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Präses Nikolaus Schneider fürchtet mehr soziale Kälte

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Essen. Der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland Nikolaus Schneider befürchet Sozialabbau zur Krisen-Finanzierung. Er begrüßt das Berliner Urteil, das einem muslimischen Schüler das Beten ermöglicht. Er fordert aber auch Religionsfreiheit für Christen - etwa in der Türkei.

Mit Blick auf die schwarz-gelbe Bundesregierung fürchtet der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, mehr soziale Kälte in Deutschland. „Diese Sorge habe ich, ganz klar”, sagte er der NRZ. „Ich fürchte, dass sich der Lobbyismus jetzt besser in der Politik verankert”, um zu verhindern, dass die Verursacher der Finanzkrise an den Kosten für die Krisenbewältigung beteiligt werden. „Dann wird die Krise am Ende durch Abbau des Sozialstaats finanziert.”

Schneider begrüßt das Gerichtsurteil, das eine Berliner Schule verpflichtet, einem muslimischen Schüler das Beten zu ermöglichen. Er verlangt aber im gleichen Zug auch für Christen Religionsfreiheit, etwa in der Türkei. Dort würden Kirchen „diskriminiert und marginalisiert”, so Schneider. „Wenn das dort noch eine Generation so weitergeht, wird mancherorts urchristliches Leben aussterben. Dann hat uns der Islam dort erfolgreich verdrängt.”

Die katholische Kirche scheint mit der neuen Koalition in Berlin nicht richtig warm zu werden - wie sieht das bei Ihnen aus?

Präses Nikolaus Schneider: Ich sehe Schwarz-Gelb auch nicht ohne gewisse Sorge entgegen. Ich frage mich etwa, ob es wirklich gelingt, die Verursacher der Finanzkrise an den Kosten für die Krisenbewältigung zu beteiligen. Ich fürchte, dass sich der Lobbyismus jetzt besser in der Politik verankert, um dies abzuwenden. Dann wird die Krise am Ende durch Abbau des Sozialstaats bezahlt. Auch die Energiepolitik macht mir Sorgen. Bei den Laufzeiten der Kernkraftwerke darf es keine rückwärtsgewandte Politik geben.

Sie fürchten mehr soziale Kälte in Deutschland?

Schneider: Diese Sorge habe ich, ganz klar. Ich fürchte, dass mit Verweis auf die Staatsverschuldung soziale Leistungen wieder zurückgefahren werden.

Die FDP möchte das Entwicklungshilfeministerium dem Auswärtigen Amt zerschlagen. Was halten Sie davon?

Schneider: Davon bin ich wenig begeistert. Ich sehe die Entwicklungspolitik als eine eigenständige Aufgabe vor allem unter Gerechtigkeitsaspekten - und nicht vor dem Hintergrund außenpolitischer oder wirtschaftlicher Interessen.

Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf die Kirche aus?

Schneider: Geht es den Menschen schlecht, geht es auch der Kirche schlecht. Unser Steueraufkommen hängt unmittelbar mit der Zahl der Arbeitsplätze zusammen - und so spüren wir bereits Einnahmerückgänge. Außerdem registrieren wir durch die Krise steigende Austrittszahlen. Das war in den vergangenen zehn Jahren völlig anders. Da ging die Zahl der Austritte in der rheinischen Kirche auf zuletzt rund 13 000 pro Jahr zurück - und die Zahl der Eintritte stieg auf bis zu 7700. Jetzt gehen diese Zahlen wieder auseinander: 2008 waren es 18 000 Austritte bei 6800 Eintritten.

Heißt es nicht „Not lehrt beten”? Da sollte es der Kirche in der Krise doch gut gehen.

Schneider: Not lehrt beten, aber nicht den Eintritt in die Kirche. Die Fragen nach Glauben nehmen schon zu. Die Zeit der Spaßgesellschaft ist vorbei, und die Menschen fragen wieder sehr viel ernsthafter „Wer bin ich?” und „Weshalb bin ich auf dieser Welt?” Die Grundfrage heißt immer: „Was ist der Mensch?” Und wenn ich die Frage nach dem Menschen stelle, stelle ich automatisch die Frage nach Gott.

Offenbar profitieren die Kirchen derzeit nicht sonderlich stark von dieser guten Glaubens-Konjunktur.

Schneider: Diese Fragen werden nicht immer nur an uns gestellt, weil es mittlerweile einen breiten Markt an spirituellen Angeboten gibt. Doch wir christlichen Kirchen haben riesige Chancen: Wir haben die frohe Botschaft, dass Gott den Menschen so annimmt wie er ist, und dass man sich Gottes Liebe nicht verdienen muss. Zudem haben wir viele geistlich sehr begabte Persönlichkeiten, die Menschen ansprechen können - und eine unschlagbare Infrastruktur. Neben unseren Sinnangeboten sind in den Gemeinden vor Ort derzeit aber auch unsere diakonischen Angebote massiv gefragt.

Und wie gut können Sie diese unter dem finanziellen Druck aufrechterhalten?

