Soziales

Neue Vorwürfe gegen Hilfsverein

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„Kinder brauchen uns”: Ein afghanisches Mädchen wurde in die Obhut eines vorbestraften Sexualstraftäters gegeben

Mülheim. Ungeeignete Gasteltern, unklare Vormundschaf-ten und der fragliche illegale Aufenthalt afghanischer Kinder: In der inzwischen juristischen Auseinandersetzung um die Praktiken der umstrittenen Hilfsorganisation „Kinder brauchen uns” bestreitet der Mülheimer Gründer und Vorsitzende Markus Dewender weiter alle Vorwürfe. Die Behörden legten ihm in skandalöser Weise Steine in den Weg, klagte Dewender gerade und: „Alle Kinder werden von ihren Gasteltern liebevoll betreut.”

Dewender wusste um die Vorgeschichte

Im Bochumer Jugendamt lösen solche Sätze mittlerweile Beklemmung aus. Vor zwei Monaten holte das Amt ein afghanisches Mündel von Markus Dewender blitzartig aus einer Bochumer Gastfamilie heraus. Der Gastvater ist wegen schweren sexuellen Missbrauchs mit Körperverletzung und Missbrauchs in acht weiteren Fällen rechtskräftig verurteilt. Und was Jugendpfleger in Bochum und Mülheim vor allem sprachlos macht: Dewender wusste um die Vorgeschichte des Kinderschänders.

In einer Stellungnahme, die auch dem Jugendamt Bochum vorliegt, rechtfertigte Dewender ausführlich die Unterbringung. Er räumte dabei nicht nur ein, den Mann seit 2002 zu kennen, sondern ließ auch Zweifel an den Urteilen und der Schuld des Gastvaters durchblicken. Schließlich kenne er, Dewender, diesen Mann „besser als die Aktenlage”. Dieses Schreiben datiert vom 7. Oktober und fällt damit in die Zeit, in der die Stadt Mülheim ihre Bemühungen intensivierte, dem Verein den Boden zu entziehen.

Seit 2002 hat der Verein über 400 Kinder aus Afghanistan nach Deutschland gebracht, angeblich ausschließlich zu gespendeten medizinischen Behandlungen und einer Nachbetreuung in Gastfamilien. Das Engagement brachte dem Verein 2007 den Deutschen Kinderpreis und den Bambi ein, kurze Zeit später wurde Dewender als Hochstapler entlarvt. Er hatte zwei falsche Doktortitel verwendet. Nach einem halben Jahr Auszeit saß der Vorsitzende allerdings wieder fest im Sattel. Wie zuvor auch war Dewender Vormund aller einreisenden Kinder und hatte damit das alleinige Bestimmungsrecht. „Wir wussten oft gar nicht, welche Kinder sich bei welchen Familien aufhielten und ob die überhaupt geeignet waren”, klagt der Mülheimer Sozialamtsleiter Klaus Konietzka. Im Dezember 2008 rang die Stadt Mülheim dem Verein daher zumindest eine Selbstverpflichtung zu bestimmten Standards ab. „An die aber hat sich Dewender nie gehalten”, sagt Konietzka.

In der Tat: Ebenfalls im Dezember 2008 meldete Dewender ein Kind nach Bochum um, das eine besondere Geschichte hat. Nach den Akten handelt es sich um die Halbschwester von zwei afghanischen Jungen, die der Mülheimer, obwohl alleinstehend, 2002 adoptieren durfte. Das Mädchen war im Oktober 2006 nach Deutschland gekommen, angeblich zwecks medizinischer Behandlung.

Ämter machen die Vormundschaften streitig

Dewender selbst aber bringt in seinem Schreiben vom Oktober eine drohende Zwangsverheiratung in Afghanistan ins Spiel. Erst im September diesen Jahres wurden die Behörden auf die Hintergründe der Gastfamilie aufmerksam. Welche Rolle dabei dem anonymen Scheiben eines offensichtlichen Insiders zukommt, darüber machen die beteiligten Städte unter Hinweis auf schwebende Gerichtsverfahren keine Angaben.

Ähnlich verschlossen gibt sich die Duisburger Familienrechtlerin Andrea Grimmert. Die Anwältin hat beim Amtsgericht Mülheim beantragt, die Vormundschaften für 35 noch in Deutschland lebende Kinder auf die jeweiligen Jugendämter zu übertragen. Offenbar aber spielt der Bochumer Fall eine zentrale Rolle in der Beweisführung für die These, dass Dewender als Vormund ungeeignet ist.

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