (und ein junger Mann), die 2008 an dem damals recht einzigartigen Projekt „Verwandlungen“ in Solingen teilnahmen. Sogar der WDR war da und drehte einen Film für die „Aktuelle Stunde“. Der zeigte, wie sich burschikose Frauen in sportliche Models verwandelten, wie Lipgloss und Rouge die Gesichter strahlen ließ, wie sich die Damen von den Farbpaletten der warmen Herbst- und kühlen Sommer-Winter-Töne verzaubern ließen.

Ein halbes Jahr dauerte das von unterschiedlichen Sponsoren getragene Stil- und Typ-Beratungsprojekt des „Freundeskreises der Rheinischen Wohngruppen in Solingen“ in Zusammenarbeiten mit dem Landschaftsverband Rheinland und diversen Behinderteneinrichtungen

Sylvia Pentenrieder wurde damals zum „Sommertyp“, hat die Freude am eigenen Stil beibehalten. Stolz zeigt sie ihre Farbpaletten mit den Farben, die besonders gut zu ihrer Haut, ihren Augen passen . Und sie zeigt das Foto, auf dem sie mit frisch gesträhnter Kurzhaarfrisur, hellblauer Bluse, die rote Handtasche fast kokett geschwungen und eine Hand in der Hüfte wie ein Profimodel strahlt.

Ihre Farben kennt Sylvia Pentenrieder nun auswendig, ganz besonders mag sie Pink und Weinrot, außerdem steht ihr beim Einkaufen ihre Assistentin Sabine Lidold zur Seite. Wenn man für einen ganzen Monat 280 Euro für die Dinge des Lebens zur Verfügung hat, muss man sich das Geld schon ganz schön einteilen, damit zum Shoppen noch was übrig bleibt.

Ohne Sponsoren geht’s nicht. Auch über das Projekt „Verwandlungen“ hinaus hat sich ein bekannter Solinger Friseursalon bereit erklärt, den Damen weiterhin die Haare zu stylen.

Außerdem gab’s bereits zwei Folgeprojekte - „Schick und Fit“, da ging’s neben Stilfragen auch darum, wie man sich durch Sport und Ernährung gesund hält, und gerade läuft noch „Freizeit inklusive Freundschaft“, kurz „FIF“ genannt. Frau Pentenrieder hat schon alles mitgemacht - Kochkurse, Nordic Walking, Ausflüge.

Was die Freundschaft anbelangt -- gegen einen netten Mann an ihrer Seite hätte sie auch nichts einzuwenden, aber in der „Schatzkiste“, die sich auf Partnervermittlung für Behinderte spezialisiert hat, war „keiner, der zu mir passt“. Bisher.

Yoga und Stadtführung

Das Stichwort heiße Inklusion, betont die Solinger LVR-HPH-Regionalleiterin Anna Elisabeth Pick. Das bedeutet die Einbeziehung von behinderten Menschen in alle Lebensbereiche - sei es der Yoga-Kurs, die Stadtbesichtigung, der Museumsbesuch.

Dort, wo es funktioniert, würde die Sensibilität gegenüber Behinderten gestärkt. Nur einfach mit ihnen vom Rand in die Städte zu ziehen, das reiche nicht. Man müsse zu echten Nachbarn werden, Nachbarn, wie sie Sylvia Pentenrieder in ihrem Haus ja auch neben sich wohnen hat. Aber - das alles brauche eben seine Zeit.

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