Schneider: Wir kämpfen darum, sie zumindest in Relation zu den Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, aufrechtzuerhalten. Nun kommt es darauf an, wie sich unsere Einnahmen entwickeln. Unsere Kirche ist nicht überschuldet - und dabei soll es bleiben.

Sie fürchten staatlichen Sozialabbau, müssen aber womöglich selbst soziale Einrichtungen infrage stellen - ist das glaubwürdig?

Schneider: Allein die rheinische Kirche gibt gut zehn Prozent ihrer Kirchensteuereinnahmen für Kindertagesstätten aus. Welch bestens ausgestattete Kinderbetreuung hätten wir, wenn der Staat das auch machen würde? Wir lassen uns da in die Pflicht nehmen - doch alles halten, wenn die Kirchensteuer weniger wird? Das geht nicht. Außerdem sollen in Deutschland nach dem Subsidiaritätsprinzip möglichst viele Akteure gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen - sie sollen sie aber nicht alleine finanzieren. Wir tragen zum Beispiel im Kindergartenbereich einen Teil der Kosten für eine Aufgabe, die wir im Auftrag des Staates wahrnehmen. Wenn seitens der Politik nun gefordert wird, wir sollten noch mehr zahlen, dann muss man die Akteure auch daran erinnern, dass es für den Staat ohne unser Engagement deutlich teurer würde.

Profitiert die evangelische Kirche vom deutschen Papst Benedikt XVI.?

Schneider: Zumindest wird der Glaube für mehr Menschen interessanter. Dank Benedikt hört die Öffentlichkeit stärker hin.

Inwieweit braucht Ihre Kirche dann etwas Ähnliches wie den Papst - eine Leitfigur, die jeder kennt?

Schneider: Für die Medienöffentlichkeit wäre so etwas wirklich gut. Bei uns gibt es das aber nicht institutionell, das kann sich nur in einem Amt entwickeln. Wolfgang Huber ist als EKD-Ratsvorsitzender ein Glücksfall für uns, der macht das genial.

Wird seine Nachfolgerin das auch so genial machen?

Schneider: Auch Margot Käßmann - wenn sie denn seine Nachfolgerin werden sollte - geht absolut souverän mit den Medien um. Doch ihre Wahl ist noch nicht entschieden. Das wird Ende des Monats auf der EKD-Synode noch mal ein ganz eigener, dynamischer Prozess - wenngleich Margot Käßmann klar die Favoritenrolle hat.

Was halten Sie von dem Urteil, das eine Berliner Schule verpflichtet, einem muslimischen Schüler das Beten zu ermöglichen?

Schneider: Wir wollen eine positive Religionsfreiheit, deshalb halte ich das Urteil für völlig richtig. Mein Eintreten für diese Freiheit verbinde ich aber gerade Türken gegenüber immer auch mit der Bitte, in ihrer Heimat dafür Sorge zu tragen, dass christliche Kirchen nicht weiter diskriminiert und marginalisiert werden. Wenn das dort noch eine Generation so weitergeht, wird mancherorts urchristliches Leben aussterben. Dann hat uns der Islam dort erfolgreich verdrängt.

Auf welchem Weg ist die Ökumene in Deutschland?

Schneider: Da bewegt sich im Augenblick nicht viel - und ich erwarte von Papst Benedikt auch keine Fortschritte. Aber die Ökumene ist besser als ihr Ruf. Wir haben in den vergangenen 40 Jahren viel erreicht, was im Grunde ein Wunder vor dem Herrn ist. Doch jetzt sind wir an den ganz harten und schwierigen Fragen angekommen, den Fragen nach dem Kirchenverständnis und nach dem Verständnis des Priesteramts. Die Priesterweihe zum Beispiel ist für uns nicht biblisch begründet, während es für unsere katholischen Freunde ohne Priesterweihe kein gültiges Abendmahl und damit keine gültige Kirche gibt.

Vor 20 Jahren haben Menschen in Ostdeutschland erst gebetet, bevor sie zu den Montagsdemonstrationen gegangen sind. Wird die Rolle der Kirchen auf dem Weg zur Einheit heute zu wenig wahrgenommen?

Schneider: Die Kirchen haben einen ganz wesentlichen Beitrag auf dem Weg zur Einheit geleistet. Zum einen, weil sie der Opposition ein geschütztes Dach geboten haben, egal ob die Leute gute Christen waren oder nicht. „Offen für alle” stand auf den Schildern an der Leipziger Nikolaikirche. Zum anderen hatten die Kirchen einen wesentlichen Einfluss darauf, dass die Revolution friedlich geblieben ist. „Keine Gewalt”, riefen die Leute, als sie nach den Montagsgebeten aus den Kirchen kamen. Heute gibt es schon Enttäuschung darüber, dass die Menschen durch diese positiven Erfahrungen mit der Kirche nicht auch wieder stärker einen Zugang zu uns gefunden haben. Die Hoffung, dass da ein paar mehr Samenkörner aufgehen, war eine Illusion.

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