Unglück

Organisierte Unveranwortlichkeit

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Foto: ddp

Köln tut sich schwer mit der Aufarbeitung des Archiveinsturzes. Verkehrsbetriebe hatten beim U-Bahn-Bau freie Hand.

Köln. Eine Stadt stand unter Schock. Mehr als eine Woche lang wurde kaum ein Wort darüber verloren, dass sich noch niemand erklären kann, wie der dramatische Einsturz des Historischen Stadtarchivs und benachbarter Wohnhäuser im Kölner Severinsviertel passieren konnte. Zwei Menschen sind getötet worden. Sie hatten keine Überlebenschance, wurden mit unvorstellbarer Wucht aus dem Dachgeschoß eines vierstöckigen Hauses gestürzt und unter meterhohen Trümmern verschüttet.

Ermittlungen gegen Unbekannt

So langsam löst sich die Schockstarre, doch die Aufklärung geht schleppend voran. Fest steht bisher nur, dass im Bereich einer Baustelle für eine neue U-Bahn unglaubliche Mengen an Kies und Erdboden Minuten vor dem Unglück in Bewegung geraten sind. Der Grund, auf dem das Archiv stand, wurde förmlich weggespült. Der Beton-Koloss fiel wie ein Kartenhaus innerhalb kürzester Zeit in sich zusammen. Die Trümmer stürzten bis zu 28 Meter tief in den Schacht des gerade erst gegrabenen U-Bahntunnels.

Wegen des Verdachts der Baugefährdung und der fahrlässigen Tötung ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft. Die Nachforschungen richten sich zunächst gegen Unbekannt, wie Oberstaatsanwalt Günther Feld betont. In der organisierten Unverantwortlichkeit zwischen Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB), der Stadtverwaltung und den am Bau beteiligten Firmen müssen die Fahnder erst ganz langsam Ordnung bringen.

Fest steht, dass über das Milliardenprojekt zwar im Vorfeld viel diskutiert wurde, dann aber wurde es still in der Stadtpolitik. Die U-Bahn sorgte hier und da für kleinere Anfragen, wenn sich mal wieder Geschäftsleute über zu lange Baustellenzeiten beschwerten. Hausbesitzer, die Setzrisse feststellten, wurden lange Zeit auch nicht wahrgenommen. Es waren einfach auch zu viele. Rund 400 Gebäudeschäden soll der Bau der U-Bahn bereits verursacht haben. Selbst als ein Kirchturm umzukippen drohte, vermittelten die KVB stets den Eindruck, sie habe alles „im Griff”.

Kritische Fragen wurden in der Vergangenheit von den formal Verantwortlichen gerne „abgebügelt”. So reagierte ein KVB-Sprecher äußerst genervt und aggressiv, als Setzrisse auch am Historischen Kölner Rathaus auftauchten – ganz in der Nähe zur Baustelle der U-Bahn. Eine Information der Kommunalpolitik über die Lage auf den Baustellen hielten die Verkehrsbetriebe nicht für nötig. Dass an der Severinstraße Probleme mit Grundwasser aufgetreten sind, dass man trotz Forderungen von Gutachtern auf die Einschaltung eines Sachverständigen für Bauschäden verzichtet hat, erfuhren die Politiker erst nach dem Unglück. Genauso hilflos hinterließen die KVB-Manager allem Anschein nach Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU). Er habe nicht wissen können, dass es derart umfangreiche Probleme beim U-Bahnbau gegeben habe, rechtfertigt er sich in diesen Tagen oft: „Ich wurde nicht informiert.” Dabei wäre es seine Aufgabe gewesen, sicherzustellen, jederzeit über alles Wesentliche auf dem Laufenden gehalten zu werden.

Wer hat was wann gewusst – und was getan, um Gefahren abzustellen? Eine Sondersitzung des Stadtrates gab wenig Aufschluss. Alle zwei Wochen soll jetzt im Rathaus über den Stand der Aufarbeitung des Unglücks informiert werden. Bisher wird eher gemauert.

Fehlende Kontrolle

Einer der wenigen, die sich bisher geäußert haben, ist Ex-Baudezernent Béla Dören (SPD). Sein Weg zeigt anschaulich, wie stiefmütterlich der U-Bahnbau behandelt wurde. Dören war ab 2001 nur ein knappes Jahr zuständig, dann wurde ihm das Projekt entzogen. Vorher war ein anderer Dezernent federführend, danach wechselte die Verantwortung – zur KVB. Eine umfangreiche Kontrolle durch die Stadt, der schließlich die KVB gehören, vermissten Kritiker schon damals.

Dören versteht nicht, dass mehr als eineinhalb Wochen nach dem Unglück immer noch über die Ursache gerätselt wird. „Was ist dann mit den anderen Baustellen?”, fragt der Ex-Dezernent. Solange die Ursache nicht tatsächlich erklärbar sei, könne man nicht ausschließen, dass an anderen Baustellen ein ähnliches Unglück droht. Ein vorläufiger Baustopp allein böte nicht genügend Sicherheit. Im Prinzip hätte überhaupt kein Grundwasser in die Baustelle eindringen dürfen, sagte Dören im Gespräch mit der NRZ: „Als das abgepumpt werden musste, hätte man in Hab-Acht-Stellung gehen müssen.” Womöglich sei aus Kostengründen auf aufwändigere, sicherere Methoden bewusst verzichtet worden.

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